Historische Meldungen aus dem Jahr 1911

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Dezember

 

05. Dezember 1911
Vergangene Nacht in der 1. Stunde war im Kohleschuppen der Firma Robert Meisch, wahrscheinlich infolge Selbstentzündung durch die Dampfpresse, Feuer ausgebrochen, das zum Glück noch so rechtzeitig bemerkt wurde, daß der Brand mit der eigenen, trefflich funktionierenden Feuerlöscheinrichtung der Firma noch im Entstehen gelöscht werden konnte.

Der Bildhauer und Steinmetzgeschäftsinhaber Otto Riedel von hier, der – wie wir berichteteten – vorige Woche auf der Straße von Hohndorf nach Oberlungwitz  durch Sturz vom Rade schwer verunglückte, ist gestern seinen Verletzungen erlegen. Er hinterlässt eine Witwe mit drei noch unerzogenen Kindern.

06. Dezember 1911
Das Totenglöcklein klingt für die Gewerkschaft „Lampertus“. Vor einigen Wochen konnte das „Tageblatt“ berichten, daß eine Gewerkenversammlung Beschluß fassen sollte über das fernere Schicksal des Unternehmens; diese Versammlung verlief ergebnislos, weil außer einem Vertreter keine Gewerken erschienen waren. Die gestern Montag im Huthause abgehaltene Versammlung war nun zur endgültigen Beschlussfassung ermächtigt. Anwesend waren außer dem Verwalter Herrn Illgen die Herren Justizrat Tetzner als Vertreter der Frau Tetzner-Gera, Herr Alfred Fritzsche-Aue als Beauftragter der Firma Schultze & Fritzsche und für seine Person, sowie als Vertreter der Stadtgemeinde Hohenstein-Ernstthal Herr Bürgermeister Dr. Patz. Einstimmig wurde beschlossen, das Bergbaurecht der Gewerkschaft „Lampertus“ aufzugeben. Die Gewerkschaft in der Gestalt, wie sie gestern sozusagen zu Grabe getragen wurde, besteht seit dem Jahre 1895, und in der Zeit von damals bis heute ist keinerlei Ausbeute zu verzeichnen gewesen – kein Wunder daher, daß die Gewerken der fortwährenden Zubußen einmal überdrüssig wurden. „Lampertus“ hatte in früherer Zeiten eine nach damaligen Verhältnissen befriedigende, ja vielleicht auch eine reiche Ausbeute – der Ertrag war aber kein dauernder. Verschiedentlich hat der derzeitige Verwalter der Gewerkschaft, Herr Illgen, Anregungen gegeben, den Schacht noch einmal zu prüfen – umsonst. Die Beteiligten konnten es nicht über sich gewinnen, auf ein Ungewisses hin noch einmal ein kapital daranzuwenden, das vielleicht doch von vornherein als verloren anzusehen war, und so unterblieb eine eingehende Untersuchung des Schachtes. So wird nun über kurz oder lang mit dem nunmehr beschlossenen Einstellen des eigentlich schon lange ruhenden Betriebes auf dem Lampertusschacht der letzte Rest des einst in so hoher Blüte stehenden Erzbergbaues am Pfaffenberge dahinschwinden. Zwar kann heute eigentlich von einem endgültigen Beschluß noch nicht gesprochen werden; die Angelegenheit hat erst einen gewissen Instanzenzug zu durchlaufen: Herr Verwalter Illgen hat das Ergebnis der gestrigen Versammlung an das Bergamt Freiberg zu berichten, dieses muß sich dann mit dem Kgl. Ministerium ins Einvernehmen setzen – aber zu ändern dürfte an dem Schicksal des Schachtes nichts mehr sein. Die nächste Folge wird sein, daß das Unternehmen, von dessen einstigen Blühen noch heute die zahlreichen Halden auf dem Pfaffenberge zeugen, zur Zwangsversteigerung gelangt. Das steht zwar heute noch nicht so unwiderruflich fest, einen anderen Weg gibt’s aber nach Lage der Verhältnisse nicht. Schon am 7. November fand in dieser Angelegenheit eine Beratung im hiesigen Rathause statt, an der auch Vertreter des Bergamts in Freiberg teilnahmen; hierbei beschäftigte man sich in der Hauptsache mit der Frage des Bergbaurechts und des Bergreservats, es handelte sich also um eine Vorbesprechung für die gestrige Gewerkenversammlung.

09. Dezember 1911
Eine recht gefährliche Unsitte macht sich schon seit längerer Zeit an der Bahnunterführung, die nach der Schützenstraße führt, bemerkbar. Man kann dort vielfach die Wahrnehmung machen, daß an den abschüssigen Zufahrtsstellen von beiden Straßenseiten aus sehr schnell mit Hand- und Kinderwagen nach dem Tunnel kommenden Personen bei dem Verkehr  in die Gefahr des Ueberfahrenwerdens kommen. Letzteres ist schon öfters passiert, erst in den letzten Tagen wurde wieder eine ältere Frau, die mit einem Tragkorb durch den Tunnel ging, von einem jungen Mann, der mit einem Handwagen schnell bergab fuhr, umgerissen. Zum Glück hat die Frau keine Verletzungen erlitten, sodaß sie, nachdem sie sich vom Schreck etwas erholt hatte, weiter gehen konnte.

Die hiesige Kunst- und Verlagsanstalt E. M. Seidel hat eine sehr hübsche Neujahrskarte – einfarbig und auch bunt – herausgegeben, die in vollendeter Weise eine Schneelandschaft widergibt, und zwar den anziehenden Punkt unseres Marktes: Zierbrunnen und oberer Altmarkt.

Die Baulichkeiten, die für den Depotplatz der elektrischen Bahn geplant sind, bestehen aus einem Wohn- und Verwaltungsgebäude und einer Wagenhalle. Der Depot-Platz befindet sich bekanntlich an der Goldbachstraße südlich vom Sägewerk des Herrn Stadtrat Beck und gegenüber dem Gimpelschen Neubau. Im Vordergrund des Platzes, ganz wenig von der Straße entfernt und mit der Hausfront nach dieser gerichtetfindet die Wagenhalle ihren Platz. Sie ist 41 Mtr. lang und 22 Meter tief geplant. In der östlichen Tiefenverlängerung wird die Reparaturwerkstatt mit einer Länge von 26 Metern und einer Tiefe von 12 Metern so angebaut, daß das Ganze an dieser Seite mit einer Gesamttiefe oder Breite von 34 Metern erscheint. Von der Bahnstrecke aus zweigt zunächst ein Gleis in seiner Verlängerung nach und nach sechs weitere Gleise, die gleichlaufend zueinander in die Wagenhalle führen. Diese kann 24 Wagen aufnehmen. In der Reparaturwerkstatt finden Maschinen für Schmiede, Tischler usw. Aufstellung und es werden Aufenthaltsräume für das Personal eingebaut. Ein siebentes Gleis führt in diese Werkstatt, ein achtes auf den Platz hinter der Halle. Das Verwaltungsgebäude wird im Hintergrunde, von der Straße aus rechts gesehen, errichtet werden. Es ist ein zweistöckiger Bau mit einem schlichten jedoch ganz hübschen Aeußeren. Das ganze Gebäude ist 15x12 Meter groß. Im Erdgeschoß finden die Geschäftszimmer und eine Beamtenwohnung, im Obergeschoß die Wohnung für den Direktor ihren Platz. Die ganze Anlage wird entsprechend  ihrem Zweck eine ziemlich umfangreiche werden und der gesamten Umgebung zur Belebung verhelfen und zur Zierde gereichen.

17. Dezember 1911
Ein Stück Weihnachtspoesie stellt das Leben und Treiben dar, daß sich gelegentlich des Christmarktes entwickelt, der morgen und am Heiligen Abend im Herzen unserer Stadt abgehalten wird. Inmitten der Budenstadt, die gegenwärtig im Entstehen begriffen ist, entwickelt sich ein lebhaftes Kommen und Gehen. Verlangend schauen die Kleinen auf die in den Buden ausgebreiteten vielen schönen Sachen, auf das so viel begehrte Spielzeug. Die Mütter suchen Püppchen für die kleinen Mädchen aus, mit gewichtigeren Sachen beladen, macht sich der Vater auf den Heimweg, um in wohlgehütetem Versteck die Geschenke zu verstauen…Der morgige 3. Adventssonntag soll nun unsern Geschäftsleuten den Haupterntetag bringen. Wer von den Bewohnern unserer Nachbarorte sich nun nicht dazugehalten und beizeiten eingekauft hat, wird morgen sicher über das Wetter murren, denn der Regen hat die Straßen aufgeweicht, die Wege sind nicht mehr so angenehm passierbar als an vergangenen Sonntagen.

19. Dezember 1911
In einem Geschäft in der Weinkellerstraße stahl gestern nachmittag eine in den mittleren Jahren stehende Frau, in deren Begleitung sich ein Knabe befand, mehrere Gegenstände, darunter eine kleine Dampfmaschine. Trotz des Gedränges im Laden war aber die Frau beobachtet und der Ladeninhaber darauf aufmerksam gemacht worden. Natürlich hatte sich die Frau mit den gestohlenen Sachen schleunigst aus dem Staube gemacht, wurde aber vom Geschäftsinhaber und einer Verkäuferin eingeholt und zurückgebracht. Von einer Anzeige sah der Geschäftsmann ab, da die Frau die Gegenstände dann bezahlte.
 


05. November 1911
Kauft am Ort oder von im Ort bekannten Personen! Vor einigen Tagen bot ein durch Hohenstein-Ernstthal, Oberlungwitz, usw. fahrender Händler russische Preißelbeeren feil, das Pfund zu 35 Pfg. Diese durch ihre Größe ansprechenden Beeren waren aber nicht die erwünschten Preißelbeeren, sondern es waren nur Beeren der sogen. eßbaren Eberesche. Die Käufer klagen allgemein darüber, daß diese Beeren, um nur einigermaßen schmackhaft zu werden, unverhältnismäßig viel Zuckerzusatz erfordern, wodurch der vermeintliche billige Kauf und das Einlegen dieser „russischen Preißelbeeren“ sich als sehr teuer und unvorteilhaft erweisen. 

