Historische Meldungen aus dem Jahr 1910

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August

September

Oktober

November

Dezember

 

08. Dezember 1910
Vor einem Hause der Chemnitzer Straße entstand gestern abend ein Menschenauflauf, verursacht durch ein dort wohnendes Ehepaar, daß dermaßen in Streit geraten war, daß die Frau den Ehemann mit Prügeln bedrohte. Beide sagten sich natürlich keine Schmeicheleien, sodaß sich das Publikum nicht langweilte.

09. Dezember 1910
Der Neubau der vor einem Jahr abgebrannten Lieberknechtschen Maschinenfabrik ist nun soweit fertiggestellt daß die Handwerker im Innern der Fabrik die letzten Arbeiten vollenden. Eine große Anzahl Arbeitsmaschinen sind bereits in den neuen Räumen aufgestellt, sodaß der volle Betrieb in der nächsten Zeit wieder aufgenommen werden kann. Auch die beiden anderen Fabrikerweiterungsbauten der Webfabrik C. F. Jäckel und der Nadelfabrik von Anton Haase sind äußerlich vollendet. Auch in diesen Neubauten legt man im Innern die letzte Hand und dürften die maschinellen und Betriebs-Einrichtungen so schnell als möglich fertig gestellt werden. Die Firma C. F. Jäckel wird demnächst noch eine größere Anzahl mechanische Webstühle aufstellen.

11. Dezember 1910
Gestern abend gegen ½ 6 versagte plötzlich der elektrische Strom und erst ½ 8 konnten die Abnehmer wieder in Besitz von Licht und Kraft treten. Daß dieses Versagen gerade in der regen Geschäftstätigkeit peinliche Störungen hervorrief, ist selbstverständlich, und wohl dem, der neben dem Glühlicht noch Gas zur Verfügung hatte und diesen nie versagten Lichtspender zu Hilfe rufen konnte. Wie wir hören, war in einem der Transformatoren eine Sicherung durchgebrannt. Solche Störungen werden bei elektrischer Energie nie ganz zu vermeiden sein; nur sollten sie nicht so oft eintreten wie in letzter Zeit. Vor kaum vier Wochen erst  war stundenlang die Stromlieferung unterbrochen, da der starke Schneefall Leistungen und Masten beschädigt hatte.

14. Dezember 1910
Ein bedauerlicher Unglücksfall trug sich am Sonntag gegen Abend im Hüttengrund zu. Der dort in der Nähe des Mineralbades wohnende, in den 60er Jahre stehende Maurer und Hausbesitzer Herrmann Lorenz stürzte in einem Schwindelanfall die Treppe herab. Er fiel mit solcher Wucht in die Hausflur, daß er eine schwere Verletzung des Rückrates und einen Genickbruch erlitt, sodaß er auf der Stelle tot war. Lorenz war Veteran und hatte die Feldzüge von 1866 und 1870 mitgemacht. Der Unfall ist umso bedauerlicher, als die Ehefrau des Verunglückten schon seit sechs Jahren schwer krank daniederliegt.

16. Dezember 1910
Ein Diebstahl ist in einer hiesigen, ziemlich freistehenden Villa verübt worden. Dort fand ein Fremder Zutritt, der jedenfalls zu betteln beabsichtigte. Er kam dabei in einen Vorraum, der zur Kleiderablage dient, und nahm dort einen hellgrauen Sommer-Ueberzieher an sich, in dem ein auf einen ansehnlichen Betrag lautendes Sparkassenbuch steckte. Von dem Spitzbuben, einem jungen Manne, hat man nur eine ungenaue Beschreibung. Er trug einen dunkelbraunen weichen Filzhut, unter dem Jackett einen schmutzig-weißen Schwitzer und führte eine schwarze Ledermappe mit sich. Beim Verlassen der Villa trug er den Ueberzieher auf dem Leibe und flüchtete.

25. Dezember 1910
Im hiesigen Armenhause fand gestern nachmittag ½ 5 Uhr unter Beisein des Herrn Bürgermeister Dr. Patz, des Herrn Stadtrat Reinhard und einiger Herren Stadtvertreter die Weihnachtsbescherung statt. Kerzenschimmer, helles Lied und herzliches Wort brachten für die fünf Insassen der Anstalt die rechte Feststimmung, die noch durch die den Armen bereiteten Gaben wesentlich erhöht wurde. Danach hielt der Weihnachtsmann Einzug im Waisenhause, wo ihn erwartungsfrohe Gesichter der acht Kinder und 15 Insassen begrüßten. Auch hier dieselbe schlichte Feier, nachdem sich noch Kollegien den im Armenhause anwesenden zugesellt hatten. Nur war hier das Regen und Bewegen ein etwas reicheres; denn wo gläubige Kinderherzen mit beteiligt sind, da ist die Stimmung von selbst etwas lebhafter. Für die Veranstalter aber war es mitbeglückend, den Kindern, denen Elternhaus und Vater und Mutter, und den Insassen, denen ein eigenes trautes Heim versagt ist, eine rechte Freude bereitet zu haben. Zuletzt kam die frohe Botschaft vom Heiland, der die Kranken heilte, auch zu den Aermsten der Armen, denen des Leibes Gesundheit versagt ist: zu den Krankenhausinsassen. Alle, auch die Bettlägerigen, waren im Festraum versammelt und allen wurde durch die herzlichen Worte, durch frohes Lied und die Anteilnahme der Miterschienenen eine rechte Weihnachtsfreude zuteil, gleichviel, ob unter den Kranken unglückliche Ortsangehörige, kranke Dienstboten oder Ritter von der Landstraße mitversammelt waren. In allen drei Anstalten verkündete Herr Pastor Dybeck das Weihnachtsevangelium und Frau Pastor Dybeck verschönte durch Harmoniumbegleitung die Feiern, während acht Chorknaben von St. Trinitatis durch frischen Gesang erfreuten.

Wie wir von gutunterrichteter Seite erfahren, ist nunmehr, nachdem alle Vorarbeiten erledigt und alle Schwierigkeiten behoben sind, die Ausführung der elektrischen Straßenbahn von Hohenstein-Ernstthal über Gersdorf nach Oelsnitz der Aktiengesellschaft für Bahnbau und Betrieb in Frankfurt a.M. übertragen worden. Der Bau der Bahn wird, soweit jetzt vorauszusehen, schon im zeitigen Frühjahr seinen Anfang nehmen.


05. November 1910
Von drei 25kerzigen elektrischen Glühlampen, nach Inbetriebnahme gestern abend erstmalig erleuchtet, bot die neue Bahnhofsuhr einen geradezu erfreuenden Anblick. Von der Weinkellerstraße her in die Straße Am Bahnhof eintretend, erblickt man klar und deutlich den Zeitmesser, berufen, die rechtzeitig zum Bahnhofe Gehenden zu beruhigen, die Spätlinge dagegen an die „höchste Eisenbahn“ zu gemahnen. Die städtischen Kollegien verdienen vollsten Dank für das durch ihre Anregung bei der Staatseisenbahnverwaltung Erreichte.

In diesem Monat besteht die Firma Gustav Silbermann hier ihr fünfundzwanzigjähriges Geschäftsjubiläum. Sie wurde im Jahr 1885 gegründet und ein Jahr später vom jetzigen Inhaber, Herrn Max Berndt übernommen, der das Geschäft durch Strebsamkeit und Umsicht zu immer größerer Ausdehnung brachte. Die Geschäftslokalitäten wurden mehrmals vergrößert, ein Beweis, daß sich der Kundenkreis immer mehr erweiterte. Wir wünschen, daß das Geschäft auch in dem neuen Vierteljahrhundert sich weiterer Blüte und Entwicklung erfreuen möge.

15. November 1910
Ein Wasserrohrbruch, der die städtischen Arbeiter und Beamten gegen 2 Uhr nachts zur Arbeit rief, ereignete sich in der Nacht zum Sonntag auf der Karlstraße, wo man gegenwärtig an der durch besondere Umstände erschwerten Legung der Leitungsröhren für die neue Hochdruckwasserleitung arbeitet. Durch den Bruch war ein Teil der oberen Stadt längere Zeit ohne Wasser, während die angrenzenden Keller stark gefährdet waren.

Wenn auch die Rodelbahn noch nicht offiziell eröffnet worden ist, so belustigten sich doch auf dem Köhlerschen Wiesengrundstück im Goldbachgrund die diesem gesundheitsfördernden Sport. Doch meinte es die Sonne zu gut mit dem Schnee, sodaß kurz nach mittag das Vergnügen wieder eingestellt werden mußte.

16. November 1910
Vor einiger Zeit wurde bekanntlich in hiesiger Stadt eine Baugenossenschaft gegründet, die die Errichtung von Wohnhäusern später einmal in eigener Regie unternehmen will. In ähnlicher Weise haben sich auch in einigen umliegenden Orten Mieter zusammengetan und dort ebenfalls Baugenossenschaften gegründet. Dieses Vorgehen ist eigentlich nicht neu. In der früheren Stadt Ernstthal bildete sich bereits in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine „Gemeinnützige Baugesellschaft“. Den Anlaß hierzu gab der damals starke Wohnungsmangel, der so fühlbar war, daß grundsätzlich keine Wohnung in Ernstthal zu erhalten war, trotzdem sich in diesen Jahren ein Aufschwung in der Webindustrie bemerkbar machte und infolge der von der Firma Beyer (damaliger Inhaber Herr Fritz Stöhrel) eingeführten Deckenindustrie Ansprüche an größere Wohnungen gestellt wurden. Die Deckenwebstühle waren breiter und schwerer, als die damals üblichen Kleiderstoff- und Westenstühle, weshalb eine Nachfrage nach geeigneten Weberwohnungen immer reger wurde. Und dies gab den Anlaß mit, daß eine Anzahl Bürger zusammentraten und in Ernstthal, der jetzigen Neustadt, eine „Gemeinnützige Baugenossenschaft“ gründeten. Geld wurde damals ebenfalls durch Anteile aufgebracht und es dauerte auch nicht lange – die Stadtbehörde unterstütze den neuen Verein aufs beste -, so konnte an den Bau von Wohnhäusern gegangen werden. So entstanden in der Neustadt damals mehrere Wohnhäuser. Der geschickte Griff der Genossenschaft war, daß sie einige Wohnhäuser anfangs der 70er Jahre in der Nähe des Neustädter Schützenhauses errichtete, wodurch die heutige „Aktienstraße“ entstand. Die in der damaligen Zeit aufstrebende Webindustrie und der billige Baugrund riefen bald Bauluft hervor und es währte nur einige Jahre, so hatten sich Privatleute gefunden, die den eingeschlagenen Weg der Baugenossenschaft weiter förderten und eine Anzahl Häuser auf eigene Rechnung herstellten. An die Aktienstraße schloß sich bald der Anbau der Oststraße an, wo ebenfalls von Jahr zu Jahr weitere Wohnhäuser entstanden und diese Neubauten bald einen Stadtteil für sich bildeten. Infolge der regen Baulust und des dadurch geschaffenen Wohnungsüberflusses trat die „Gemeinnützige Baugenossenschaft“ am 21. September 1874 zusammen und beschloß in der Generalversammlung einstimmig ihre Auflösung. Der Vorstand bestand damals aus den Herren Wilh. Vogel und C.G. Held, Männer, die längst der grüne Rasen deckt, die aber eigentlich die damalige Stadt Ernstthal in der Entwicklung stark mit fördern halfen.