15. November 1911
Gestern stürzte in einem unbewachten Augenblick das 2½ Jahre alte Söhnchen einer auf der Karlstraße wohnenden Handarbeitersfamilie vom zweiten Stockwerk herab in den Hof. Das Kind hatte sich zu weit über das Fensterbrett gelegt, wodurch es das Gleichgewicht verlor und abstürzte. Es wurde besinnungslos aufgehoben, kam aber nach einiger Zeit wieder zum Bewusstsein. Der sofort zu Rate gezogene Arzt stellt innere Verletzungen fest, auch scheint das Kind innere Verletzungen am Rücken erlitten zu haben.

16. November 1911
Nachdem gestern fast den ganzen Tag leichter Nebel über dem Lande lagerte, kam er in der siebenten Stunde in einer derartigen Dichtigkeit dahergezogen, dass die Straßen und Schaufensterlaternen kaum auf einige Meter hin geringe Helligkeit verbreiteten. Der Straßenverkehr ward deshalb auch ziemlich beschwerlich. Daß der Verkehr auf den Landstraßen um diese Zeit geradezu mit Gefahr verknüpft war, zeigt folgender Vorfall: Auf der Badstraße fuhr Herr Ortskrankenkassierer Koch von hier mit seinem dreirädigen Automobil. Durch irgend einen Umstand dazu veranlaßt, glaubte er einem entgegenkommenden Gefährt ausweichen zu müssen, in der Dunkelheit fiel diese Bewegung zu stark aus, das Fahrzeug fuhr in den Straßengraben, fiel um und der Insasse ward herausgeschleudert. Glücklicherweise kam er mit dem Schrecken davon, während der Wagen dadurch beschädigt wurde, daß der Benzinbehälter ausbrannte. Ueber Nacht blieb das Gefährt draußen liegen; erst heute vormittag wurde es zur Reparatur nach der Stadt gefahren.

17. November 1911
Angeblich aus Verzweifelung über geschäftliche Verluste ist ein junger Geschäftsmann aus einer Nachbarstadt zum Fälscher und Betrüger geworden. Er kam im Laufe des Vormittags zur hiesigen Bank und präsentierte einen Wechsel über 500 Mk., der auf den Namen eines hiesigen Geschäftsmannes ausgestellt war. Der Betrüger hatte jedoch nicht mit der Vorsicht des Bankvorstehers gerechnet, der erst bei dem hiesigen Geschäftsmann anfrug und daraufhin dem Fremden die Betrugsabsicht und Fälschung nachweisen konnte. Als der Betrüger sah, daß er auf diese Weise seinen Zweck, zu Gelde zu kommen, nicht erreichte, nahm er schleunigst Reißaus, ward aber von einigen Geschäftsangestellten eingeholt und durch Polizeiorgane verhaftet. Der bisher Unbescholtene wird sein unlauteres Manöver schwer büßen müssen.

22. November 1911
Ein Rückblick auf die Bautätigkeit in unserer Stadt ist jetzt, wo sie weit vorgeschrittene Jahreszeit wohl bald ein „Halt“ gebieten wird, am Platze. Mit diesem „Halt“ wird ein Baujahr beendet werden, das im Hinblick auf das günstige Wetter vom ersten bis zum letzten Tage ein reichgesegnetes genannt zu werden verdient. Aber auch im Hinblick auf die Anzahl und den Umfang der fertiggestellten und begonnenen Bauten kann man seine Freude haben. Einen Villen- oder Wohnhausneubau errichteten die Herren Meyer und Reuthner an der König Albert Straße*1, Müller an der Hüttengrundstraße, Pfefferkorn an der Lungwitzer Straße, Selbmann und die Baugenossenschaft an der Bismarkstraße*2, Dünnebier an der Zeißigstraße, Richter an der Schönburgstraße*3, Uhlig auf dem Pfaffenberg und Mehnert an der Dresdnerstraße. Fabrikneu- und Umbauten sowie Wiederaufbau der abgebrannten Betriebsgebäude führten bezw. begannen die Firmen Heidel an der Antonstraße, Vetter & Rössel an der Schillerstraße, Finsterbusch an der Limbacher Straße*4 und Beck an der Goldbachstraße. Auf dem Pfaffenberg errichteten der Erzgebirgsverein ein prächtiges Berggasthaus und der „Turnerbund“ eine große Turnhalle. Während Herr Köhler an der Talstraße auf dem abgebrannten Teile seines Anwesens den Dachstuhl wieder aufsetzte und Herr Schmidt im Altstädter Schützenhause den Garderoberaum vergrößerte, plant Herr Bauer an der Moltkestraße*5 zu geeigneter Zeit den Bau einer Kühlanlage. Schaufenster- und Ladenvergrößerungen wurden von den Herren Richter, Winter, Reinhold und Schörner vorgenommen. Die Anzahl der aufgezählten Bauten, denen sich noch eine größere Zahl nicht genannter kleinerer Veränderungen zugesellte, rechtfertigen es wohl, wenn man das Baujahr ein fruchtbares und die Bautätigkeit eine rege nennt; beide lassen auf eine gefundene Weiterentwicklung unseres Gemeinwesens schließen.

25. November 1911
Ein Kuriosum, das heute die Leute in der Dresdnerstraße wohl sämtlich an die Fenster rief, ist wert, daß man es als Zeitbild festhält: Da gabs ein Schnaufen, Poltern, Rasen auf der Straße und dazwischen ein Brüllen, als ob eine ganze Rinderherde durchginge und als man den Schaden besah, da wars – ein Automobil mit einer „modernen“ Hupe. Soll mal jemand noch sagen, es gäbe keine keine Poesie der Landstraße mehr.

28. November 1911
Feueralarm durchtönte am Vorabend des Totensonntags die Straßen unserer Stadt, die Hornisten unserer Wehr wie auch Fabrikpfeifen gaben Signale und riefen zur Hilfe zu einem Großfeuer im Hüttengrunde, wo ein Teil der chemischen Dampfbleicherei Koch in Flammen Stand. Der Brand war in dem seitwärts des Hauptgebäudes stehenden größeren Trockenhause ausgebrochen, in dem Wolle und Baumwolle, Garne usw. lagerten, und zwar bemerkte man die ersten Flammen in der Nähe des Exhaustors. Das Feuer fand reichliche Nahrung und verbreitete sich deshalb auch schnell über das ganze Gebäude, um bald darauf auf ein kleineres vorgelagertes Haus überzugeifen, indem die Wäscherei und Bleicherei untergebracht war. Ein Glück war es, daß der Wind die Flammen nicht dem Hauptgebäude zutrieb; so war es den Bemühungen der Feuerwehren möglich, den Brand fast auf seinen Herd zu beschränken. Das Hauptgebäude mit dem Kontor sowie das Kesselhaus blieben völlig unversehrt. Trotzdem Wasser in genügender Menge und auch ganz nahe der Brandstelle vorhanden war, konnten die Wehren dem entfesselten Element nicht Einhalt tun, was bei der großen Menge brennbarer Stoffe sehr begreiflich erscheint. De Ursache des Brandes ist noch nicht aufgeklärt, sie dürfte jedoch in Selbstentzündung zu suchen sein. Wie wir hörten, ist der Schaden ganz beträchtlich, er dürfte aber zum größten Teil durch Versicherung gedeckt sein. An Material wurden etwa 8-10.000 Kilogramm Baumwolle vernichtet. Besonders empfindlicher Schaden erwächst der Firma dadurch, daß gegenwärtig große Aufträge in Baumwollbleicherei zu erledigen waren, die jetzt naturgemäß nicht ausgeführt werden können. Außer der Hüttengrunder Wehr waren auch unsere beiden Kompagnien eifrig mit tätig, ebenso die Hermsdorfer Feuerwehr, die sich die Löschprämie errang, und die Kuhschnappler Wehr.


01. Oktober 1911
Herr Stadtrat Paul Reinhard, der Inhaber des seit Ende 1820 bestehenden Bett- und Tischdecken-, Strumpf-Export- und Seiden- und Chenille-Fabrikationsgeschäftes G. F. Beck hier kann am morgenden 1. Oktober auf eine 25jährige Tätigkeit als Chef der Firma zurückblicken. Am 1. Oktober 1886 als Teilhaber in die alte, nunmehr seit drei Menschenaltern hochangesehene Firma aufgenommen, hat Herr Stadtrat Reinhard in unmittelbarer Tätigkeit es verstanden, dem Geschäfte immer neue Produktionszweige anzugliedern und es zu einem der ersten am hiesigen Platze zu machen. Der Segen des Fleißes, der bisher das Tun und Handeln des Jubilars begleitet hat, wird, das sind wir gewiß, auch im zweiten Vierteljahrhundert seiner geschäftlichen Tätigkeit nicht ausbleiben.

06. Oktober 1911
Ein Unglück konnte gestern nachmittag auf der Oststraße, in der Nähe des Neustädter Teichplatzes, entstehen durch einen schnellfahrenden auswärtigen Motorradfahrer, der beinahe zwei Kinder überfahren hätte. Nur dem schnellen Eingreifen einer Frau, die die Kinder noch rechtzeitig auf die Straße riß, war es zu danken, dass beide mit dem Schrecken davon kamen. Auch der Radler bremste sofort und so scharf, dass er vom Rade geschleudert wurde, ohne sich glücklicherweise nennenswerte Verletzungen zuzuziehen. Der Vorgang hatte schnell eine große Anzahl Leute angelockt, die in scharfen Worten Partei gegen den Radler nahmen.

11. Oktober 1911
In der vergangenen Nacht ist im Meisterhause ein Einbruch verübt worden. Die Diebe haben sich durch Eindrücken einer Fensterscheibe Eingang in das zu ebener Erde gelegene Gastzimmer verschafft, haben im Buffet alles durchwühlt, den Schutzkasten vom Wassersprühbehälter abgedrückt (glaubten Sie etwa daß hier Geld verborgen sein könnte?) und sich vier Schlüssel zum Grammophon und zu einem Wandschrank angeeignet. Anscheinend sind die Einbrecher aber dann gestört worden, so daß sie ihren Ausgang durch die Küche in den Hof nahmen und durch einen Schlüpfe wieder auf die Straße gelangten. Mitgenommen haben sie nichts, da das Geld im Grammophon noch vollständig vorgefunden wurde. In den Verdacht der Täterschaft kommen zwei Fremde, die in der gestrigen Mittagsstunde im „Meisterhause“ eingekehrt sind. Beide waren große, schlanke Männer, der eine mit schwarzem, der andere mit blondem Schnurrbart. Der Eine trug einen braunen, modefarbenen Anzug, frischen Stehkragen und braunen, langen Schlips. Er hatte vorher seinen graugestreiften Winterüberzieher bei einem hiesigen Pfandleiher verkauft. Der Andere trug ein in schwarze Leinwand gewickeltes Kästchen bei sich, in dem sich vielleicht Einbrecherwerkzeuge befanden. Bis jetzt hat man von den Einbrechern noch keine Spur.

24. Oktober 1911
Als ein Genie im Schwindeln und Betrügen erwies sich in diesen Tagen ein junger Mann von hier, der Sohn achtbarer Eltern. Am vorigen Donnerstag sprach er bei Herrn Sattlermeister G. Müller hier vor, gab sich als Sohn eines hiesigen Baumeisters aus und borgte auf dessen Namen ein Paar Reitgamaschen, ein Paar Sporen und eine Reitpeitsche, welche Gegenstände ihm auch ausgehändigt wurden. Als Sohn eines hiesigen Fabrikanten begab er sich dann zu einem Goldwarenhändler, ließ sich dort fünf goldene Ringe und zwei goldene Armbänder aushändigen, die er angeblich seinem Vater zur Auswahl überbringen sollte; auch in diesem Falle kamen dem Geschäftsmann keinerlei Bedenken über die Glaubwürdigkeit des Knaben und der junge Mann gelangte auf leichte Weise auch in den Besitz dieser Wertsachen. Am Sonnabend nachmittag in der 4. Stunde verlegte der Betrüger den Schauplatz seiner Schwindeloperationen in das Kontor einer hiesigen Fabrik. Hier spielte er – wiederum mit gutem Erfolg – den Sohn des Strumpffabrikanten Hösel in Wüstenbrand, verlangte vom Farbikherrn, mit dem Hösel in Geschäftsverbindungen steht, das Abrechnungsbuch, das über diese Verbindungen geführt wird und den sich aus der Abrechnung ergebenden Betrag vin 159,65 Mk. Das Auftreten des jungen Mannes war, wie in den vorerwähnten Fällen, so auch hier ein bestimmtes und sicheres, sodaß Zweifel an der Rechtmäßigkeit seiner Ansprüche nicht entstanden und dem Betrüger das Abrechnungsbuch samt dem Gelde ausgehändigt wurde, worüber er quittierte. Erst zu spät kamen die Geschädigten dahinter, daß sie von einem Schwindler gebrandschatzt worden waren – in allen Fällen handelt es sich um ein en fein eingefädelten und schlau durchdachten Betrug. Dann ward aber auch festgestellt, daß der junge Mensch, indem der 18jährige Eugen Willy R. von hier ermittelt ward, bereits in Chemnitz, wo er in Stellung war, eine größere Unterschlagung und einen Betrugsversuch bei dortigen Banken verübt hatte. R. wurde noch am selbigen Abend von der Chemnitzer Kriminalpolizei verhaftet und nach Chemnitz ins Amtsgerichtsgefängnis abgeliefert.


01.September 1911
Das Berggasthaus unseres Erzgebirgsvereins naht sich seiner Vollendung, sodaß es gegen Ende September seiner Bestimmung wird übergeben werden können. Gestern bereits haben die Maurer ihr Arbeitsgerät zusammengeräumt und fortgeschafft und die anderen Gewerken werden bald folgen. Jetzt sind die Maler an der Arbeit, um die Innenräume anheimelnd zu gestalten, während in den oberen Geschossen Zimmerleute, Tischler und Schlosser die letzte Hand anlegen. Freilich wird noch längere Zeit vergehen, ehe der Bau und seine Umgebung soweit Gestalt angenommen haben, daß man von ihrem „Fertigsein“ reden kann. Vor allem haben die im Frühjahr neu hergestellten Anlagen durch die beispiellose Dürre dieses Sommers so gelitten, daß ein großer Teil der Anpflanzungen, vor  allem die edlen Ziehölzer, eingegangen sind und im nächsten Jahr durch neue ersetzt werden müssen. Auch wird die nähere Umgebung des Hauses noch insoweit zu planieren, zu beschottern und mit Kies zu belegen sein, daß sie im kommenden Sommer mit Tischen besetzt werden kann. Im ganzen aber herrscht – vor allem von Besuchern von außwärts – nur eine Stimmer der Anerkennung über die Schönheit des Baues, der unserer Stadt einen Anziehungspunkt geschaffen hat, der seine Werbekraft hoffentlich recht ausgiebig zur Geltung bringen wird.

Ein aufregender Vorgang, der aber glücklicherweise ohne Unfall verlief, spielte sich gestern abend gegen ½ 7 auf der Moltkestraße ab. Das vorschriftsmäßig abgesträngte Pferd eines auswärtigen Fleischermeisters, der mit seinem Geschirr vor den „Drei Schwanen“ am Altmarkte hielt, wurde plätzlich, wahrscheinlich durch Fliegenstiche, unrugih und nahm Reißaus. Auf seiner Flucht bog es bei Herrn Liebmann in die Moltkestraße eim, raste mit dem Wagen auf dem Fußsteig fort, kam aber bei Herrn Fleischermeister Bauer, als der Wagen an einem Baum anprallte, zum Stürzen, wobei die Deichsel abbrach und der Strang riß. Das Pferd erhob sich sofort wieder und stürmte weiter, wurde dann jedoch in der Nähe der Engelmann´schen Schmiede aufgehalten, ohne Schaden angerichtet zu haben. Auf der Moltkestraße hielten sich zur Zeit zahlreiche Kinder auf, die sich aber sämtlich vor dem Durchgänger in die anliegenden Häuser retten konnten.

06. September 1911
Am gestrigen Montag in der 5. Morgenstunde wurde im Schürerschen Grundstück an der Goldbachstraße (Viehof) ein Brand bemerkt, der einige Ballen Torfmull eingerissen hatte. Sofort aufgenommene Löschversuche durch Herrn Hilfsweichensteller Löffler und Herrn Schürer waren von Erfolg, sodaß der Schaden nicht bedeutend ist. Der Torfmull gehörte einem hiesigen Futtermittelhändler. Als Brandursache nimmt man Funkenflug von einer Lokomotive oder aber vom Beckschen Brande an; letztere Annahme dürfte schon um deswillen wahrscheinlicher sein, als ja der Torfmull schwer und langsam brennt.

08. September 1911
Gegenwärtig wird die letzte Hand an die Fertigstellung des Zierbrunnens auf dem Altmarkt gelegt. Das Baugerüst ist beseitigt und es wird nur noch eine Granitschwelle um das große Wasserbecken gelegt. Der Inbetriebsetzung des Brunnens steht also nichts mehr im Wege. Wie wir hörten, ist geplant, vorderhand das Wasser nur Sonntags und zu Festlichkeiten laufen zu lassen; diese Maßnahme ist durch die noch immer anhaltende Trockenheit bedingt. In diesen Tagen ist der Brunnen schon mehrmals in Betrieb gewesen zur Prüfung der Dichtigkeit des Beckens. Demnächst werden an den Böschungen hinter der Anlage noch einige Veränderungen vorgenommen.

Vorgestern abend hat ein Lehrling eines hiesigen Kontors unter Mitnahme von rund 280 Mk. das Weite gesucht. Der Junge hing gern romantischen Ideen nach und wollte in die ferne Welt. Der leichtsinnige Mensch, der über seine Eltern schweres Herzeleid gebracht hat, wird kaum weit kommen.

09. September 1911
Unsere Vermutung, daß der junge Mensch, der am Dienstag unter Mitnahme fremder Gelder von hier flüchtig geworden war, nicht weit kommen werde, hat sich bestätigt. Er hatte bei Verwandten in Eisenach Zuflucht gesucht, die seine Ankunft nach hier meldeten. Ob und welche Strafe den Leichtsinnigen für sein Vergehen treffen wird, steht noch dahin.

29. September 1911
Einem glücklichen Zufall ist es zu verdanken, daß gestern ein junges Menschenleben vor der Vernichtung bewahrt blieb und ein bedauerlicher Schritt, dem Leben selbst ein Ende zu machen, vereitelt werden konnte. Als ein alter Holzhändler nachmittags gegen 4 Uhr auf seinem Gange in die Häuser auch in die Wohnung des Wirkers K. in der Herrmannstraße kam, fand er die Stube voller Gas und auf einem Stuhle sitzend die fast leblose Gestalt der 19jährigen Tochter Ella. Sofort alarmierte der Mann die Hausbewohner- das Mädchen war allein zu Hause-, und dank schneller Hilfe gelang es, den beabsichtigten Selbstmord zu verhüten. Das Mädchen hatte den Gashahn am Kocher in der Wohnstube geöffnet, den Zuleitungsschlauch in den Mund genommen, sich auf einen Stuhl gesetzt und so sein Lebensende erwartet. Die Lebensmüde hat jedenfalls nicht lange so gesessen. Nachdem schnell Hilfe herbei geholt worden, schaffte man die Bewußtlose ins Freie, gab ihr schleunigst Brechmittel ein und holte ärztliche Hilfe herbei. Nicht lange dauerte es, und das Mädchen gab wieder Lebenszeichen von sich. Es hätte nur noch einiger weiterer Minuten bedurft und es wäre nicht möglich gewesen, das Leben des Mädchens zu retten. Als ein glücklicher Umstand ist es zu bezeichnen, das die Lebensmüde von einem Verschließen des Zimmers abgesehen hatte. Was dem Mädchen den unseligen Gedanken eingegeben haben mag, darüber ergeht man sich lediglich in Vermutungen – möglich, daß der Entschluß, zu sterben, einer Liebesgeschichte entsprungen ist. Die Ella K. war in einer hiesigen Fabrik tätig und hatte gestern vorzeitig die Arbeit verlassen. Da die Mutter und der jüngere Bruder der K. ihrer Arbeit nachgingen und der Vater im Krankenhause liegt, blieb der Vorgang unbeachtet, bis dem alten Holzhändler die Rolle des Retters aus höchster Not zufiel. Gegenwärtig ist das Mädchen aus aller Gefahr und sein Befinden ein den Umständen angemessen gutes.