18. November 1910
Wie schon in der letzten Nummer unseres „Tageblatts“ berichtet, wurde in der Nacht zum Dienstag in der Unterkunftshalle des Naturheilvereins in diesem Jahre zum vierten Mal eingebrochen. Die Beute, die den Einbrechern in die Hände gefallen ist, war auch diesmal wie bei den vergangenen Einbrüchen eine minimale, der Schaden an Schränken usw. jedoch bedeutend, beim letzten Mal um so mehr, weil das lichtscheue Gesindel den Geldschrank schwer beschädigte.
Um nun jeden Verdacht von Unschuldigen abzulenken, kam die Verwaltung des Naturheilvereins dem Beschluß seiner Mitglieder nach und ließ einen Zwickauer Spürhund kommen. Herr Wurlitzer ging mit seinem Hund in Begleitung des Herrn Oberwachtmeisters Noack und einiger Mitglieder des Vereins nach dem Vereinsgrundstück. Der Hund nahm in der Unterkunftshalle die Spur auf, wurde dann an der Ostseite der Halle eingesetzt und gab folgende Spur an: Von der Unterkunftshalle aus lenkte er nördlich um die Halle nach Westen, an der Westseite herunter hinter dem Vereinsbrunnen auf den Weg nach der Ostseite der Halle. Hierauf stellte der Hund den Ausgang des Diebes an der Nordspitze des Grundstückes fest.
Von da aus führte die Spur an der Ostseite außerhalb des Zaunes nach den Steinbruch, durch die Erzgebirgsanlagen nach den Ausgang derselben zwischen dem Leng´schen Haus und den Vogelschen und Müllerschen Häusern über die äußere Dresdnerstraße nach der Neuen Straße (genannt Lohschneiderweg) über die Hohe Straße bis an die Chemnitzerstraße. Von da aus verlor der Hund die Spur, was wohl auf den regen Verkehr auf der dortigen Straße zurückzuführen ist. Ist es auch dem gewissenlosen Gesindel diesmal gelungen, unerkannt zu entkommen, so gibt die Verwaltung des geschädigten Vereins die Hoffnung noch nicht auf, es dingfest zu machen. Es werden daher alle Einwohner gebeten, der Polizei sowie der Verwaltung des Naturheilvereins bei der Ausfindigmachung der Einbrecher behilflich zu sein.
Der Verein, der nur gemeinnützigen Zwecken dient, darf sich wohl der sicheren Hoffnung hingeben, daß diese Bitte allenthalben Anklang findet.

27. November 1910
In noch ziemlich körperlicher und geistiger Frische feierte am gestrigen Freitag der auf der Karlstraße wohnende Webermeister und Hausbesitzer Karl Friedrich Funke mit seiner Gattin Wilhelmine die goldene Hochzeit. Dem Jubelpaar, dem sieben Kinder, 27 Enkel und 1 Urenkel zur Seite stehen, wurden im Laufe des Festtags viele Ehrungen bereitet. Auch Herr Pfarrer Albrecht erschien in deren Wohnung und segnete es ein, wobei er eine Ehrenbibel überreichte. Dem hochbetagten Ehepaar sind leider auch des Lebens Sorgen und Stürme nicht erspart geblieben.
Wir schließen uns den zahlreichen Gratulanten an und wünschen dem im Alter von 77 und 75 Jahren stehenden Jubelpaar noch einen langen sorgenlosen Lebensabend.

In einem hiesigen Fabrikbetriebe geriet gestern eine auf der Schützenstraße wohnende jüngere Ehefrau in eine Maschine, wodurch ihr ein Glied des rechten Zeigefingers abgedrückt wurde. Sie mußte sofort in ärztliche Behandlung gegeben werden und dürfte längere Zeit arbeitsunfähig bleiben.


01. Oktober 1910
Wir berichteten vor einiger Zeit über eine Zeugen unseres früheren Erzbergbaues, über die sogenannte Eisenhöhle im Fürstlich Schönburgischen Walde. Heute wollen wir noch eines solchen alten zeugen aus jener Zeit Erwähnung tun. Wir meine die „Rote Mühle“ im Goldbachgrunde, die auch noch ein Überbleibsel des einstmals schwungvoll betriebenen Bergbaus ist. Die „Rote Mühle“ dürfte nach alten Archivaufzeichnungen mindestens ein Alter von 550 Jahren haben und ist entstanden, als der Bergbau in höchster Blüte stand. Sie ist eigentlich ein Pochwerk gewesen und gehörte damals zum Lampertusschacht. Während man damals das Arsenik im Hüttengrunde verarbeitete und das Silber nach Freiberg schaffte, wurde in der „Roten Mühle“ das Gold sortiert und bearbeitet, sodaß der vorbeiführende Bach den Namen Goldbach erhielt. Die einsam und idyllisch im Tale gelegene Mühle könnte vieles aus der alten Väterzeit erzählen, wenn das alte, vom Zahn der Zeit arg mitgenommene Gemäuer reden könnte. An ihr vorbei führte auch der Kirchweg nach Oberlungwitz, da bekanntlich unsere damals junge Stadt noch nach dort eingepfarrt war. Später, als der Bergbau zurückging, wurde die Mühle zum Getreidemahlen eingerichtet, und, während viele Mühlen der Umgebung ihre Tätigkeit infolge der fortschreitenden Technik einstellen mußten, übte der jetzige Besitzer der Mühle Herr Otto Uhlig, der sich nun etwa 27 Jahre in ihrem Besitze befindet, dieses Handwerk noch heute aus und oft tagelang kann man das lustige Klappern hören. Es war ein glücklicher Griff unseres heimischen Malers Herr Baumgärtel, daß er die „Rote Mühle“ im Bilde verewigte und selbiges unserem Stadtmuseum überwies.

09. Oktober 1910
Gestern überfuhr ein hiesiger junger Mann auf der Schützenstraße die 9jährige Tochter eines dort wohnenden Bahnbeamten. Das Kind wollte über die Straße gehen, wurde aber dabei von dem sehr unvorsichtig und scharf fahrenden Radler niedergerissen, während der junge Mann selbst vom Rade abstürzte. Leider war derselbe rücksichtslos genug und fuhr weiter, ohne sich um das von ihm überfahrene Kind zu kümmern. Von einer hinzukommenden Frau wurde es aufgehoben und in die elterliche Wohnung gebracht. Zum Glück scheint das Kind, außer Hautabschürfungen im Gesicht und den Beinen, keinen nennenswerten Schaden davongetragen zu haben.

12. Oktober 1910
Die erste Plakatsäule in unserer Stadt gelangte heute zur Aufstellung, und zwar auf dem Altmarkt gegenüber dem Eingang zur Apotheke. Die Ausübung der geschäftlichen Reklame durch Anschlag von Plakaten an die bisher im Gebrauch befindlichen Tafeln hat hierorts immer größeren Umfang angenommen, und so dürfte zu erwarten stehen, daß dieser ersten Plakatsäule bald weitere folgen werden.

15. Oktober 1910
Die Heiratsfreude gründlich verdorben wurde dem 24 Jahre alten, im Hüttengrunde wohnenden Fabrikarbeiter Müller. Derselbe war vorigen Herbst vom 106. Infanterie-Regiment in Leipzig, wo er seine Dienstzeit absolviert hatte, entlassen worden und wollte diesen Sommer heiraten. Bei Versorgung der hierzu nötigen Urkunden stellte sich nun heraus, daß Müller eigentlich österreichischer Untertan war. Sein Vater, der bereits 15 Jahre tot ist, war in der Jugend nach hier übersiedelt, ohne jemals die deutsche Staatsangehörigkeit zu erwerben. Die österreichischen Behörden verweigerten nun die erbetenen Papiere und forderten Müller auf, sich der dortigen Militärbehörde zu stellen, welchem Verlangen er auch schließlich gerecht wurde. Er wurde nun dort nochmals für 3 Jahre zum Militär ausgehoben und mußte bereits vorigen Dienstag bei seinem Truppenteile in Oesterreich eintreffen. Da Müller seiner Militärpflicht schon in Deutschland genügt hatte und auch seine alte kranke Mutter unterstützen mußte, reichte er sein Gesuch um Befreiung bei den österreichischen Behörden ein, jedoch ohne Erfolg. Müller ist hier geboren und deshalb in die Rekrutierungsstammrolle mit eingetragen worden, ohne daß damals bemerkt wurde, daß er ausländischer Untertan war.

16. Oktober 1910
Als letzte der diesjährigen größeren Straßenbauten ist vom Stadtrate im Laufe der vergangenen und dieser Woche die Beschotterung der Conrad Claußstraße vorgenommen worden. Die Straße wurde auf ihrer ganzen Strecke mit dem bedeutend härteren sogenannten Hartmannsdorfer Stein belegt. Man verspricht sich davon eine längere Haltbarkeit der Straßendecke und eine geringere Staubentwicklung. Die nötigen Walzarbeiten wurden von der Firma Waka Chemnitz mit der dreihundert Zentner schweren Dampfwalze aufgeführt. Das „gewichtige“ Gefährt ließ sich auch auf der Moltkestraße*1 und an der Kreuzung Schulstraße-Zillplatz sehen wo Ausbesserungen vorgenommen worden. Mit der Beendigung dieser Arbeiten dürfte das heurige Straßenbaujahr für die Stadtgemeinde beendet sein. Es brachte für sie wieder bedeutende Ausgaben, da bekanntlich im Frühjahr die Dresdnerstraße auf eine über einen Kilometer lange Strecke beschottert wurde, deren Kosten sich allein auf über 8000 Mark stellten.

Ein ehrenwürdig Dokument, nämlich die Artikel des Hohensteiner Schneiderhandwerks, erneuert am 1. Mai 1652 durch Wolff Friedrich, Herrn von Schönburg, wurden nachdem sie zum Stadtjubiläum im Rathaussaale mit ausgestellt worden waren, von ihrem Besitzer dankenswerterweise dem Stadtmuseum überwiesen. Es ist hieraus zu ersehen, daß sich noch manche wertvolle Altertümer, die der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden sollten, im Privatbesitz vorfinden. Gewiß ist es gut für solche Sachen, wenn sich zu Zeiten der Veräußerung ein Liebhaber für sie fand, der sie vor dem Untergang, aber auch vor dem Wegtragen aus dem Orte bewahrte. Nachdem aber nun ein Stadtmuseum begründet worden ist, wäre es freudig zu begrüßen, wenn die oben erwähnte Unterstützung Nachfolge fände, wobei nicht unerwähnt bleiben soll, daß es auch geglückt ist vorher schon früheres Innungseigentum, wenigstens leihweise, für das Stadtmuseum aus Privatbesitz zu verlangen.

29. Oktober 1910
Einen höchst raffinierten Diebstahl verübte ein Unbekannter gestern an zwei kleinen Knaben; er hielt die zwei Jungen, die 4 und 6 Jahre alt sind und von denen der ältere ein paar neue Stiefel geholt hatte, an, beauftragte den größeren, ihm in einem nahen Laden eine Zigarre zu 10 Pfg. zu holen und wartete nur den Augenblick ab, bis der Junge jenen Laden betreten hatte, um mit den Stiefeln, die mittlerweile der kleinere Knabe trug, schleunigst zu verschwinden. Bis jetzt fehlt von dem Frechling jede Spur, Die bestürzten Knaben konnten nur angeben, daß der Spitzbub ein großer Mensch mit schwarzem Schnurrbart war.