06. August 1911
Seit heute vormittag sind an den Anschlagstafeln und Säulen sowie in den Schau-fenstern der Stadt die Plakate des Bergfestes zu sehen. Ihr volkstümliches Aeußeres erfüllt ihren Zweck sehr gut und erfreut durch seine Farbenwahl. Sie sind ein heimi-sches Erzeugnis, Herr O. Baumgärtel hat an ihnen wiederum seine Kunst erprobt und die Firma E. Anton Tappen hat den Steindruck besorgt. Den darauf angekün-digten Veranstaltungen nach zu urteilen, verspricht das Fest sehr interessant zu werden.

09. August 1911
Unter dem Vorsitze des Herrn H. H. Ebersbach hatte sich gestern abend im „Schwanen“-Saale eine große Anzahl Damen und Herren eingefunden, die gewillt sind, durch ihre Mitarbeit dem Bergfeste zum Gelingen zu verhelfen. Es fanden sich für alle Unternehmungen hilfsbereite Kräfte, sodaß die oberbayrische Kirmes bestens zur Ausführung kommen und alle Besucher erfreuen und befriedigen dürfte. Es wurden gedruckte Karten verteilt, die zu Einladungen an auswärts wohnende Stadt-kinder Verwendung finden sollen. Herr Bürgermeister Dr. Patz hat sich zur Ueber-nahme des Ehren-Vorsitzes im Festausschuß bereit erklärt, während Herr Stadtrat Anger den Posten des ersten Vorstehers übernimmt, in dessen Stellvertretung Herr Musterzeichnereibesitzer Ebersbach amtiert.

12. August 1911
Die Festbauten für das bevorstehende Bergfest sind in flottestem Gange. Der Fest-platz umfaßt das ganze Gebiet nördlich vom Berghaus. Auf ihm werden außer den üblichen kleinen Verkaufsständen an größeren Unternehmen ein mächtiges Lein-wandzelt zum Bierschank, die Bayrische Bierhalle mit Rostbratwurstverkauf, ein Café, der Musikpavillon, das Fischwarenzelt nebst Erfrischungsteil und vieles andere Aufstellung finden. Mit der größten Anstrengung ist von den Beteiligten an den vorbe-reitenden Arbeiten geschafft worden, sodaß eine schöne Durchführung des Festes gesichert ist.

13. August 1911
Im Verlage des Erzgebirgsvereins wird am morgigen Festtage eine in farbiger Stein-zeichnung gedruckte Ansichtspostkarte erscheinen. Sie stellt keine Festpostkarte vor, kann also auch nach dem Feste verwendet werden, und ist die erste Ansichts-postkarte unserer Stadt in der genannten Herstellungsart.

15. August 1911
Vorzüglich gelungene photographische Aufnahmen vom Bergfest gelangen in der Opitzschen Buchhandlung, Weinkellerstraße, zum Verkauf. Die Karten in Bromsilber-ausführung werden sicher recht viel verlangt werden.

18. August 1911
Die zum Unterbau nötigen Teile für den Zierbrunnen, der auf dem Altmarkt zur Auf-stellung gelangen soll, sind heute angeliefert worden. Gegenwärtig geht man an ihre Aufstellung heran. Um das Wasserbecken sind acht Frösche gruppiert und der Unterteil des Beckens ist rundherum mit Wassergeflügel geziert. In aller Kürze wird auch die das Ganze krönende weibliche Brunnenfigur angeliefert werden können, sodaß die Fertigstellung des Zierbrunnens nur noch kurze Zeit dauern dürfte.

20. August 1911
Einen rüstigen Fortgang nehmen die Arbeiten am Zierbrunnen auf dem Altmarkt. Heute vormittag trafen die einzelnen Teile für den unteren Wasserbehälter ein, und sofort ging man an die Aufstellung der zahlreichen Einzelstücke. In den ersten Tagen der kommenden Woche wird auch die große Brunnenfigur geliefert werden können.

25. August 1911
Im großen und ganzen vollendet, erhebt sich nun auf unserem Altmarkt der der Stadtgemeinde vom Sächsischen Kunstverein gestiftete Zierbrunnen. Gestern nachmittag wurde in Gegenwart der ausführenden Dresdner Künstler – der Herren Bildhauer Petrenz, von dem das Modell stammt, und Pietzsch, dem die Ausführung des Brunnens in Sandstein übertragen war – die das Ganze abschließende Figur, eine Wasserträgerin, angebracht. Nun sind noch die Putz-, Zement- und Betonarbeiten zu erledigen und es ist zu erwarten, daß die jetzt noch vom Baugerüst umschlossene Anlage im Laufe der nächsten Woche betriebsfertig ist.


02. Juli 1911
Ein einfacher Obelisk auf dem St. Christophorikirchhof – er steht noch mitten im Rauschen und Raunen der ernsten Zypressen, deren Bestand sich leider immer mehr lichtet – ruft uns die Erinnerung wach an die trübe Zeit vor nunmehr 45 Jahren, an den Bruderkampf von 1866. Am 3. Juli jährt sich wieder der Tag von Königgrätz, der die Entscheidung im Ringen brachte. „Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens!“ so steht an der einen Seite eingegraben. „Gitschin den 29. Juni 1866, „Königgrätz den 3. Juli 1866“, „Zum Andenken der im Kampfe 1866 Gebliebenen W. Müller, Ferdinand Otto, Gustav Thibault, August Wellner, Adolph Mehlhorn, Julius Eifert Gewidmet von ihren zurückgekehrten Kameraden“, so sagen die  übrigen Seiten des Obelisken. Als sich der blutige 3. Juli zum 10. Mal jährte, im Jahre 1876, wurde der Denkstein gesetzt. Die, die einst dabei waren, werden die traurige Zeit der nationalen Zerrissenheit nicht vergessen.

04. Juli 1911
Zu einem Ehrentag ward der vergangene Sonnabend Herrn Prokurist Friedrich Immanuel Böttcher, der an diesem Tage sein 25jähriges Geschäftsjubiläum bei der Firma Robert Meisch feiern konnte. Im Beisein des jetzigen und früheren Inhabers der Firma sowie des kaufmännischen Personals überreichte Herr Bürgermeister Dr. Patz dem Jubilar die vom Stadtrat gestiftete Ehren-Urkunde, während Herr Stadtrat Reinhard als Vertreter der Handelskammer Chemnitz, gleichfalls unter ehrender Ansprache, ihm eine Ehren-Urkunde für 25jährige treue Dienstzeit aushändigte.
Vom Firmen-Inhaber wurde Herr Böttcher ein wertvolles Geschenk zuteil.

06. Juli 1911
Feueralarm rief gestern gegen Abend die Wehren zur Tätigkeit nach dem Ortsteil Hüttengrund. Gegen 7 Uhr war dort in dem an der Talstraße gelegenen Gebäude des Herrn Köhler, Besitzers der alten „Hüttenmühle“, Feuer entstanden, und zwar in dem dicht hinter dem Wohnhause gelegenen Strohschuppen, der auch einige zur Weberei gebrauchte Maschinen enthielt. Die Feuerwehr von Hüttengrund, unsere
1. Kompagnie sowie die Hermsdorfer Wehr waren schnell zur Stelle, konnten auch bald Wasser geben, jedoch das Niederbrennen des Schuppens nicht verhindern; viel Mühe ward auf die Erhaltung des Wohnhauses verwandt, in dem die Familie Tischendorf, Hoppe und Bolick mit zahlreichen angehörigen wohnen. Außer dem im Schuppen lagernden Stroh verbrannten dort eine Webmaschine und zwei Wechselladen. Auch im Wohnhause richtete das Feuer Schaden an. Da die Flammen das Haus stark gefährdeten, brachten die Bewohner fast alle Möbelstücke usw. auf die Straße. Der Feueralarm hatte eine wahre Völkerwanderung nach dem Hüttengrund zur Folge. Bezüglich der Entstehungsursache des Feuers hat sich bisher lediglich feststellen lassen, daß vorsätzliche Brandstiftung wohl ausgeschlossen ist.

08. Juli 1911
Eine schwere Vergiftung zog sich in einem Hause am Altmarkt das dreijährige Söhnchen einer dort wohnhaften Familie zu. Dort war eine Hebamme beschäftigt, die auf einen kurzen Augenblick ihre verschlossene Tasche mit verschiedenen Gerätschaften beiseite gelegt hatte. Unbemerkt machte sich das Kind daran zu schaffen, wobei ihm eine Flasche mit Lysol in die Hände geriet. Ehe es jemand verhindern konnte, trank der Knabe davon, um gleich darauf wimmernd zusammenzusinken. Ob es ärztlicher Kunst gelingt, das Kind am Leben zu erhalten, ist sehr fraglich. Wie uns versichert wird, trifft keine der mitanwesenden Personen ein Verschulden an dem  bedauerlichen Unglück.

Eine Anzahl hiesiger Herren plant den Bau von mehreren Einfamilienhäusern in der Neustadt auf dem Gelände zwischen Neustädter Schützenplatz und den sogenannten Waldplätzen. Es ist die nördlich gelegene Ecke zwischen Dresdner- und Oststraße. Man hat bereits von einem hiesigen Baumeister Kostenanschläge anfertigen lassen. Wenn sich genügend Teilnehmer finden, stellt sich der Herstellungspreis eines solchen Einfamilienhauses auf ungefähr 5000 Mk. Wie wir hören, soll aber nicht eher an die Ausführung dieses Projektes gegangen werden, als nicht wenigstens 10 Interessenten gewonnen sein.

09. Juli 1911
Nachdem nun das Bürgerheim „König Albert-Stift“ geweiht und seiner Bestimmung übergeben worden ist, soll auch die Möglichkeit gegeben werden, daß sich unsere Bürgerschaft durch den Augenschein überzeugt, welch schöne und zweckentsprechende Anlage in den früheren Wildeschen Häusern an der Dresdner Straße geschaffen worden ist.

14. Juli 1911
Einen recht lustigen Sitz zur Vesper hatten sich gestern nachmittag trotz Hitze und Sonnenbrand die Zimmerleute auf einen Geschäftshausneubau an der Schillerstraße ausersehen. Die Drei hatten Dacharbeiten zu verrichten und wollten vermutlich ihre Vesperpause nicht dadurch verkürzen, daß sie erst von dem hohen Bau herabstiegen. So nahmen sie ihr Mahl auf der äußersten Spitze des hohen Hauses auf dort angeschlagenen Latten ein, wobei sie noch gemütlich plauderten. Passanten beobachten diese Szene natürlich mit einer begründeten Aengstlichkeit.

21. Juli 1911
Von Krämpfen befallen wurde gestern gegen Abend auf dem unteren Altmarkt ein auf der Bismarckstraße*1 wohnendes junges Mädchen, das sich in Begleitung der Mutter befand. Die Bedauernswerte stürzt nieder und blieb besinnungslos liegen. Während nun die Mutter damit bemüht war, die Tochter in ein dort gelegenes Haus zu bringen, griff leider keiner der zahlreich dort stehenden Personen zu, um dem Mädchen und der Mutter zu Hilfe zu bringen. Schließlich lud letztere die noch halb Bewußtlose ohne jede fremde Hilfe auf den Rücken und trug sie so in ihre unweit gelegene Wohnung. Nur ein 10jähriger Knabe besaß soviel Nächstenliebe und unterstützte die Frau.

27. Juli 1911
Rüstig nehmen die Arbeiten zum Bau der Turnhalle auf dem Berge ihren Fortgang. Auf schöner Bergeshöhe, inmitten des Stadtparkes und umgeben von reizvollen Anlagen soll eine Stätte deutscher Turnarbeit und Geselligkeit entstehen, die ihrer Umgebung sich anpassend, auch der Stadt zur Zierde gereicht. Der Turnhallenbau und die Herstellung des Turnplatzes  erfordern bedeutende Mittel, die zum Teil durch Verkauf von Anteilscheinen aufzubringen sind. Die dafür bezahlten Beträge sollen mit 3 Prozent verzinst werden. Nach und nach werden diese Scheine ausgelost und gelangen zur Rückzahlung. Möchten recht viele untere Einwohner den „Turnerbund“ ihre Unterstützung durch Einnahme von Anteilscheinen angedeihen lassen und eine Stätte gründen helfen, die dem Gemeinwohl dient und wo deutscher Geist und deutsche Sitte gepflegt hochgehalten werden sollen.

30. Juli 1911
Der Ausbau des Berghauses „Zur Bismarckhöhe“ schreitet rüstig vorwärts. Schlank überragt die Fangstange des Blitzableiters den Turmteil, die Dachdecker werden mit Ende dieser Woche ihre Arbeit zu Ende führen und die inneren und äußeren Putzarbeiten, bei denen das Lithinputzverfahren angewandt wird, sind in vollem Gange. Die Putzart wird recht schön zur sonstigen Eigenart des Gebäudes passen. Ebenso sind die Maler an den äußeren Holzteilen in voller Tätigkeit; zugleich ist man darüber, Fenster einzusetzen und die Läden anzubringen. Die Herstellung der Veranden und Terrassen geht ihrem Ende entgegen, auch die Erdarbeiten um das Gebäude herum sind fast vollendet oder können zumindest bis zum Feste zu Ende geführt werden. So steht also zu hoffen, daß zum Feste am 13. und 14. August außer auf dem Festplatz auch im Berghaus der volle Betrieb einsetzen kann.

*1 Bismarckstraße = heute: Friedrich-Engels-Straße


03. Juni 1911
Immer näher rückt der Zeitpunkt, an dem unser schöner Altmarkt einen weiteren Schmuck erhalten soll in dem vom Sächsischen Kunstverein gestifteten Zierbrunnen.
Heute mittag fand im Beisein des ausführenden Künstlers, Herrn Bildhauer Petrenz aus Dresden, mit einer Pappen-Silhouette eine Versuchsausstellung statt, bei welcher der für die Anlage günstigste Platz an der Westseite des Rathauses gefunden wurde, und zwar an der vorderen linken Ecke. So weit an dem Modell zu erkennen war, wird die Schmuckanlage, die eine lebensgroße Wasserträgerin zeigt, einen recht gefälligen Eindruck machen. Wie wir hörten, besteht die Möglichkeit, den Zierbrunnen vielleicht im Juli zur Aufstellung zu bringen.

07. Juni 1911
Wie von einzelnen Unverschämten die Mildherzigkeit ausgenutzt wird, konnte man am ersten Feiertage erleben, wo auf dem sog. Grünen Weg im Hainholze sich ein junger kräftiger Bursche mit einem Grammophon aufgestellt hatte und durch seine Musik die Herzen der Vorübergehenden rühren und sie zur Herausgabe eines Bettel-
pfennigs bewegen wollte. Das Unternehmen ging auch eine Weile ganz flott, bis der Bursche bemerkte, daß man auf sein Treiben aufmerksam geworden war und sich seitwärts in die Büsche schlug.

08. Juni 1911
Die öffentlichen Anlagen in unserer Stadt sind dem Schutze des Publikums unterstellt, das will besagen, daß jeder, der Kenntnis von Beschädigungen erhält, dagegen einschreiten soll. Kaum beginnen die von unserem Rosenverein zur Verschönerung des Altmarktes gestifteten Rosen sich zu beleben, so treiben auch schon Blumenräuber ihr verwerfliches Spiel, wie jetzt festgestellt werden konnte. An der östlichen Seite des Marktes, an der man bereits das Aufblühen der Rosen bemerkte, ist ein solches Rosenstöckchen herausgerissen und mitgenommen worden. Wer den Dieb der verdienten Strafe zuführen kann, erwirbt sich den Dank der Allgemeinheit!

10. Juni 1911
Als gestern abend gegen 12 Uhr ein auf der König Albertstraße *1 wohnender älterer Mann durch das Kunzegäßchen nach seiner Behausung gehen wollte, hörte er Hilferufe, die von der Conrad Claußstraße kamen. Bei seinem Näherkommen gewahrte er ein junges Mädchen, das ihn um Hilfe anging und erklärte, soeben habe ein fremder Mann ein anderes in ihrer Begleitung gewesenes Mädchen an sich gerissen und mit fortgezogen. Als man den Menschen verfolgte, ließ er von dem Mädchen ab und entkam, leider unerkannt. Ein Absuchen der Straße und des nahen Baugrundstücks war ohne Erfolg.

15. Juni 1911
Nach kurzem Kranksein verschied gestern nachmittag im 69. Lebensjahre Herr Stadtrat und Färbereibesitzer Eduard Julius Beckert. Mit dem Verablebten geht ein treuer, ehrenfester Bürger unserer Stadt heim, der in seinem Berufe Ansehen und Ehre gewann und lange Jahre hindurch seine Kräfte in den Dienst unseres städtischen Gemeinwesens stellte. Erst im vorigen Jahre schied er aus dem Ratskollegium, um seinen Lebensabend ganz sich und den Seinen zu widmen.
Möge ihm, dem Arbeitsamen, der bis in die letzten Tage seinem Geschäfte vorstand, Ruhe und Frieden beschieden sein!

20. Juni 1911
In plötzliche Trauer versetzt wurde die Familie des auf der Logenstraße wohnenden, in den 60er Jahren stehenden Privatmannes und Veterans von 1870/71 Herrn Fritz Peenert. Herr Peenert hatte am Nachmittag noch einen Spaziergang mit seiner Gattin unternommen. Als er am Abend zu Bett gehen wollte, wurde ihm plötzlich unwohl und in kurzer Zeit hatte ein Schlaganfall seinem Leben ein plötzliches Ziel gesetzt. Der Verstorbene war allgemein beliebt und geachtet und hatte viele Jahre das jetzige Schiefnersche Restaurant in Besitz.

22. Juni 1911
Das Jahresfest im Bethlehemstift im Hüttengrund, das stets eine so große Zahl von Teilnehmern hinauslockt nach dem Erholungsheim der Kleinen, findet, wie wir hören, am Mittwoch, den 5. Juli, statt. Auch diesmal dürfte das Jahresfest einen Verlauf nehmen, der dem der früheren in nichts nachsteht.

24. Juni 1911
Trotzdem wir schon wiederholt an dieser Stelle auf das leichtsinnige Gebaren mancher Leute, Obstreste und Apfelsinenschalen auf die Bürgersteige zu werfen, aufmerksam gemacht haben, kann man doch diese Unsitte, die Leben und Gesund-heit der Mitmenschen in Gefahr bringt, wiederholt hier beobachten. Erst gestern gegen abend stürzte auf der unteren Weinkellerstraße wieder ein junger Mann nieder, weil er auf eine faulige Kirsche trat. Der Bedauernswerte trug eine, zum Glück leichtere, Armverletzung davon.

Empfindlich geschädigt wurde gestern das Karl Becksche Geschäft an der Wein-kellerstraße. Auf nur ganz kurze Zeit hatte der Inhaber zwischen 4 und 5 Uhr einmal seinen Laden verlassen und diese wenigen Minuten benutzte eine Person zu einem „billigen Einkauf“ insofern, als sie ein Stück schwarzen Damenkleiderstoff mitgehen ließ, der einen Wert von etwa 40 Mark hat. Ueber die Person des Diebes hat man leider gar keinen Anhalt. Etwaige Wahrnehmungen, die zur Wiedererlangung der gestohlenen Ware führen könnten, wolle man der hiesigen Polizei mitteilen.