01. September 1910
Im Mineralbad Hohenstein-E. findet, wie wir schon kurz mitteilten, morgen Donnerstag abend von ½ 8 Uhr an eine Reunion statt, mit welcher die dortigen Kurgäste eine Abschiedsfeier von ihrer Erholungsstätte begehen. Sie haben sich aufs angelegentliche bemüht, nur Vorzügliches zu bieten und diesen Abend zu einem der schönsten zu gestalten. In herrlichem Schmucke präsentiert sich der schöne Festsaal, der einen Ausschnitt aus dem frischen grünen Walde darstellt, und es ist in vorsorglicher Weise darauf Beobacht genommen worden, daß die Gäste, die sich hoffentlich auch recht zahlreich aus der Einwohnerschaft unserer Stadt einstellen, in jedem Betracht angenehme Stunden verleben werden. Die Festgeber haben, um dem Abend eine höhere Bedeutung zu geben, eine Anzahl Künstler zu Darbietungen gewonnen, so einen Violin-Virtuosen, der in London und anderen Städten Englands usw. seinen guten Ruf aufs Beste bewährte, einen Solo-Trompeter aus Dresden, eine Gesangskünstlerin aus Chemnitz. Schon diese kurzen Angaben dürften volle Gewähr für ein volles und schönes Gelingen des Abends bieten. Besonders hervorgehoben sei noch, dass der Besuch dieser Reunion ein völlig eintrittsfreier ist.

18.September 1910
Die Zahl der Fabrikessen in unserer Stadt ist wieder um eine vermehrt worden. Die Firma Anton Haase, Nadelfabrik, die einen größeren Fabrikerweiterungsbau ausgeführt, läßt eine solche erbauen. Die neue Esse, die ziemlich fertiggestellte ist überragt die alte noch um 4 Meter. Es macht einen etwas beängstigenden Eindruck, den Maurer in dieser Höhe arbeiten zu sehen und wie die Baumaterialien von außen mittels Leinen in die Höhe befördert werden. Die Esse wird, wie wir hören, 30 Meter hoch und soll den Zwecken der Härterei dienen.

Ein Unfall, der glücklicherweise ohne Schaden für die Beteiligten ablief, passierte vorgestern nach Arbeitsschluß auf der Dresdnerstraße. Ein Radfahrer, der nach der Stadt zurückkehrte, überfuhr bei den Friedhofsanlagen ein in der Nähe wohnendes 8jähriges Mädchen. Trotzdem der Radler nicht zu schnell fuhr, auch von seiner Klingel ausgiebig Gebrauch machte, lief das Kind beim Haschespiel ins Rad. Das Kind kam unter das Rad zu liegen, während der Radfahrer bei dem Bestreben abzuspringen, zu Falle kam. Er wie das Kind blieben zum Glück unverletzte. Der Fall zeigt jedoch, daß viele Unfälle vermieden werden könnten, wenn die spielenden Kinder dem Fahrverkehr über aufmerksamer wären.

25. September 1910
Einen recht empfindlichen Verlust erlitt gestern ein 10jähriges Mädchen auf der Logenstraße, das von seiner dort wohnenden älteren Schwester zum Einkauf von Waren ein Zehnmarkstück erhalten hatte. Auf der Straße geriet das Mädchen mit einem anderen siebenjährigen in Streit, es legte, um die Hände zur „Arbeit“ freizubekommen, das Goldstück einstweilen „beiseite“. Das kleiner Mädchen nahm schnell die Gelegenheit wahr, um dem größeren eins auszuwischen und warf das Goldstück, das es für einen Pfennig angesehen haben will, in die Wiese im Garten der „Turnerschaft“, wo man es bis jetzt noch nicht wiedergefunden hat.

30. September 1910
Gleichwie am Totensonntag des vorigen Jahres, so meldete man auch heute nacht von der Stellerei an hiesigen Bahnhof durch Hornsignale und dann seitens der Feuerwehr wie auch durch die elektrische Alarmanlage den Ausbruch eines Brandes in der Theodor Lieberknechtschen Maschinenfabrik an der Bahnhofstraße. Gegen 1 Uhr ward das Feuer, daß in der Schmiederei ausgekommen ist, bemerkt, und in ganz kurzer Zeit stand auch schon der provisorische Holzbau in Flammen, in welchem nach den vorjährigen großen Brande, welcher bekanntlich den Betrieb der Firma völlig lahm legte, vorläufig die Arbeit wieder aufgenommen worden war. Unsere freiwillige Feuerwehr war schnell zur Stelle, konnte auch sofort mit mehreren Schläuchen den Brand bekämpfen, aber dieser griff in den einmal betroffenen Räumen zu schnell um sich. Man mußte daher sein Hauptaugenmerk auf die Erhaltung des Neubaus richten, was auch gelang. Allerdings ist die über der jetzigen Brandstätte aufgeführte Dachkonstruktion arg in Mitleidenschaft gezogen; die Holzverschalung ist zu einem großen Teile verkohlt und auch das eiserne Gerippe dürfte Schaden gelitten haben. Völlig ausgebrannt sind die Schmiede und der Montageraum, in welchem eine Anzahl fast fertiger und vollendeter Pagetmaschinen stand, die natürlich auch unbrauchbar geworden sind. In beiden Räumen waren etwa 25 Arbeiter beschäftigt, und der Schaden, der an Maschinen, Werkzeug und sonstigem Material angerichtet ward, ist recht bedeutend; zwar dürfte der Materialschaden durch Versicherung teilweise gedeckt sein, was aber hinsichtlich des Gebäudeschadens fraglich ist. Beide Kompagnien unserer Wehr gingen dem Feuer kräftig zu Leibe und so konnte gegen ½ 3 Uhr jede weitere Gefahr für die Fabrik als behoben angesehen werden, weshalb kurz danach auch die 2. Kompagnie den Brandplatz verlassen konnte. Die 1. Kompagnie war noch einige Zeit mit den Beräumungsarbeiten beschäftigt. Die schnelle Ausdehnung des Brandes lässt die Annahme  einer Brandstiftung berechtigt erscheinen, wenngleich sich bezüglich der Person des Verübers einer solch ruchlosen Tat noch keinerlei Anhaltspunkte ergeben haben. 


09. August 1910
Ein Zeuge aus jener Zeit, in der in hiesiger Stadt der Erzbergbau in voller Blüte stand, ist in letzter Zeit wieder zum Vorschein gekommen. Wir meinen die Eisenhöhle im fürstlich Schönburgschen Walde, unterhalb des städtischen Wasserwerks am Pechgraben oder der sogenannten Schwarzbach gelegen. Die Höhle war mehrere Jahre verschüttet, so daß ein Eindringen in dieselbe unmöglich war. Da nun aber in letzter Zeit dort seitens einer auswärtigen Firma nach wilden Serpentinitstein gegraben wird, hat man die Eisenhöhle wieder freigelegt. Mit echt vermutet man, daß die Höhle, in die man nur in gebückter Stellung gelangen kann, ein Stolln ist, den vor mehreren Hundert Jahren emsige Bergleute in den Berg getrieben haben, um dort Edelerze zu graben. Ist man einige Schritte eingedrungen, so erweitert sich die Höhle, bis sie ziemlich mannshoch wird. Doch ist ein weiteres Eindringen infolge der Wassertümpel etwas gefährlich. Besucher der Höhle schützen deren Länge auf mehrere Hundert Meter, während wieder andere Leute behaupten, daß die Höhle nach dem Orte Rabenstein führe und früher dort zutage geführt habe. Ein vollständiges Durchgehen ist jetzt überhaupt ausgeschlossen, da der Gang tief im Berge verschüttet ist. Da in dem dort gelegenen Steinbruch der Eisenstein, in dem sich Adern des wilden Serpentinitsteins befinden, gebrochen wird, so benutzen die dort schaffenden Arbeiter die Höhle als Aufbewahrungsort für ihre Werkzeuge und Kochgeräte. Auch bei Sturm und Wetter dürfte sie als Schutz dienen. Der Serpentinstein wird zu allerhand Schmuck- und Wirtschaftsgegenständen, wie Blumenvasen, Streichholzständern usw. verwendet.

14. August 1910
Rüstig vorwärts gehen jetzt die Neuresp. Erweiterungsbauten verschiedener hiesiger industrielles Etablissement. Die Bauten der Firmen Gebr. Müller (Handschuhfabrik), Badstraße und Krumbiegel (Trikotagenfabrik), Konrad-Klaus-Straße, sind zum größten Teil fertiggestellt, während der Bau der Firmen Anton Haase (Nadelfabrik), C.F. Jäckel (Webfabrik), ein gut Stück in die Höhe sind. Der Neubau der Firma Theodor Lieberknecht, am Bahnhof, deren Maschinenfabrik bekanntlich vorigen Spätherbst zum größten teil abbrannte, nimmt einen bedeutenden Komplex ein und wird zum Teil an der östliche Seite, zum Teil an der westlichen Seite der stehengebliebenen Gebäude errichtet. Alle Bauten sollen heuer noch vollendet und so schnell als möglich in Betrieb genommen werden. Rechnet man noch dazu die Bauten der Firmen Karl Wagner (Pantoffelfabrik), Eduard Beckert (Färberei), Joh. Alb. Winkler (Trikotagenfabrik), Halpert und Comp. (Webfabrik) und die Webfabrik von Berghähnel, die im vorigen Jahr errichtet wurden, so kann man mit dem Fortschritt unserer Industrie in den letzten zwei Jahren recht zufrieden sein. Auch die neueingeführten Industriezweige , die die erfreulicherweise mehrere Firmen aus dem Limbach-Grünaer Handschuhbezirk nach hier verlegten, beschäftigen eine Anzahl Arbeiterinnen und dürfen dürften für immer in unserer Stadt Fuß gefaßt haben.

18. August 1910
Aus Anlaß des bevorstehenden 400jährigen Stadtjubiläums dürfte es vielleicht interessieren, einmal einen kleinen Rückblick auf das Innungswesen hiesiger Stadt zu werfen. Die ältesten Innungen sind bekanntlich die der Bäcker, Fleischer und Weber. Letztere Innung entstand bereits im letzten Regierungsjahre des Herzogs Georg von Sachsen, 1538, und unter der Herrschaft der Grafen Georg und Wolf zu Glauchau und Waldenburg-Schönburg. In diesem Jahre bildete sich eine geschlossene Innung im jungen Städtchen, der damals schon 50-60 Leinwandweber angehörten. Das Innungsleben blühte damals auf, da die Innungen ihrem Gewerbe allen denkbaren Schutz innerhalb der Stadt und der umliegenden Dörfern zu wahren wußten. Später entstanden dann im benachbarten Ernstthal eine Strumpfwirker- und Töpferinnung. Die der Strumpfwirker mußte sich infolge Mangels an Mitgliedern bereits im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts auflösen. Welchen rapiden Rückgang die Handwirkerei in unserer Stadt durchzumachen hatte, ersieht man am besten daraus, daß unseres Wissens nach nur noch ein einziger ehemaliger Innungsmeister am, Leben ist; es ist dies der ehemalige Innungsmeister Wilh. Neubert, jetzt noch wohnhaft in der Neustadt. Er ist noch Träger der Bahrtuches der Innung. Selbiges liegt in der Trinitatiskirche, wird aber nur noch selten bei Begräbnissen in Gebrauch genommen. Weiter hatte unsere Stadt auch noch eine Töpferinnung. Der Innungsbrief der letzteren ist im Jahre 1753 vom Grafen Albert Christian Ernst zu Schönburg auf Schloß Hinter-Glauchau ausgestellt worden. Auch dieser Innung entstanden wesentliche wirtschaftliche Vorteile durch ihren Innungsbrief. Leider sollen unsere städtischen Archive gar nichts erhalten, was über die Gründung- und Auflösung der letzteren Innung Aufschluß geben könnte. Von der Strumpfwirker-Innung sind erfreulicherweise Zeichen ehemaliger Innungsherrlichkeit dem Stadtmuseum einverleibt worden. An beiden letzteren Innungen aber sieht man, daß der Zahn der Zeit und die fortschreitende Technik verheerend wirkten.