27. Juni 1911
Gestern vormittag in der 11. Stunde überflogen unseren westlichen Stadtteil drei bemannte Ballons. Die Ballons sind in Schwarzenberg aufgestiegen, wo ein neuer Ballonaufstiegplatz eröffnet und geweiht wurde. Es waren die Ballons „Hilde“ des Herrn Korn, „Elbe“ des Königl. Sächs. Vereins für Luftschiffahrt und „K. Ae. G. 2“ des Kaiserlichen Aeroklubs. Letztere beiden Ballons wurden von den Herrn Leutnants Baldauf und Voigt geführt. Die Ballons flogen schnell und in bedeutender Höhe.

28. Juni 1911
Als gestern nachmittag kurz nach 6 Uhr der Hausbesitzer H. aus Reichenbach mit seinem Rade die Badstraße hereinfuhr, verunglückte er unweit der „Goldnen Höhe“ dadurch, daß ihm ein Kind in sein Rad hineinlief. Der Bedauernswerte wurde derart vom Rade geschleudert, daß er einen Bruch des rechten Daumens, sowie Hautab-schürfungen am Gesicht und an den Beinen davontrug. Ein hiesiger Arzt leistete ihm sofort ärztlichen Beistand.

*1 König Albertstraße = heute: Conrad-Clauß-Straße


02. Mai 1911
Einen unheimlichen Fund machten hiesige Spaziergänger gestern nachmittag im Rabensteiner Wald in der Gegend zwischen der Pleißaer Straße und dem Totenstein. An einem Baume fanden sie die Leiche eines Erhängten, in dem später der seit dem 20. April vermißte 76jährige Weber Barth von hier festgestellt wurde, der in der Wiesenstraße wohnhaft gewesen war. Der Leichnam befand sich infolge von Verwesung und Benagung von durch Waldgetier bereits in einem derartigen Zustand, daß er an Ort und Stelle bestattet werden musste. Barth war am 18. April 1835 geboren, war Witwer und hinterlässt 6 Kinder.

06. Mai 1911
Heute feierte Herr Prokurist Oskar Hermann Nagel sein 25jähriges Jubiläum im Dienste der Firma Theodor Stiegler, Strumpfwarenfabrikation, Lungwitzerstraße 23. Herr Bürgermeister Dr. Patz fand sich deshalb vormittags im Geschäfte der Firma ein und überreichte im Beisein der Firmeninhaber, Frau verw. Stiegler und Herr Stiegler jun., dem Herrn Jubilar unter einer feierlichen Beglückwünschung das unter Glas und Rahmen gebrachte städtische Ehrendiplom für 25jährige ununterbrochene Tätigkeit in ein und demselben Betriebe.

10. Mai 1911
Einen in der Neustadt wohnenden Milchhändler traf gestern ein empfindlicher Schaden, indem an der Nutzunger Straße, unweit der Villa des Herrn Baumeisters Hötzsch, das von einem Oberlungwitzer Gutsbesitzers leihweise überlassene Pferd scheute. Der Wagen stürzte in den Straßengraben und der Inhalt der Milchkrüge, vermischt mit eine größeren Anzahl zerbrochener Eier, floß auf den Erdboden. Das Tier raste dann mit dem entleerten Wagen den Coder-Weg entlang dem heimatlichen Stalle zu Bei dem Vorhaben, das scheue Tier zu fangen, geriet der Führer des Geschirrs unter den Wagen, scheint aber zum Glück keine Verletzungen erlitten zu haben. Übrigens konnte das Unglück noch schlimmer werden, da gerade zur Zeit das führerlose Geschirr den Bahnübergang am Coder-Weg passiert hatte, ein Eisenbahnzug vorüber fuhr. Für den Milchhändler ist der Schaden umso schwerer, da vor einiger Zeit sein Pferd verendet und ein zweites gegenwärtig an der bornaischen Krankheit leidet und kaum wieder aufkommen dürfte.

11. Mai 1911
Feuersignale riefen heute Vormittag bald nach 10 Uhr unsere Wehr zu einem Brande in der Semmlerschen Nadelfabrik (frühere Neu-Oberlungwitzer Schule) ausgebrochen war. Beim Härten des Stahles war Oel übergelaufen und in Brand geraten ; die Flammen konnten aber sehr bald gelöscht werden, denn hilfsbereite Hände waren schnell und in genügender Zahl zur Stelle, die dem Brande mit Aufwerfen von Sand, Asche und dgl. Einhalt zu tun versuchten und auch Erfolg hatten, sodaß die Feuerwehr nicht einzugreifen brauchte. Zwar schien es anfangs, als sollte der Brand eine gefährliche Ausdehnung annehmen, aber es ging noch ziemlich glimpflich ab und der Schaden ist kein so sehr bedeutender.

23. Mai 1911
Ein recht leichtsinniger Schütze übte gestern Vormittag seine Kunst im an der König Albertstraße und Ecke Zeißigstraße gelegenen Garten aus. Die Kugel flog über den dort angebrachten Bretterzaun, durchschlug die Fenstertafel einer Parterrewohnung und Pfiff über den Tisch hinweg in die Wand, wo sie dann absprang. Der ganze Vorgang ist noch glücklich abgelaufen, konnte aber gefährlich werden, da erst einige Minuten zuvor die verheiratete Tochter des Wohnungsinhabers zum durchgeschossenen Fenster hinausgesehen hatte.

30. Mai 1911
In recht rüpelhafter Weise benahmen sich gestern gegen abend drei junge Burschen auf der Dresdner Straße neben dem Stadtpark. Sie rempelten ohne jede Veranlassung ein die Straße daherkommendes junges Mädchen an und belästigten sie in anstößiger Weise. Als sich dies ein in Begleitung des Mädchens befindlicher junger Mann energisch verbat, wurden die rohen Burschen tätlich gegen ihn, sodaß in kurzer Zeit eine regelrechte Schlägerei im Gange war. Dem Begleiter des Mädchens wurde dabei der Anzug sehr beschädigt. Die Burschen, die von auswärts stammen, verschwanden schnell unerkannt.

31. Mai 1911
Einen Mordversuch an seiner Geliebten und einen Selbstmordversuch unternahm heute um Mitternacht in Wüstenbrand der in Hohenstein-Ernstthal, Karlstraße 24, wohnhafte Paul Otto Teumer. T. der erst 19 Jahre zählt, unterhielt mit der nicht im besten Leumund stehenden 22 Jahre alten Anna Marie Hösel in Wüstenbrand ein Liebesverhältnis, das die H. aufheben wollte, angeblich weil ihr geliebter liederlich sei. Gestern amüsierten sich beide noch auf dem hiesigen Jahrmarkt und begaben sich dann gemeinsam nach der Behausung der Hösel im oberen Dorfe, oberhalb Bechsteins Restaurant. Auf dem Wege dahin mag nun die H. ihrem Geliebten ihren Entschluß, mit ihm zu brechen, mitgeteilt haben, worauf es vor der Haustür eine Auseinandersetzung zwischen den beiden kam. Nach kurzem Wortwechsel zog Teumer ein Rasiermesser, daß er in einem Etui bei sich führte, hervor und schnitt dem Mädchen  damit oberhalb des Kehlkopfes den Hals durch. Der Mordbube ergriff hierauf zunächst die Flucht, kehrte aber, als die H. laute Hilferufe ausstieß, zurück, wie angenommen wird, beabsichtigte er, seinem Opfer völlig das Lebenslicht auszublasen. Mittlerweile hatte sich aber zahlreiches Publikum an jener Stelle, wo sich das Liebedrama abgespielt, angesammelt. Da mag Teumer nun erst die Schwere seine Tat eingesehen haben, er unternahm einen Selbstmordversuch, indem er sich mit demselben Rasiermesser, daß er zu dem Mordversuch benütze, eine Verletzung der Pulsadern beibrachte; seine Verwundung ist jedoch nicht bedenklich, währen die H. bis heute mittag noch nicht vernehmungsfähig war. Ein Samariter leistete dem T. die erste Hilfe, worauf Herr Dr. med. Beulich die weitere Behandlung übernahm und auch der H. ärztlichen Beistand leistete. Eine große Menschenmenge hatte sich an dem Ort der blutigen Tat angesammelt, als T. festgenommen ward. Heute Vormittag erfolgte seine Überführung nach dem Amtsgericht Limbach, während das schwer verletze Mädchen nach dem Chemnitzer Krankenhause gebracht wurde. Daß Teumer mit der Absicht umgegangen ist, seine Geliebte zu töten, erhellt wohl schon aus der Tatsache, daß er das Mordwerkzeug bei sich führte. Wäre es ihm gelungen, bei seiner Rückkehr nach dem Schauplatz seiner grausigen Tat noch einmal sein Opfer zu erreichen, so wäre es vielleicht völlig um das Leben des Mädchens geschehen gewesen.


04. April 1911
Beim Haschespiel wurde gestern auf der König Albertstraße*1 der 12 Jahre alte Sohn eines dort wohnenden Invaliden von einem anderen Knaben gestoßen, wodurch der erstere hinstürzte und sich dabei eine erhebliche Verletzung am Ellenbogen zuzog. Ein dort wohnender Samariter leistete dem Bedauernswerten die erste Hilfe.

06. April 1911
In der nächsten Zeit verschwindet wieder ein Stück von dem früheren alten Ernstthal. Das an der Lungwitzer Straße gegenüber dem Gasthaus „Zur Linde“ gelegene große geräumige Haus, das seit einer Reihe von Jahren Herrn Kommerzienrat Robert Pfefferkorn gehört, wird abgebrochen werden, um einen neuen modernen Bau Platz zu machen. Das Haus mit dem umfangreichen Hofe war früher ein Bauerngut, in welchem die Familie Baumgärtel Vieh- und Landwirtschaft trieb, es hatte noch im letzen Drittel des vorigen Jahrhunderts ein vollständig bäuerliches Aussehen und war von einem Garten umgeben, der dem dortigen Straßenbild ein hübsches Aussehen verlieh. Die Bauernwirtschaft wurde aber nach der Poststraße verlegt und das alte Geschäft von dem verstorbenen Restaurateur Riedel gekauft und abgebrochen und zu Geschäftszwecken ausgebaut, bis es dann in den Besitz des jetzigen Eigentümers überging. In den letzten Jahren diente das Haus teils zu Niederlags- teils zu Wohnzwecken, auch war darin die Schuh- Pantoffelfabrik von K. Wagner und die Schmiederei von Otto Wolf untergebracht.