24. August 1910 - Unser Stadtjubiläum.
Verrauscht sind die herrlichen Tage unseres Stadtjubiläums. Unseres Heimatfestes – der Vergangenheit gehören die einzigschönen Stunden an; die wir dank der äußerst geschickten Anordnungen der Festausschüsse, die mit dem Arrangement eine Riesenarbeit geleistet haben verleben durften. Festfreudigkeit und Festbegeisterung herrschte allenthalben – kaum daß die Stimmung sich durch den gestern nachmittag, als das Fest schon wieder im schönsten Zug war, niedergegangenen schweren Regenguß in einigem beeinträchtigen ließ. Die kühlere Witterung war dem Feste nicht zum Schaden, und der feine Regen, der zu verschiedenen Zeiten niederging, ward eben mit in Kauf genommen. Die Innungen und unsere Schützen ließen es sich nicht nehmen, ihre Kostüm-Umzüge zu wiederholen, und diese kamen gestern fast noch besser zur Wirkung, als es bei dem gewaltigen Menschenandrang am Sonntag der Fall war. Gestern dürfte die Zahl der Festplatzbesucher etwa 800 betragen haben – immerhin eine Zahl, die schon imstande ist, die Vergnügungsstätte merklich zu füllen. Das Leben und Treiben in der „alten Stadt“ stand denn auch dem des Haupttages nicht in vielen nach. Ein großes Besucherkontingent stellten wieder die unserer Stadt benachbarten Ortschaften; wir möchten fast behaupten, dieser Besuch war nicht viel geringer als am Sonntag, das konnte man an der großen Zahl leerer Geschirre beobachten, die in verschiedenen Straßen nahe beim Markte Aufstellung gefunden hatten. Eine kleine Veränderung gegenüber dem Hauptfesttag war insofern zu beobachten als man den Tanzplan „Außer Kurs“ gesetzt hatte; die Kapelle spielte im Saale des „Schwanen“ zu fröhlichem Tanze auf, dort war man gefeit gegen etwaige Tücken des Wetters. In vielen Fabriken ruhte gestern der Betrieb am Nachmittage, und so konnten viel Festteilnehmer sich beizeiten auf den Weg machen, jenen Punkt aufzusuchen, an dem ihr Vergnügen am Sonntag seinen Abschluß gefunden, um sich an die Fortsetzung des Amüsements zu machen und sich von neuem in den Feststrudel zu stürzen. Ebenso wie die Kauflust eine fast ungeschwächte war, konnte man kontaktieren, daß auch am Montag die Hauptnahrungsmittel, deren Festbesucher bedarf um allen Anforderungen gewachsen zu sein, die solch ein Tag an ihn stellte, „stark gefragt“ waren. Der Umsatz war ein ganz enormer – allerdings je nachdem dieses oder jenes Lokal sich des Besuchs erfreute. Es ward hier zur Evidenz bewiesen, daß unsere Festbesucher zu den ebenso trinkfrohen wie trinkfesten gehörten. Da es , wie wir sagten, ab und zu auch eine kleine Anfeuchtung des äußeren Menschen von oben herab gab, konzentrierte sich der Hauptverkehr nach den Schankstätten zu; selten war da ein leeres Plätzchen zu erhalten – man war hier sehr seßhaft geworden, zumal in den Abendstunden, nach dem die Sänger und die einzelnen Kapellen wieder „in Funktion“ getreten waren. Im großen und ganzen glich der gestrige Schlusstag eben dem Sonntag, und so ist über den verlauf desselben nicht viel Neues zu berichten. Neu in der Erscheinung trat gestern die Speisung von hiesigen Armen, für welche die Stadt im „Ratskeller“, „Stadtkeller“, und Restaurant „Stadt Glauchau“ ein Mittagsmahl hatte anrichten lassen. So hat denn unser Stadtfest einen in jeder Hinsicht würdigen, jeden Besucher wirklich befriedigenden und unvergesslichen Verlauf genommen. War zu seinem guten Gelingen die aufopferungsvolle Mitarbeit vieler Kreise unserer Bürgerschaft nötig, so ist es doppelt erfreulich, daß diese uneigennützige Mitarbeit von schönstem Erfolge gekrönt war, und dies mag der schönste Lohn sein für alle, die sich freudig und gern, begeistert für all das Schöne, was sie zu bieten imstande waren, der mitunter nicht leichten Betätigung unterzogen. Zu einem neuen Jahrhundert emsigen Schaffens und Strebens, zu weiterem Blühen und Gedeihen unseres Stadtwesens erbitten wir den Segen und Schutz des Höchsten, der bis hierher alles so gut geführt!


02. Juli 1910
Ein erregter Auftritt entstand gestern an der Verbindungsstraße vom Kroatenweg nach dem Neustädter Schützenhause. Der Bauunternehmer Frinzel hatte diesen Weg eigenmächtig gesperrt und sich den Passanten gegenüber recht ungebührlich benommen. Als man Polizei herbeiholte, um ihn in die Schranken zu weisen, wurde er, wie uns Augenzeugen berichten, auch dieser gegenüber ausfällig. Fr. wurde, wie wir hören, zur Prüfung seines Geisteszustandes ins städtische Krankenhaus gebracht.

05. Juli 1910
Ein bedauerlicher Unglücksfall trug sich gestern nachmittag auf der Limbacherstraße zu. Während die 16 Jahre alte Tochter des dort wohnenden Expedienten Franke eine häusliche Arbeit verrichtete, explodierte die Spirituskanne, in der sich ca. ¾ Liter Brennspiritus befand. Der brennende Inhalt sprang auf das bedauernswerte Mädchen über, sodaß dieselbe im Moment über und über brannte. Zum Glück kam ein Nachbar hinzu, der die Flammen mit einer Decke erblickte. Doch hat die Bedauernswerte so schwere Brandwunden am Körper und den Händen erlitten, daß man sie ins hiesige Krankenhaus überführen mußte. Ihr Zustand ist sehr bedenklich.

Empfindliche Verluste hatten heute auf dem Wochenmarkte zwei hiesige Frauen zu beklagen: Eine Resterhändlerin vermißte ein Portemonnaie mit 25 Mk. Inhalt und einer Marktbesucherin ist ein solches mit reichlich 5 Mk. Inhalt abhanden gekommen. Ob Diebstahl oder eigene Unvorsichtigkeit der Verlustträgerin in Frage kommt, ist noch nicht festgestellt. Der letztgenannten Frau war bereits vor acht Tagen ein eigenartiges Mißgeschick passiert: Im Gespräch mit einer anderen Frau vermißte sie auf einmal ihr Portemonnaie Nachdem sie der Polizei ihren Verlust gemeldet, bemerkte sie, daß sie mittlerweile ihren Schirm an einem anderen Verkaufsstande stehen ließ; und als sie den in die Hand nahm, fand sie in dessen Inneren das vermißte Portemonnaie mit dem unberührten Inhalt.

09. Juli 1910
Einen recht häßlichen Auftritt verursachte der in der Chemnitzer Straße wohnhafte Färbereiarbeiter Böttger, der in der Trunkenheit seine Familie mit Erschlagen bedrohte und in seiner blinden Wut sich derartige Ausschreitungen schuldig machte, daß sich die Nachbarschaft aufs höchste darüber empörte und Polizei zu Hilfe rief. Dieser gegenüber benahm sich B. gleichfalls sehr renitent und setzte das Skandalieren fort. Ein Schutzmann vermochte nicht des Wüterichs Herr zu werden, und erst als ein zweiter Polizist mit zugriff, konnte B. arretiert werden.

12. Juli 1910
Signor Saltarino (Herr Hermann W. Otte in Düsseldorf) der von Hohenstein gebürtige Schriftsteller des fahrenden Volkes hat der hiesigen Volksbücherei zu den bereits vorhandenen Bändchen 4 weitere Bände seiner Werke überwiesen. Es sind dies „Fahrend Volk“, „Abnormalitäten“, „Unter Flittern“, Artistengeschichten, und „Zirkusblut“, Artistengeschichten.

Einen großen Menschenauflauf verursachten gestern nachmittag zwei Kampfhähne, die sich bei den Friedhofsanlagen an der Dresdner Straße nach vorhergegangenen Wortwechsel balgten. Der häßliche Auftritt fand seine Fortsetzung beim Bad Ernstthal, dann machten die Raufbolde, gefolgt von einer großen Schar „Schaulustiger“, die Hermannstraße zum Schauplatz ihrer Tätlichkeiten und setzten diese auch in der Breitestraße fort. Das Ende vom Liede war – jeder der beiden wollte der Einsichtigere sein – daß sie sich gegenseitig nach der Polizeiwache führten. Einem von den Krakeelen gab die Polizei vorläufiger Unterkunft.

19. Juli 1910
Am morgigen Dienstag begeht hier ein Ehepaar das Fest der goldenen Hochzeit, dem man in allen Kreisen unserer Bürgerschaft wärmste Sympathie und Wertschätzung entgegenbringt; es ist dies Herr Stadtrat Zeißig und Frau geb. Branco. Nicht gering wird die Zahl der Gratulanten sein, die dem Jubelpaar morgen die herzlichsten Glück- und Segenswünsche für einen glücklichen und friedvollen Lebensabend übermittelt, und diesen Gratulanten schließen auch wir uns gern und freudig an. Ist doch der Jubilar einer mit von den Männern, die man als die um unser städtisches Gemeinwesen verdiensteten ansprechen darf. Daß Herr Zeißig in jahrelanger ersprießlicher Tätigkeit auf kommunalen Gebiet sein Bestes einsetzte, weiß jeder, der die Entwicklung unserer Stadt auch nur einigermaßen kennt; seine großen Verdienste fanden denn auch an zuständiger Stelle verdiente Würdigung, und auch den kommenden Geschlechtern wird die Zeißig-Stiftung, die Benennung einer Straße nach seinem Namen u.a.m. diesen Mann nicht vergessen lassen.


01. Juni 1910
In höchst frecher Weise benahm sich gestern nachmittag in einigen Häusern der Logenstraße ein älterer Bettler. Wo man ihm die Vorsaaltüre nicht öffnete, suchte er die Klingeln zu demolieren, sodaß er energisch zur Rede gestellt werden mußte. In einem anderen Hause hatte er den Abortschlüssel abgezogen. Als man ihn darauf festhielt, leugnete er, denselben zu besitzen. Nach kurzer Zeit fand man jedoch den Schlüssel im Hofe liegen. Der Vagabund hatte denselben durch das offenstehende Hausflurfenster geworfen. Besser wäre es gewesen, man hätte den renitenten Menschen der Polizei übergeben, anstatt ihn ungehindert laufen zu lassen, denn in anderen Häusern dürfte er ebenso frech vorgehen.