07. April 2011
Das am Bahnhofe gelegene Schwotzersche Haus ist jetzt käuflich in den Besitz des Stickereibesitzers Paul Preußler von hier übergangen, der einen Teil der Räume zu Fabrikationszwecken einrichten wird.

08. April 2011
Heute früh bemühte sich ein Jauchenwagen, die Weinkellerstraße  mit wohlriechenden Düften zu versorgen, indem ihm der Stopfen herausfiel und der Inhalt sich auf die Straße entleerte. Während der Fuhrmann bemüht war, den Verschluß wieder herzustellen, genossen die Anwohner die Freuden ambrosischen Geruchs, der erst durch Wasser notdürftig beseitigt werden konnte.

11. April 1911
Am vergangen Sonnabend konnte Herr Wilhelm Böttger, Mitinhaber der Mechanischen Deckenfabrik  von J. G. Böttger hier, mit seiner Gattin das Fest seiner Silberhochzeit begehen. Aus diesem Anlasse ließ derselbe heute in den Fabrik-Arbeitsräumen durch Aushang bekannt machen, dass er nächsten Sonnabend zugleich mit dem Lohn für diese Woche sämtlichen Arbeitern und Arbeiterinnen , sowie den Hauswebern der Firma nochmals den Lohn der vergangenen Woche in voller Höhe zur Auszahlung bringen lassen werde. Die Beamten und Angestellten der Firma erhielten ebenfalls Geschenke überreicht. – Selbstverständlich rief diese frohe Mitteilungen allenthalben große Freude hervor und Herr Wilhelm Böttger, der sich sowohl bei der Arbeiterschaft wie auch bei den Beamten allgemeine Sympathien erfreut, hat sich durch diese hochherzige Gesinnung bei allen Beteiligten von neuem Anerkennung und Wertschätzung erworben.

14. April 1911
Eine ziemlich weite Reise machte ein Kinder-Luftballon, der gestern nachmittag auf hiesigem Bahnhof in der Nähe des Güterschuppens niederging. Der Ballon, der die stolze Aufschrift „Zeppelin“ aufwies, war, wie eine angehängte Postkarte besagte, von den Schulknaben Erich Schellenberger und Kurt Schlenzig in Pforten bei Gera auf einem Felde ausgelassen worden. Der Bitte der Knaben, auf angehängter Karte den Ort zu bezeichnen, wo der Ballon gefunden wurde, ward von den Findern unter Beifügung eines Grußes aus unserer Bergstadt entsprochen.

Wie wir hören, soll das diesjährige Erzgebirgische Volksfest, das, wie unsere Leser wissen, heuer zum erstenmal auf dem Pfaffenberge abgehalten wird, am Sonntag und Montag den 13. und 14. August stattfinden. Mit diesem Fest auf freier Höhe, von der aus sich eine herrliche Fernsicht bietet, wird – wenn dessen Fertigstellung bis dahin zu ermöglichen ist – auch die Weihe des Berghauses „Zur Bismarckhöhe“ verbunden sein.

26. April 1911
Die Kunde von einem Automobil-Unglück durcheilte gestern gegen Abend unsere Stadt. Die Vermutungen, die dabei über die Schwere des Unglücks zum Ausdruck kamen, treffen aber glücklicherweise nicht zu, wennschon der eine der Betroffenen schmerzhafte Verletzungen davontrug. Zwei Söhne eines hiesigen Destillateurs fuhren mit einem kleinen dreirädrigen Automobil (Phänomobil) auf der Langenberger Straße, als es aus bisher noch unermittelter Ursache das Fahrzeug plötzlich umschlug und die Insassen herausgeworfen wurden. Der eine derselben, der erst kürzlich seine seminaristische Laufbahn beendete, erlitt eine Stirnwunde und Verstauchungen, während der andere mit geringe, Schaden davonkam. Der Verletzte wurde in das Gasthaus „Fichtental“ gebracht und ein hiesiger Arzt nach dort gerufen, der den ersten Verband anlegte. Wie uns mitgeteilt wird, ist die Ursache des Unglücks nicht in zu schneller Fahrt zu suchen, denn Augenzeugin des Unfalls bemerkte während der Vorbeifahrt des Autos den Insassen, dass sie fast mit diesem Schritt halten könne. Jedenfalls das Fahrzeug mit Vorderrad gegen einen Stein.

*1 König Albertstraße = heute: Conrad-Clauß-Straße


01. März 1911
Gestern trug man in der Neustadt einen Mann zu Grabe, einen einfachen schlichten Weber, Herrn Friedrich Lohse, dessen Wirken in der hiesigen Webindustrie nur wenigen bekannt war. Herr Lohse war eine von den Naturen, deren Geist ständig schafft und denkt. Schon vor vielen Jahren, als der mechanische Webstuhl in unserer Stadt noch sehr wenig Ausbreitung gefunden hatte, arbeitete der nun Verstorbene daran, den alten Holzwebstuhl mittelst verschiedener Konstruktionen einfacher zu gestalten und dem Handweber das schwere Arbeiten zu erleichtern. Aber wie dies so geht, er hatte Erfolge und auch Mißerfolge. Durch die Einführung der Elektrizität in unserer Stadt wurde Lohse wieder ausgemustert und nun ging er daran, den alten hölzernen Webstuhl zum mechanischen umzuändern, was ihm auch nach einiger Zeit gelang. Er hatte jedoch damit wenig Glück und so gut wie keinen materiellen Erfolg, da die fortschreitende Technik und der eiserne Webstuhl ihm das Feld seiner Tätigkeit sehr erschwerten. Seine wenigen Spargroschen mußte er zusetzen und es ging ihm wie so manchen Erfindergenie – die Hoffnung hatte ihn betrogen. Auch sonst hat er sich noch als Erfinder betätigt. Als vor einigen Jahren eine große sächsische Straßenbahngesellschaft ein Preisausschreiben für Schutzvorrichtungen an Straßenbahnwagen erließ, reichte Lohse eine Lösung mit ein. Jetzt hat nun der strebsame Mann die Augen für immer geschlossen. Daß er durch sein treues biederes Wesen allgemein beliebt war unter der Arbeiterschaft, bewies der große Trauerkondukt. Der Verstorbene hat nur ein Alter von 60 Jahren erreicht.

02. März 1911
Die gestrigen Fastnachtsveranstaltungen ließen in unserer Stadt noch einmal das fröhliche Karnevalstreiben aufleben, daß sich, soweit es die Kinder betrifft, infolge der von der Schule aus ergangenen Weisungen in gemäßigten Grenzen hielt. In harmloser Weise gab sich die kleine Welt dem Vergnügen hin und es war auch so ganz schön, ohne daß, wie es in anderen Jahren zu beobachten war, die Kinder von Haus zu Haus, von einem Restaurant zum anderen zogen. Am Abend vergnügten sich auf den Tanzsälen, in Vereinen und auch im privaten Zirkel die Großen, um bei allerlei Scherz und fröhlichen Mummenschanz den letzten Faschingstag zu genießen.

05. März 1911
Gestern abend versuchte ein junges Mädchen von hier sich in einem Schuhwarenladen auf der Dresdner Straße ein paar elegante Schuhe zu erschwindeln. Auf die Polizeiwache gebracht, legte sie sich einen falschen Namen bei, nach kurzem aber gelang es, sie als eine Repassiererin K. festzustellen. Die Unbesonnene dürfte ihre Tat mit einer gerichtlichen Strafe zu büßen haben.

08. März 1911
Einen gefährlichen Sport, vor dem fast in jeder Nummer der Zeitung eindringlich gewarnt wird, widmete sich eine Anzahl hiesiger Schuljungen, die sich zu Revolverschützen ausbilden wollten und zum Uebungsplatz den Langenberger Wald erwählt hatten, wo ihnen vorgestern ein Forstbeamter das Handwerk legte, das den Jungen sehr leicht zum Verderben werden konnte. In Frage kommen hierbei die Schulknaben Wilhelm Anton Ki., dann ein Louis Paul L. und ein gewisser Ko. Letzterer stand derart unter dem Zwange seiner „Spiel“ genossen, daß er auf Geheiß Ki.´s wiederholt seine in der Weberstraße wohnende Großmutter bestohlen hat. Die Diebstähle liegen in ihren Anfängen um sechs Monate zurück, die entwendeten Geldbeträge beziffern sich auf etwa 50 Mark. Hiervon kaufte man in einer hiesigen Eisenhandlung, deren Besitzer sich jedenfalls auch noch zu verantworten haben wird – wenigstens dürfte ihm der Verkauf von Schutzwaffen an Kinder ein Strafmandat einbringen -, eine Windbüchse und einen Revolver und nun ging das frisch-fröhliche Jagen los! Bei diesem gefährlichen Spiel konnte sich leicht ein sehr schweres Unglück ereignen. Ein Fortbildungsschüler namens L. hantierte nämlich mit dem Schießeisen, ehe man sich´s versah ging der Schuß los und um Haaresbreite an Ki. vorbei. Jedenfalls dürfte der jugendlichen Lust am Knallen nun mal ein kräftiger Dämpfer aufgesetzt werden. Wir hatten bereits gestern Kenntnis von allen Einzelheiten, hielten mit der Meldung aber derselben aber mit Rücksicht auf die noch nicht völlig abgeschlossenen polizeilichen Erörterungen auf Wunsch unserer Polizeiverwaltung zurück.

09. März 1911
In der gestrigen Sitzung der Stadtverordneten ward eine eingehende Debatte gepflogen über eine von der Stadt erbetene Unterstützung des Erzgebirgsvereins hinsichtlich der von diesem geplanten Erschließung des Berggeländes. Das Kollegium beschloß, wie im Sitzungsbericht des näheren ausgeführt ist, dem Verein die benötigten Baugelder gegen mäßigen Zinssatz zu bewilligen und weiter verpflichtet sich die Stadt zu einem jährlichen Beitrag von 500 Mark für das Wirtschaftsgebäude, der, wenn dieses sich rentiert, wieder in Wegfall kommt. Eine weitere wichtige Angelegenheit, die einen Teil unserer Bürgerschaft lebhaft beschäftigt, betraf das Kunzegäßchen. Hierzu wurde beschlossen, den Weg bestehen zu lassen und ihn auf eine Breite von 4,5 Metern aufzubauen.