02. Juni 1910
Gellende Hilferufe hörten gestern abend Besitzer von Schrebergärten in den Naturheilverein-Anlagen. Als sie den Rufen nachgingen, sahen sie einen jungen Menschen auf der Flucht, den sie festnahmen und der Polizei übergaben. Er junge Mann gestand ein, daß er mit einem ihm unbekannten Mädchen vom Schützenplatz aus nach den Anlagen spazierengegangen sei. Seinen zärtlichen Werbungen habe diese sich widersetzt und um Hilfe gerufen, sei dann aber davongelaufen. Man fand auch keine Spur mehr von ihr. Zwecks Untersuchung der Angelegenheit wurde der von auswärtig stammende junge Mann dem Amtsgericht übergeben.

07. Juni 1910
Aus Sängerkreisen wird uns geschrieben: Am vergangenen Sonnabend hielten die vereinigten Gesangsvereine hier im „Deutschen Krug“ eine gemeinschaftliche Gesangsprobe ab. Vertreten waren: „Sängerkranz“, „Humor“, „Sängerlust“, „Frisch auf“, „Lyra“, und „Sängerkreis“ mit rund 120 Sängern. Herr Bundesvorsteher M. Kranz begrüßte in herzlichen Worten die neue Vereinigung und kennzeichnete die idealen Bestrebungen der Gesangsvereine, die in der Zeit des Egoismus und Realismus besonders am Platze seien. Hierauf ließ Herr Bundesliedermeister H. Schönherr die Sänger zur Uebung antreten. Das Können des Chores zeigte sich im besten Lichte, Klangrein und innig trugen die Sänger die köstlichen Liederperlen vor. Möge die neue Vereinigung recht viele solche Stunden der Erholung, der Freude und des Genusses finden und dazu beitragen, Luft und Liebe am Gesang zu pflegen, die freundschaftlichen Beziehungen zu fördern oder neue Erfolge auf dem Gebiete der Sangeskunst zu zeitigen.

09. Juni 1910
Wie wir unsern Lesern mitgeteilt haben, ist es leider unmöglich, mit der Feier unseres 400-jährigen Stadtjubiläums zugleich die Weihe des Brunnens zu verbinden, der durch das Entgegenkommen des Sächsischen Kunstfonds unserer Stadt geschenkt wird. Um unsere Einwohnerschaft und unseren Gästen aber wenigstens zu zeigen, wie sich der Brunnen ausnehmen wird, soll an den Tagen des Jubiläums im Stadtverordnetensaale u.a. ein Modell des Brunnens aufgestellt werden. Wie wir hören, wird der Brunnen aus einem größeren und einem kleineren Becken aus Sandstein bestehen in dessen Mitte sich die lebensgroße Statue eines Mädchens, das einen Wasserkrug auf der Schulter trägt, erheben wird.

15. Juni 1910
Auf großer Fahrt befand sich heute nacht ein Einbrecher. Zunächst hat er der Langnickelschen Bäckerei in der Schubertstraße einen Besuch abgestattet; er hat seinen Weg von der Bahnseite aus durch den Garten genommen und ist von einem Schuppendach aus durch ein nur verhängtes Fenster in die Stube gestiegen, von wo aus er den Weg zum Laden fand. Dann hat er, um bequemer arbeiten zu können, die Gaslampe angezündet und sich an „die Arbeit“ gemacht. Alle Kästen in denen er Mitnehmenswertes vermutete, wurden durchwühlt. Sein Sinn war nur auf bare Münze gerichtet und es fielen ihm auch gegen 25 Mark Geld in die Hände. Nachdem er hier sein Geschäft erledigt hatte, setzte der Dieb seine „Besuchsreise“ fort und glaubte auch im Restaurant „Johannisgarten“ das zu finden, was er suchte. Er hatte sich aber getäuscht, denn die Oeffnung des Geldkastens, die ihm auch dort gelang, hatte ein völlig negatives Ergebnis. Dafür ließ der Einbrecher ein paar gute Herrenstiefeletten mit Schnallen mitgehen und tauschte dafür seine alten, abgetretenen Halbschuhe ein. Im übrigen ließ er alles unberührt, verlor aber hier den vom Langnickelschen Besuch mitgenommenen Ladenkassenschlüssel. Eine Spur von dem Einbrecher hat man bis jetzt noch nicht gefunden.

22. Juni 1910
Unlängst wurde auf dem Berge ein Steinblock errichtet zum Gedächtnis an einen Einwohner, dem unsere Stadt viel Gutes verdankt. Die Bedeutung dieses Ehrenzeichens  ist nun auch äußerlich kundgetan werden. Uns wird hierzu geschrieben:

„Zum Andenken an
Herm. Ferd. Säuberlich.
Die dankbare Stadt
Hohenstein-Ernstthal
1910“

Diese Inschrift trägt die seit einigen Tagen an dem großen Granitblock im Stadtpark angebrachte Bronzetafel. Durch sie wird das Andenken wachgehalten an einen edlen Menschenfreund, der die Mittel bereitstellte zum Stadtpark. Zusammen mit dem Wäldchen des Erzgebirgsvereins und der Gruberhöhe bildet dieses schöne Fleckchen Erde eine köstliche Erholungsstätte für die Einwohnerschaft und einen Schmuck der Landschaft.

24. Juni 1910
Eine eigenartige Erscheinung war gestern nachmittag gegen ¾ 2 Uhr auf der Hüttengrundstraße zu beobachten. Auf den Feldern war man eifrig mit dem Heu-Einbringen beschäftigt. Plötzlich sah man hoch oben in den Lüften zerzauste Bündel Heu fliegen, die sich im Winde drehten und dann langsam zur Erde niederfielen. Im selben Augenblick wirbelte der Staub auf der Straße im Kreise empor und nahm die Form eines aufrecht stehenden Kegels an. Bemerkt sei noch, daß es zur Zeit der Beobachtung fast windstill war.


03. Mai 1910
Der für die Feier des vierhundertjährigen Stadtjubiläum eingesetzte geschäftsführende Ausschuß hat in Verbindung mit dem Preß- und Reklame-Ausschuß Reklame-Marken bestellen lassen, welche, auf die Rückseite der Briefe geklebt, auswärts für das Jubiläum Propaganda machen sollen.
Die Marken zeigen in geschmackvoller Ausführung unseren Marktplatz mit dem alten Rathaus und dem Wochenmarkt und tragen die Inschrift: 400 J. Stadtjubiläum Hohenstein-Ernstthal, Heimatfest 20. – 22. August 1910. Es steht zu hoffen, daß unser Publikum, vor allem aber unsere mit der ganzen Welt in Verbindung stehende Geschäftswelt, recht fleißig von diesen Marken Gebrauch macht. Der Preis eines Bogens dieser Marken, der 16 Stück enthält, ist auf 15 Pfennige festgesetzt. Wiederverkäufer der Marken, die von unserer Stadtkasse zu beziehen sind, genießen besondere Vorteile und wollen sich mit der Stadtkasse in Verbindung setzen.

04. Mai 1910
Ein düsteres Bild aus dem Leben zeigte sich gestern auf dem Neumarkt. Aus einem dort gelegenen Hause wurde eine Handarbeitsfamilie gerichtlich auf die Straße gesetzt. Das armselige Mobiliar blieb einige Stunden auf der Straße liegen und bot neugierigen Leuten willkommenen Gesprächsstoff. Da die Familie bis zum Abend noch keine andere Wohnung hatte, wurden die Wirtschaftsgegenstände nach dem hiesigen Armenhause gefahren. Auch die Familie fand dort vorläufig Unterkommen.

08. Mai 1910
Die Landgrafstraße* wäre heute nachmittag in der dritten Stunde beinahe der Schauplatz eines schweren Unglücks geworden, glückliche Umstände ließen es aber nicht soweit kommen. Mit einem zweispännigen Geschirr des Herrn Kunze (Zementwaren- und Baumaterialiengeschäft) sollte in eines der ersten Häuser der steilen Landgrafstraße eine Fuhre Bausand geschafft werden, als beim Einbiegen in diese Straße, von der Karlstraße her, das Schleifzeug des Wagens versagte und das Fuhrwerk, daß die Pferde nicht mehr halten konnten, sich immer schneller nach unten zu bewegte. Zum Glück steuerten die Pferde nach links, dabei geriet die Deichsel in das Fenster eines Hauses, wobei dieses nach innen gestoßen ward und die Deichsel an 2 Stellen zerbrach und außerdem beide Vorderräder des Wagens beim Anprall an den erhöhten Fußsteig abbrachen, sodaß der schwere Wagen zum Stehen kam. Pferde und Kutscher, welch letzterer sich zwischen Wagen und Haus in recht gefährlicher Situation befand, blieben unverletzt.

11. Mai 1910
Ein bedauerlicher Vorfall, der übrigens zur Warnung dienen möge, trug sich gestern gegen abend in einem Hause in der Schützenstraße zu. Der 12 Jahre alte Sohn eines dort wohnenden Schlossereiwerkführers half der Mutter im Waschhause die Waschmaschine drehen. Bis die Arbeit beendet war und die Mutter für kurze Zeit einmal  das Waschhaus verlassen hatte, wollte der Knabe jedenfalls die Maschine entleeren und reinigen, weshalb er vermutlich in dieselbe hineingesehen hatte. Dabei ist der schwere Deckel zugefallen und hat dem bedauernswerten Knaben den Hals eingeklemmt, in welcher Lage er auch kurze Zeit verblieb, da er sich nicht selbst befreien konnte. Als die Mutter nach kurzer Zeit wieder das Waschhaus betrat, fand sie das Kind leblos mit dem Kopf eingeklemmt in der Waschmaschine vor.
Sofort vorgenommene Wiederbelebungsversuche und künstliche Atmungsversuche, die der telefonisch herbeigerufene Arzt Herr Dr. Sommer vornahm, brachten den Knaben ins Leben zurück, doch lag er bis heute nachmittag ohne Besinnung.

12. Mai 1910
Gestern nachmittag erfolgte auf dem Trinitatisfriedhofe die gemeinsame Beerdigung des auf der Hohe Straße wohnenden Kürschnermeister Julius Urbanschen Ehepaares. Die beiden Ehegatten, die im Alter von 82 resp. 80 Jahren standen, starben kurz nacheinander, Herr Urban am Sonnabend und Frau urban am Sonntag, sodaß beide nun auch im Tode vereint sind. Herr Urban war der einzige hier noch lebende Veteran aus den so genannten tollen Jahren 1848/49 und machte als solcher die Straßenkämpfe in Dresden mit. Der Königl. sächs. Militärverein „König Albert“, dessen langjähriges Mitglied Urban war, gab dem toten Kameraden das Geleit zu seiner letzten Ruhestätte und erwies ihm die letzten militärischen Ehren.

Aus Anlaß ihres gestrigen 54. Stiftungstages hielt die hiesige Freiwillige Feuerwehr II. Komp. eine größere Uebung ab, der ein Dachstuhlbrand  des Aron Reller’schen Hauses, Ecke der Markt- und Bahnstraße, zugrunde gelegt war. Nachdem die an der Trinitatiskirche angebrachte Alarmeinrichtung in Tätigkeit getreten war, eilten die Wehrmänner zum markierten Brandherd, um dort in Aktion zu treten. Die Uebung verlief recht zufrieden stellend und war nach ca. ½ stündiger Dauer beendet. Der ernsten Arbeit folgte dann im Vereinslokal „Stadthaus“ eine Nachfeier, zu der sich auch die beiden Branddirektoren Lange und Müller, sowie verschiedene Herren vom Feuerlöschausschuß eingefunden hatten. Der Abend nahm einen kameradschaftlichen Verlauf, Ansprachen, musikalische und gesangliche Darbietungen von der Wehrkapelle und der Sängerabteilungen verschönten ihn besonders.

15. Mai 1910
Der erste Kinderspielplatz in unserer Stadt wurde am vorigen Donnerstag auf dem Neustädter Teichplatz errichtet und bereits gestern der Benutzung übergeben. Natürlich machte die Jugend von dem Entgegenkommen, daß unsere Stadtväter boten, bereits im Laufe des gestrigen Tages ausgiebig Gebrauch, denn mehr wie hundert Kinder, große wie kleine, tummelten sich dort herum. Der zweite Spielplatz soll an der König-Albertstraße errichtet werden. Der an der Oststraße errichtete Spielplatz eignet sich dort übrigens sehr vorzüglich und bietet für die Kinder viel Sicherheit wegen des Fahrverkehrs.
19. Mai 1910
Herr Stadtgutbesiter Kunze läßt zur Zeit sein an der Ecke des Marktes und der Bismarckstraße** gelegenes Haus abputzen. Beim Abklopfen des Putzes nun ist ein prächtiger alter Fachwerksbau zum Vorschein gekommen, der auf einem aus Bruchsteinen gefügten Unterbau beruht. Im Interesse der Schönheit unseres Stadtbildes. Daß ja gerade gelegentlich des Jubiläums besondere Aufmerksamkeit finden wird, möchten wir Herrn Kunze zur Erwägung anheim geben, ob er nicht gewillt ist, daß Fachwerk dauernd dadurch dem Auge zu erhalten, daß er daßselbe nicht wieder übertünchen sondern vielmehr farbig übermalen und so dem Bild recht augenfällig entgegentreten lässt. In unserer Zeit der nüchternen, fahlen Hausfronten wirkt so eine Unterbrechung doppelt wohltuend, ganz abgesehen davon, daß solche schöne alte Fachwerksbauten recht gefällig den Charakter einer alten Stadt wiederspiegeln.

21. Mai 1910
Unter der Spitzmarke „Karl Mays Beichte“ wird dem „Chemn. Tagebl.“ aus Prag geschrieben: ein hiesiges Blatt veröffentlicht ein Interview mit dem in letzter Zeit viel genannten Schriftsteller Karl May, der sich bei dieser Gelegenheit so offen über seine Vergangenheit und die Vorwürfe, die man ihm macht, ausspricht, wie er es bisher noch nie getan hat. Auf die Frage ob das wirklich ganz erlogene Behauptungen seien, die Lebius bezüglich seiner Vorstrafen aufgestellt habe, erwiderte May: „Ich bin vorbestraft. Allerdings habe ich meine Strafen längst abgebüßt. Ich schreibe jetzt ein Buch, worin ich nichts leugne und meine Gefängnistaten schildere. Der Titel lautet: „Am Marterpfahl und Pranger.“ Es wird eine Selbstbiographie sein. Ich gestehe darin meine Sünden ein, lege meine Ideale und Bestrebungen dar und schildere daß, was ich noch zu tun gedenke.“ Weiter gab May zu, daß er lange im Kerker gesessen habe. „Das habe ich nie geleugnet. Aber ein Räuberhauptmann war ich nie. Den Räuberhauptmann Krügel, als dessen Komplize ich geschildert wurde, kannte ich nur ganz oberflächlich. Er ging in dieselbe Schule wie ich, allerdings einige Klassen tiefer. Seither habe ich selten mit ihm gesprochen. Einmal traf ich ihn in meinem Heimatsorte Hohenstein-Ernstthal bei Chemnitz. Da trat er auf mich zu und sagte: „May, ich habe Sie um Entschuldigung zu bitten, ich habe vieles, was ich gemacht habe, auf Sie geschoben.“ Auf die Frage, ob man wissen dürfe, weshalb er vorbestraft sei, entgegnete May: „Nein. Mein Verleger hat mir das verboten. Aber das, was man mir vorwirft, habe ich nicht getan.“

*Landgrafstraße = heutiger Ziegenberg
**Bismarckstraße= heutige Friedrich-Engels-Straße


02. April 1910
Reklame für unsere Stadt wird immer das Interesse derer finden, die ihren Aufschwung und ihre Förderung wünschen. Seit einigen Jahren betreibt diese gleichzeitig mit der Reklame für sein Geschäft der Besitzer der Parkwirtschaft  und Sommerfrische „Windmühle“, Herr Max Werner. Wenn der Frühling und damit auch die Zeit der Schülerspaziergänge herannaht, dann langen in allen Schulhäusern und Lehreranstalten der engeren und weiteren Umgebung seine Einladungen an, sein auf herrlicher, aussichtsreicher Bergeshöhe gelegenes, schönes Besitztum mit den Schulkindern zu besuchen. Herr Werner ist mit dem Erfolge zufrieden und es steht zu hoffen, daß Hohensteins Berg immer mehr und mehr als Ziel der Schulausflüge in Aufnahme kommt. Auch heute wieder flattern die Wernerschen Kärtchen hinaus in die Städte und Dörfer. Sie tragen Aussprüche von aus den Werken des Naturforschers G. H. Schubert und Karl Ruhsams über den hiesigen Ausblick. Mögen sie viele herbeilocken, es wird keinen gereuen.

03. April 1910
Trotz der noch frühen Jahreszeit hat sich in unserer Stadt die Bautätigkeit bereits gut entwickelt. Am Kroatenweg errichtet Herr Bauunternehmer Frinzel ein Wohnhaus, das schon sehr weit fortgeschritten ist. Im Bau befinden sich noch ein Wohnhaus an der Schönburgstraße, Herrn Bauunternehmer Müller gehörig, und ein solches an der Schillerstraße, daß Herr Kaufmann Uhlig erbauen läßt. Im Laufe dieser Woche hat man auch auf der Antonstraße mit den Arbeiten zu einem Fabrikerweiterungsbau begonnen, den Herrn Fabrikbesitzer Haase auf seinem Gartengrundstück errichten läßt. Der an der König Albertstraße gelegene Wohnhaus- und Fabrikbau des Herrn Berghänel dürfte demnächst beendet sein. In nächster Zeit dürfte auch voraussichtlich mit einem größeren Fabrikerweiterungsbau Herr Fabrikbesitzer Layritz an der Antonstraße sowie Herr Lieberknecht mit dem Wiederaufbau des seinerzeit niedergebrannten Fabrikteils beginnen.

15. April 1910
Heute Vormittag begaben sich die Herren Bürgermeister Dr. Patz und Stadtrat Müller nach dem Direktorialzimmer der Altstädter Schulen, um daselbst vor versammelten Lehrer-Kollegium im Namen des Schulausschusses Herrn Bürgerschullehrer Bauer zu seinem 25jährigen Jubiläum als Lehrer in unserer Stadt die Glückwünsche der Stadt darzubringen und ihm ein Ehrendiplom zu überreichen. Nach den beglückwünschenden Worten des Herrn Bürgermeister Dr. Patz nahm Herr Schuldirektor Dietze Veranlassung, im Namen des Lehrerkollegiums Herrn Bauer zu seinem Ehrentage die verbindlichen Wünsche darzubringen. Mit herzlichen Worten des Dankes seitens des Geehrten war die einfache Feier beendet. Das Ehrendiplom ist, wie wir noch hervorheben wollen, von einem Hohensteiner, dem Kunstgewerbeschüler Baumgärtel in Dresden, in kunstvoller Weise hergestellt worden.

20. April 1910
In einfacher und schlichter Weise vollzog sich gestern gegen Abend auf dem Gartengrundstück des hiesigen Naturheilvereins die Einlegung der Urkunden in den dort zur Aufstellung gelangenden Zierbrunnen, zu welchem Akte sich eine große Anzahl Vereinsangehörige eingefunden hatten. Herr Vorsteher Schellenberger eröffnete die Feier mit einer sinnigen Rede und verlas den Text der einzulegenden Urkunde, welche die Geschichte des Vereins von der Grundlegung an und dessen Werdegang bis zum heutigen Tag umfaßte. Weiter wurden noch eingelegt verschiedene Ansichtskarten von unserer Stadt und dem Vereinsgrundstück, eine alte Chronik von Hohenstein-Er., das Adreßbuch von Hohenstein-Er., einige Zeitungen, darunter auch das „Hohenstein-Ernstthaler Tageblatt“ (Amtsblatt), Bundesschriften und sonstiges auf unsere Stadt Bezügliches. Nachdem die Kapsel mit den Gegenständen in den Grundstein gebracht war, schloß Herr Schellenberger seine Rede unter den drei üblichen Hammerschlägen mit dem Wunsche, daß der Zierbrunnen jederzeit dem Verein ein Ansporn zu weiteren edlen Streben sein und die gegenwärtige Generation das Oeffnen der einverleibten Gegenstände nicht erleben möge. Mit einem „das walte Gott“ schloß er seine Ausführungen. H. Buchh. Reinhold als 2. Vorsteher nahm ebenfalls Veranlassung, drei Hammerschläge auf den Grundstein zu vollziehen und begleitete sie mit folgenden Worten: 1. „Rein und klar wie die Quelle hier fließen wird, soll stets die Lehre von der Naturheilmethode in unserem Verein gepflegt und verändert werden“, 2. „Soll der Brunnen ein Wahrzeichen sein von treuer Anhänglichkeit, eine Pflegestätte edler Menschenliebe und Freundschaft seiner Mitglieder untereinander“ und 3. „Soll der Brunnen der Nachwelt verkünden, daß sich hier vor vielen, vielen Jahren fleißige Hände geregt haben, um seinen Mitgliedern ein Plätzchen zu schaffen, wo sie von des Tages Last und Mühen ausruhen können, und weiter soll der Brunnen allen Besuchern zurufen: „Kehrt zur Natur zurück. Hierauf nahm Herr Bildhauer Mende als Ausführender der Anlage die Verschleißung des Grundsteins vor. Nachdem noch das Reinhold´sche  Doppelquartett das Lied „Lobe den Herrn“ vorgetragen hatte, schloß die ernste, einen Markstein in der Geschichte des Vereins bildende Feier. Der Brunnen soll am 3. Pfingstfeiertage eingeweiht werden. Der offiziellen Feier schloß sich in der Vereinshalle ein gemütliches Beisammensein und Versammlung an.

26. April 1910
Gestern feierte Herr Stadtrat Zeißig das 50jährige Bürgerjubiläum. Aus diesem Anlasse fand sich vormittags gegen 11 Uhr die vom Rate abgeordnete Deputation, bestehend aus den Herren Bürgermeister Dr. Patz und Stadtrat Anger, in der Wohnung des Herrn Jubilars ein. Sie überreichte ein gerahmtes Diplom, durch das die Stadtverwaltung die herzlichsten Glückwünsche zum Bürgerjubiläum darbringt. In der Ehrenurkunde ist auch mit Dankbarkeit der großen Verdienste gedacht, die sich der Herr Jubilar um die Stadt Hohenstein bez. Hohenstein-Ernstthal erworben hat und die städtischerseits durch Erteilung des Ehrenbürgerrechts sowie Benennung einer Straße und Errichtung einer Stiftung zum Andenken an Herrn Stadtrat Zeißig, von Seiten des Landesherren aber durch Verleihung des Stadtratitels und der Ritterkreuze II. Klasse vom Albrechts- sowie Verdienstorden Anerkennung gefunden haben. Das künstlerisch ausgeführte Diplom ist eine Arbeit des Herrn Musterzeichners Baumgärtel.


01. März 1910
Einem auf der Chemnitzerstraße* wohnenden Geschäftsinhaber wurde am Sonnabend von einem Diebe in seinem Laden ein Besuch abgestattet, wobei er den Inhalt der Ladenkasse im ungefähren Betrage von 2 Mark mitgehen ließ. Zum Glück hatte der Inhaber zuvor einen größeren Betrag umgewechselt und dazu Geld aus der Ladenkasse entnommen, sonst wäre dem Langfinger mehr in die Hände gefallen. Für den Dieb war der Umstand günstig, daß man aus Versehen den Ladenschlüssel hatte stecken lassen.

Seltene Gäste, einen Trupp Zigeuner, hatte am Sonnabend der Hüttengrund aufzuweisen. Die braunen Gesellen führten aber keine Wagen bei sich, sondern trugen ihre dürftige Habe auf dem Rücken. Wahrscheinlich waren sie von einem Haupttrupp abgekommen, den sie wieder zu erreichen suchten. Sie nahmen ihren Weg in der Richtung nach Waldenburg.

04. März 1910
Zu den beiden im Erzgebirgischen Sängerbund vereinigten hiesigen Gesangsvereinen „Arion“ und „Sängerverein“ wird sich demnächst noch ein dritter gesellen: der M.-G.-V. „Liederhain“ beschloß in seiner gestrigen Versammlung den Beitritt zum Bunde. Er wird sich binnen kurzem der erforderlichen Prüfung unterziehen.

08. März 1910
In der Nacht zum Sonntag statteten Diebe dem Gasthof „Heiterer Blick“ im Hüttengrund einen unliebsamen Besuch ab. Sie drangen in das Gewölbe ein und stahlen dort außer Kleinigkeiten einen Schinken, sowie ca. 12 Pfund Wurst. Ein im Gewölbe liegendes Faß Branntwein drehten sie auf, sodaß der Inhalt verloren ging. Vordem hatten die Langfinger versucht, in der „Claußmühle“ einzubrechen. Der Hund des Besitzers machte aber Lärm, sodaß der Letztere munter wurde. Als er zum Fenster hinuntersah, konnte er bemerken, wie zwei Männer schon den Fensterladen herausgezogen hatten, um ins Parterre einzusteigen. Ein von ihm abgegebener Schreckschuß brachte die Diebe schnell zur Flucht.

10. März 1910
Mit Freuden ist der Ankauf des Rotherschen Feldes – begrenzt vom Silbergässchen, der Karlstraße und Gärtnerei Haugk am Seidelberg – durch den Erzgebirgsverein zu begrüßen. Bei genügender Beachtung einer entsprechenden Bepflanzung läßt sich hier ein Stadtbild bezw. ein Straßendurchblick schaffen, wie er selten anzutreffen sein wird. Schon jetzt blickt der größte Rand des Grundstückes wie eine hohe Warte über das Hausgrundstück des Bäckermeisters Uhlmann herein in die Karlstraße, wenn man diese vom Altmarkt her betritt. Krönt diese Höhe erst schöner Baumwuchs, dann wird die Wirkung umso markanter sein.

11. März 1910
Ein bedauerlicher Unglücksfall trug sich heute Vormittag auf der Chemnitzerstraße* zu. Das 8 Jahre alte Kind eines dort wohnenden Bauhandwerkers ging zu weit an die Pferde eines hiesigen Färbereigeschirrs. Dabei schlug ein Pferd aus und traf das Kind mit dem Huf an den Hinterkopf, sodaß es eine erhebliche Verletzung erlitt. Das bedauernswerte Kind mußte sofort in ärztliche Behandlung gegeben werden.

12. März 1910
Im Laufe dieser Woche brannte der Bahndamm oberhalb des „Logenhauses“ mehrmals an verschiedenen Stellen. Das Feuer war durch herausfallende Funken von den vorüberfahrenden Zügen entstanden und fand in dem hohen dürren Gras schnell Nahrung. Vom diensttuenden Bahnwärter wurde das Feuer jedes Mal wieder gelöscht, ohne Schaden anzurichten.

Von einem offenbar lokalkundigen Langfinger heimgesucht ward gestern ein Fleischerladen in der oberen Weinkellerstraße. Da sowohl die von der Straße wie von dem Hausflur in den Laden führende Tür an die elektrische Klingelanlage angeschlossen sind, diese aber nicht gehört worden ist, so kann nur angenommen werden, daß der Dieb seinen Weg durch ein an den Laden stoßendes kleines Zimmer genommen haben kann. Der Inhalt der Ladenkasse, etwa 20 – 30 Mk., ward seine Beute. Man hat bisher keinerlei Anhaltspunkte, wer der Spitzbube sein könnte.

15. März 1910
Das Neustädter Schützenhaus, das kürzlich von Herrn Hugo Rauschenbach in der Zwangsversteigerung erstanden wurde, ist dieser Tage schon wieder verkauft worden und ist es in Besitz eines hiesigen Herrn übergegangen. Herr Rauschenbach gibt, wie wir hören, schon mit dem hiesigen Tage die Bewirtschaftung auf.

Schon wieder hat Diebesgesindel in unserer Stadt sein Unwesen getrieben. In der vorletzten Nacht wurde im Restaurant „Grauer Wolf“ der Garderoberaum geplündert und von dort, soweit sich feststellen ließ, ein Herren-Ueberrock, ein braun gekästeltes Herrenjackett, ein K. S. gezeichneter weicher grüner Hut, ein braun geflammter Spazierstock und ein großer Papiersack mit Deckenabfällen gestohlen. Man vermutet, daß als Diebe zwei Personen in Verdacht kommen, wenigstens will man zu der Zeit, als der Diebstahl ausgeführt ward, ein leises Gespräch gehört haben. Die Langfinger müssen auch hier mit den örtlichen Verhältnissen gut vertraut sein, da man sich sonst nicht gut erklären kann, wie sie so völlig unbemerkt in die Garderobe gelangen konnten. Ein nach einer bestimmten Richtung hin verfolgter Verdacht bestätigte sich nicht, eine Haussuchung verlief ergebnislos.

19. März 1910
Sie können zusammen nicht kommen – die Rathaus-Uhr und die der Kirche nämlich! Jede hat ihren „Kopf für sich“. Wie die feindlichen Brüder, so will keine der beiden genau dasselbe tun, was die andere tut. Heute früh hatte hinkte die Kirchturm-Uhr derart nach, daß sie sich zum Anschlagen der siebenten Stunde erst herbeiließ, als dies seitens der Rathaus-Uhr bereits vor fast 20 Minuten geschehen war. Man sollte meinen, in dieser Hinsicht eine gewisse Übereinstimmung zu erzielen, sollte nicht allzu schwer fallen.

*Chemnitzerstraße = heutige Pölitzstraße


02. Februar 1910
Abermals hat ein verheerendes Schadenfeuer eine unserer größeren Fabriken eingeäschert, nachdem erst vor wenigen Wochen die Lieberknecht´sche Maschinenfabrik den Flammen zum Opfer gefallen ist. Vergangene Nacht kurz nach 2 Uhr brach in dem nach der Stadt zu gerichteten Flügel der auf der Goldbachstraße gelegenen Strumpfwarenfabrik von Ernst Dorn ein Brand aus, der sich schnell über die ganze Anlage verbreitete und in wenigen Stunden dieselbe in Asche legte. Auf die Hornsignale der Bahnhofswächter eilte schnell unsere Feuerwehr zum Brandplatze, die aber nach Lage der Sache wenig auszurichten vermochte und sich darauf beschränken mußte das Wohnhaus zu schützen. Wasser war so gut wie keins vorhanden; ein hinter der Fabrik gelegener kleiner Teich war nahezu trocken und die städtische Wasserleitung führt nicht bis in die dortige Gegend da ja die Goldbachstraße zu Oberlungwitz gehört und die Lungwitzer Wasserleitung noch nicht bis zu dem beregten Grundstücke gelegt ist. So mußte das Wasser einem Brunnen entnommen werden und die geringe Ergiebigkeit desselben reichte gerade zu, notdürftig das Wohnhaus und einen kleinen Schuppen zu schützen. Später wurde eine lange Strangleitung von einem städtischen Hydranten am Bahnhof gelegt, indessen konnte auch damit die vollständige Vernichtung der Fabrik nicht aufgehalten werden. Herr Dorn war zur Zeit voll beschäftigt und hatte etwa 80 Arbeiter, von denen der größte Teil in anderen hiesigen Fabriken sofort Arbeit finden dürfte. Der Schaden, der ja ziemlich beträchtlich ist, ist durch die Versicherung gedeckt. Ueber die Ursache des Brandes verlautet nichts Sicheres; nach einer Annahme soll das Feuer zuerst in der Frauengarderobe oder im Lagerraum bemerkt worden sein, doch dürfte erst die Untersuchung weiteres ermitteln. Die Feuerwehr von Oberlungwitz, wo infolge des vorgelagerten Höhenrückens überhaupt nichts von dem Feuer bemerkt worden war, wurde erst in der fünften Morgenstunde allarmiert, sie konnte aber gleich der hiesigen zur Rettung der Fabrik nichts mehr tun.

11. Februar 1910
Ein recht fatales Versehen passierte am Dienstag abend einer auf dem Neumarkt wohnenden Fabrikwebersehefrau. In deren Wohnung erschienen zwei etwa 12 Jahre alte, als Masken verkleidete Schulmädchen. Wie dies bei solchen Gelegenheiten üblich ist, gab die Frau einem der Mädchen vermeintlich ein zweipfennig- und ein Einpfennigstück, worauf beide Masken wieder weitergingen. Kaum waren aber beide fort, als die Frau die Wahrnehmung machte, daß sie in der Eile anstatt einen Pfennig ein Zehnmarkstück verschenkt hatte. Zwar wurden die beiden Mädchen bald ermittelt, aber die Hoffnung der Frau, wieder zu dem Geldstück zu kommen, ist gering, denn die Kinder bestreiten, ein solches erhalten zu haben.

15. Februar 1910
Gestern war der erste diesjährige Wintersonntag, wo die Rodelbahn im Goldbachgrunde ununterbrochen in Betrieb war. Bereits in den zeitigen Vormittagsstunden hatten sich große und kleine Rodler eingefunden, um den Sport nochmals ausgiebig zu huldigen. Doch meinte es die Sonne so gut, daß die Bahn gegen Mittag ziemlich aufgeweicht war, weshalb die Schlitten schlecht von der Stelle gingen. Doch die Jugend weiß sich zu helfen und in kürzester Zeit war neben der alten Rodelbahn eine zweite bessere hergerichtet. Unglücksfälle sind glücklicherweise nicht vorgekommen.

16. Februar 1910
30 Jahre sind ins Land gegangen, seitdem die hiesige freiwillige Feuerwehr gegründet wurde. Viel ist geleistet worden in dieser Reihe von Jahren und die Devise: „Gott zur Ehr, dem Nächsten zur Wehr!“ die die einstigen Gründer beseelte, beherrscht noch heute wie damals die Wehrleute, wenn der Ruf an sie herantritt. Daß aber auch ein echt kameradschaftlicher Geist in dieser Kooperation steckt, bewies wiederum so recht die gestrige Feier des 30. Stiftungsfestes, die im schön geschmückten Saale des „Zu den drei Schwanen“ abgehalten wurde und einen allseitig befriedigenden Verlauf nahm. Neben den zahlreichen Angehörigen, Gästen und Ehrengästen – erschienen war Herr Gemeindevorstand nebst einigen Gemeinderatsmitgliedern – waren auch einige Nachbarwehren vertreten. Im Verlaufe des Abends entbot der Kommandant, Herr Ernst Vogel, den Anwesenden einen herzlichen Willkommensgruß. Ganz besonders begrüßte Redner aber Herrn Gemeindevorstand Götze, der zum erstenmale in seiner Eigenschaft als Gemeindevorstand anwesend sei, dabei dem Wunsche Ausdruck gebend, daß Herr Götze sein Wohlwollen der Wehr auch fernerhin bewahren möchte. Mit einem Hoch auf die Gäste und einem freudigst aufgenommenen Hurra auf den Protektor der sächsischen Wehre, Se. Majestät König Friedrich August, schloß der Kommandant seine Ansprache. Die Aufführung eines Theaterstückes, in dem die Mitwirkenden ihr Bestes boten, verschönte das Fest noch ganz besonders.

19. Februar 1910
Unter außerordentlich zahlreicher Beteiligung von Leidtragenden ist heute Vormittag vom Bahnhofe aus der am 11. dfs. Im fernen Süden in den Armen seiner Gattin und seiner greisen Mutter nach längerer Krankheit verstorbene Fabrikbesitzer und Oberleutnant d. L. Herr Otto Säuberlich in der Familiengruft auf dem hiesigen Friedhofe beigesetzt worden, der in allen Kreisen durch seine geschäftliche Tüchtigkeit wie seine persönliche Liebenswürdigkeit sich allgemeiner Achtung und Beliebtheit erfreute. Alle die aber, die ihm im Leben näher standen, haben in ihm einen treuen, aufopferungsvollen Freund verloren, dessen Hinscheiden das tiefe Bedauern weckt.

Ein aufregender Vorgang spielte sich gestern mittag auf der Weinkellerstraße ab. Eine auf der Lichtensteinerstraße wohnende ältere Frau wurde, während sie zur Arbeit ging, von einem heftig aus seiner Haustür herausjagenden großen Hund umgerissen und dermaßen auf die Straße geschleudert, daß sie fast bewußtlos liegen blieb. Sie war mit dem Kopf auf das Straßenpflaster gestürzt und mußte von einem vorübergehenden Herren aufgehoben werden. Die Frau klagte über heftige Schmerzen im Kopf und Rücken und mußte sich sofort in ärztliche Hilfe begeben. Dieser Fall dürfte eine erneute Warnung sein, große Hunde nicht ohne Leine und Begleitung auf die Straße zu lassen.

26. Februar 1910
Nachdem sich erst vor kurzem in hiesiger Stadt ein Kanarienzüchterverein gegründet hat, hat sich vorige Woche im Ortsteil Hüttengrund ein Männergesangsverein gebildet, der seinen Sitz im Etablissement „Hüttenmühle“ hat. Zum provisorischen Vorstand wurde Herr Theodor Bolick bestimmt. Uebrigens macht das Vereinswesen im Hüttengrund gute Fortschritte. Erst gab es dort blos einen Turnverein und einen Militärverein. In den letzten Jahren sind aber dort noch entstanden: ein Radfahrerverein, Ortsverein und eine Feuerwehr, und daß zu dem allen auch die Musik nicht fehlt, will man in der nächsten Zeit einen Konzertinaklub gründen.


01. Januar 1910
So treten wir nun heute ein in ein neues Jahr, nachdem wir abgeschlossen haben mit dem alten. Und alle Welt beglückwünscht sich, reicht sich die Hand, und durch die Seele zieht dann die Rührung und die Ergriffenheit. Wir wünschen voller Innigkeit allen, die uns nahe stehen, alles Glück. Auch das geschriebene Wort trägt den Gruß, den Wunsch des liebenden Herzens weiter – das ist ein schöner Brauch. Die Wendestunde soll uns mit hoffnungsfrohen und doch erhebungsvollen Gedanken der Bescheidenheit erfüllen, die gegenseitige Liebe und Achtung soll unsere Wünsche verinnerlichen…Ein lächelnd „Lebewohl!“ dem alten Jahre – ein freudig munteres „Vivat, crescat, floreat!“ dem jungen Chronos-Sohne 1910! In diesem Sinne auch allen unseren Lesern ein „Fröhliches Neujahr!“.

Das am Bahnhof gelegene Hotel „Schweizerhaus“ geht demnächst in Besitz des Herrn Freitag aus Aue i. Erzg. über. Derselbe übernimmt die Bewirtschaftung bereits in der ersten Hälfte des Januar. Weiter geht die Bewirtschaftung des an der Badstraße gelegenen Gasthauses „Goldene Höhe“ in der nächsten Zeit in andere Hände über, und zwar pachtweise an Herrn Expedient Freitag von hier.

04. Januar 1910
Daß dem Rodelsport hier nicht mehr so fleißig gehuldigt wird, kann man diesen Winter beobachten. Auf der im Goldbachgrund gelegenen, dem hiesigen Rodelklub gehörigen Fahrbahn war in den letzten Tagen, trotzdem die Bahn vorzüglich zum Fahren war, nur wenig Verkehr zu verzeichnen. Es ist bedauerlich, daß dem hiesigen Rodelklub, der die Bahn mit hohen Kosten unterhält und dem Publikum gegen eine kleine Vergütung stellt, nicht mehr Unterstützung zu teil wird.

06. Januar 1910
Das Wrack eines Wirtschaftswagens zierte heute morgen die Moltkestraße an ihrer Einmündung in die Bismarckstraße. Jedenfalls war es Altersschwäche, die dem linken Hinterrad des Wagens Veranlassung gegeben hatte, sich auf die Seite zu neigen und den beladenen Wagen gleichfalls hinsinken zu lassen.

08. Januar 1910
Gestern nachmittag kurz nach 2 Uhr ertönten Feuersignale in die sonntägliche Stille. Es brannte die oberhalb der Friedhofsstraße stehende neuerbaute Scheune des Herrn Oekonomen Leuschner bis auf die Grundmauern nieder. In der Scheune befanden sich ziemliche Vorräte an Getreide, Stroh und Heu, die sämtlich den Flammen zum Opfer fielen. Die Feuerwehr musste sich, da in der Nähe gefährdete Objekte nicht standen, nur auf ein Beobachten des Brandes beschränken, zumal von der Scheune nichts zu retten war. Ueber die Entstehung des Feuers wird sich Bestimmtes kaum ermitteln lassen. Während von der einen Seite Kurzschluß der elektrischen Leitung vermutet wird, erscheint auf der anderen Seite Brandstiftung nicht ausgeschlossen. Letztere Vermutung gründet sich darauf, daß die Scheune binnen wenigen Jahren das dritte mal von den Flammen verzehrt wurde. Nach dem letzten Brande war sie erst diesen Sommer wieder aufgebaut worden, um nunmehr wiederum in Feuer aufzugehen. Leider hat Herr Leuschner nicht versichert, sodaß ihn ein empfindlicher Schaden trifft.

19. Januar 1910
Das städtische Ehrendiplom für Treue in der Arbeit wurde vom Stadtrate verliehen: Herrn Werkführer Karl Hermann Viehweg, Hüttengrund Nr. B9, der 27 Jahre in dem Betriebe der Firma Redslob & Söhne tätig ist, der Besetzerin Frau Anna Marie Erler, Waisenhausstraße 13, die 25 Jahre für dasselbe Geschäft arbeitet, und dem Weber Herrn Erdmann Bruno Scheibe, Altmarkt 36, der seit 25 Jahren der Firma Gebr. Säuberlich die Treue bewahrt hat. Heute Vormittag erschien Herr Bürgermeister Dr. Patz in den genannten Fabrikbetrieben und überreichte in Gegenwart der Herren Firmeninhaber, soweit sie ortsanwesend sind, den beiden Jubilaren und der Jubilarin unter den Glückwünschen der Stadtverwaltung die für sie bestimmten Ehrenurkunden.

26. Januar 1910
Der gestrige Maskenball in der „Hüttenmühle“ – darstellend „Eine Nacht im Walde“  - war sehr zahlreich besucht; an Masken mochten etwas 40 anwesend sein. Die von Herrn Dekorateur Meyer ausgeführte Ausschmückung des Festsaales kam sehr vorteilhaft zur Geltung. Bei der Preisverteilung gingen folgende Masken als beste hervor: „Griechischer Krieger“, „Milchgeschirr“, „Tannenbaum“, „Stierkämpfer“ und zwei Clowns. Nach der Demaskierung trat der Tanz in seine Rechte, dem bis in die frühen Morgenstunden fleißig zugesprochen wurde.

27. Januar 1910
Der Zierbrunnen für den Garten unseres Naturheilvereins geht in kurzer Zeit seiner Vollendung entgegen, nachdem fleißige Bildhauerbände hiesiger Stadt seit Wochen an der Herstellung schaffen. Der Brunnen soll bekanntlich aus Anlaß des 25jährigen Bestehens des Vereins in diesem Jahre ausgestellt werden. Er wird 2,40 m hoch und 2,20 m breit. Als Material ist Sandstein verwandt worden. Nach dem Aussehen der einzelnen Teile wird der Brunnen ein recht gefälliges Äußeres erhalten. Außer Blumenornamenten und sonstigen einfachen Schmuck sind es ein wasserspeiender Löwenkopf und zwei die Wasserheilkunde verkörpernde Kindergestalten, welche seinen figürlichen Hauptschmuck bilden. Daß der Naturheilverein weniger durch ein kostspieliges Fest, als vielmehr durch Schaffung eines Schmuckstückes sein 25jähriges Jubiläum begehen will, ist überaus lobenswert. Durch diese Schöpfung erhält unsere Stadt bezw. Ihre Umgebung, die leider bisher etwas ähnliches nicht aufweist, im laufenden Jahre gleich zwei solcher Brunnen, da wie bekannt, auch der städtische Zierbrunnen auf dem Altmarkt aus Anlaß des 400jährigen Stadtjubiläums fertiggestellt wird.

29. Januar 1910
Ein höchst dreister Diebstahl wurde heute früh zwischen 6 und 7 Uhr auf der Hohestraße beim Milchhändler Günther ausgeführt., indem ihm aus dem Erdgeschoß, wo er seine Niederlage für die Wagen hat, ein Handleiterwagen verdachtlos gestohlen wurde. Die auf dem Wagen stehenden zwei großen Milchbehälter hatte der Dieb in der Niederlage zurückgelassen und auf den Erdboden gestellt. Günther ist gegen 6 Uhr in der Niederlage gewesen, um den großen Pferdewagen zu holen, hat auch das Tor wieder zugemacht, aber nicht verschlossen, und diesen Umstand hat der Langfinger, der vermutlich mit den Verhältnissen vertraut ist, benutzt.