15. März 1911
In letzter Nacht hat abermals ein hiesiger geachteter Einwohner seinem Leben freiwillig ein Ende gemacht: in dem zum „Johannesgarten „ gehörigen Teiche fand man in der 12. Stunde den gegen 60 Jahre alten Musterzeichnereibesitzer Kobes, der in der Braugasse wohnt, ertränkt vor. Die Zeit vor seinem Abschied aus dem Leben verbrachte er im „Johannesgarten“. Als die letzten Gäste sich entfernen wollten, sah man K.s Überzieher und Hut an der Wand hängen, man hatte aber nicht gehört, daß K. sich verabschiedet hätte. Schlimmes ahnend, begaben sich einige Gäste auf die Suche nach dem Vermißten, den man bald als Leiche fand, die auf dem Wasser schwamm. Bei seinem Sprung in das kalte Wasser dürfte K. vielleicht schon einem Schlaganfall erlegen sein. Wie es heißt, haben finazielle Schwierigkeiten, aus denen er keinen Ausweg fand, Herrn K. in den Tod getrieben.

17. März 1911
In nicht geringe Verlegenheit kam dieser Tage ein Landwirt aus einem benachbarten Dorfe, der in hiesiger Stadt bei einem Materialwarenhändler und Kleinviehschlächter ein fettes Schwein abliefern wollte. Als er das Tier vom Wagen abladen wollte, mußte er die Wahrnehmung machen, daß der Wagen leer und das Borstentier verschwunden war. Der hintere Wagenschieber hatte sich gelockert und der Landwirt hatte das Schwein verloren. Nun war guter Rat teuer. Der Materialwarenhändler mußte das Schweineschlachten für einige Stunden aufschieben und der Landwirt machte sich auf den Weg, um das Borstentier zu suchen. Er hatte Glück, denn nicht weit von seinem Gehöft gewahrte er zu seiner Freude das Fundobjekt auf dem Felde, das dann im Aerger und in der Freude nochmals auf den Laden geladen und sofort in unserer Stadt abgeliefert wurde. Daß es nicht wieder ausriß, dafür sorgte der Landwirt und dann nochmals der Fleischer.


02. Februar 1911
Der Erzgebirgsverein steht in diesem Jahr bekanntlich vor großen Aufgaben: gilt es doch in den neuen Anlagen auf dem Berge den Festplatz und das Festgelände zu schaffen, die künftig hin den Mittelpunkt für die Volksfeste abgeben sollen. Angesichts dieser verantwortungsvollen Tätigkeit ist dringend zu wünschen, das die Versammlungen des Vereins, die bekanntlich wahrscheinlich öfter als sonst stattfinden müssen, mehr Anteilnahme seitens der Mitglieder als bisher. Wenn auch die Mitglieder durch ihr „Schwänzen“ dem Vorstand ihr Vertrauen bezeugen, das er alles Zweckdienliche aufs Beste erledigen wird, so ist es doch sowohl dem Vorstande wie den wenigen Getreuen , die regelmäßig die Versammlungen besuchten, angenehmer, wenn eine zahlreiche Versammlung sich zu den Notwendigkeiten des Vereins äußert, als wenn zwanzig Herren die wichtigsten Beschlüsse fassen. Wir möchten dieserhalb den Appell, den gestern abend Herr Stadtrat Anger an die Versammelten richtete, an dieser Stelle weitere Verbreitung geben und alle Mitglieder zu reger Mitarbeit auffordern. Die gestrige, im „Deutschen Krug“ abgehaltene Versammlung war von verhältnismäßig kurzer Dauer, da sie sich nur mit einem Gegenstand der Genehmigung eines mit der „Turnerschaft“ abgeschlossenen Vertrags zu beschäftigen hatte. Dieser Vertrag geht bekanntlich dahin, der „Turnerschaft“ ein etwa 6000 Quadratmeter umfassendes Areal auf eine Reihe von Jahren zur Herstellung einer Turnhalle in Erbpacht zu geben unter der Bedingung, daß die Turnerschaft ihrerseits Halle und Platz zur Abhaltung der Volksfeste des Erzgebirgsvereins kostenlos zur Verfügung stellt. Die „Turnerschaft“ hat ihre Bereitwilligkeit, mit dem Erzgebirgsverein in ein derartiges Vertragsverhältnis zu treten zu erkennen gegeben, sodaß die gestrige Versammlung in der Lage war, den Vertrags-Entwurf, wie er von beiden Kontrahenten vereinbart worden ist, mit geringfügigen Abänderungen zu genehmigen. Sobald die „Turnerschaft“ in einer erneuten Versammlung ihrerseits wieder die Genehmigung zu den Abänderungen des Entwurfs gegeben hat, steht der Verwirklichung des Planes kein Hindernis mehr im Wege. Man darf somit voraussichtlich damit rechnen, schon in diesem Jahre auf dem Berge nicht nur die Halle und den Platz der „Turnerschaft“ sondern auch das Festgebäude des Erzgebirgsvereins erstehen zu sehen. In den leitenden Kreisen des Vereins ist man der festen Hoffnung, schon in diesem Jahr das Volksfest oben auf der Höhe abzuhalten.

05. Februar 1911
Erlogen war die Mitteilung eines Mädchens, es sei oberhalb des Forsthauses Oberwald von einem fremden Mann überfallen und der Barschaft in Höhe von 15 Mark beraubt worden. Die Schwindlerin heißt Martha Frieda Kirschstein; sie wurde am 1. d. M. mittellos aus dem hiesigen Stadtkrankenhause entlassen und hat, wie es heißt, auch früher schon in anderen Fällen ähnlich unwahre Angaben gemacht. Die lügenhafte Person gab nach dem angeblichen Ueberfall an, sie sei bei dem Gutsbesitzer Leonhardt in Tirschheim bedienstet, dieser habe ihr 15 Mark zur Ablieferung an einen hiesigen Malermeister übergeben. Da sei ein Mann aus dem Walde gekommen, habe sie angefallen, wobei das Jackett zerrissen wurde und dann beraubt. Alle diese Angaben stellen sich jetzt als völlig erlogen heraus. Nach dem Verbleib des Mädchens wird noch geforscht.

07. Februar 1911
Ein bedauerlicher Unglücksfall trug sich am Sonnabend abend auf der unteren Weinkellerstraße, neben dem Hotel „Schweizerhaus“ zu. Die schon ältere Frau eines Briketthändlers vom Landgraben bei Mittelbach war im Begriff, noch über die Straße zu gehen, als das Pferd eines einspännigen Schlittens vor einem einlaufenden Zug scheute und die Frau überfuhr. Sie geriet unter den Schlitten und wurde ein Stück geschleift, wobei sie erhebliche Verletzungen am rechten Unterschenkel und am Hinterkopf erlitt. Die Aermste wurde sofort ins „Schweizerhaus“ getragen und in ärztliche Behandlung gegeben. Einer Ueberführung ins hiesige Krankenhaus durch zwei Samariter widersetzte sie sich und wurde nach ihrer Wohnung gefahren. In Begleitung der Frau befand sich zurzeit des Unglücks der Ehemann.

14. Februar 1911
In plötzlichen Entschluß machte heute früh der Lehrer an der Altstädter Bürgerschule Herr Max Guido Krause seinem Leben durch einen Schuß in die rechte Schläfe ein vorzeitiges Ende. Ueber die Ursache zu diesem bedauerlichen Schritte ergeht man sich vorläufig nur in Vermutungen, doch sei vorweg bemerkt, daß irgendwelche ehrenrührige Gründe nicht in Frage kommen. Der Lichtensteinerstraße ein Zimmer bewohnte, hatte sich heute früh zum Gang in die Schule fertig gemacht, er bekam seinen Morgenkaffee durch eine von der abwesenden Logiswirtin beauftragte Stubennachbarin und gleich darauf – es war gegen ½ 8 Uhr – hörten Hausbewohner einen scharfen Knall und ein schweres Aufschlagen auf die Diele. Als man näher zusah, fand man Herrn Kr. Im Zimmer entseelt vor. Die Bücher, deren er zum Unterricht benötigte, sowie Taschenmesser, Uhr, Portemonaie usw. lagen auf dem Tische, der Kaffee war kaum berührt. Auf einem Zettel hinterließ der so schnell aus dem Leben Getriebene, der im Alter von 36 Jahren stand, eine Mitteilung des Inhalts, daß er sterben wolle, weil seine Nerven nicht mehr widerstandsfähig seien. Kurz vor der Tat erhielt er noch einen Brief von seinem auswärts wohnenden Zwillingsbruder, den er, wie es heißt, wiederholt finanziell unterstützte. Ob dieser Brief vielleicht den Anlaß  zu dem traurigen Schritt gegeben hat, ist vorläufig noch unaufgeklärt. Gleich nach dem Bekanntwerden des Falles wurde die Leiche polizeilich aufgehoben und nach der Friedhofshalle gebracht. Herr Krause, der unverheiratet war, wurde am 9. März 1875 zu Elbisbach bei Borna geboren, genoß seine Vorbildung auf dem Seminar Grimma II, war von 1895 ab Vikar in Belgershain und Hilfslehrer in Ragewitz, um dann im Jahre 1898 zum ständigen Lehrer in St. Egidien gewählt zu werden. Seit 1900 war er an unserer Schule angestellt. Als treuer und biederer Mensch und Kollege erfreute er sich der Achtung der ihm nahe stehenden Kreise.
26. Februar 1911
Am Mittwoch mußte ein hiesiger Einwohner, der auf der Karlstraße turbulente Szenen aufführte, verhaftet werden, weil er in der Trunkenheit Hausskandal verübte und Hausmitbewohner bedrohte. Gestern erhielt er die Freiheit wieder, und sein Erstes war, den einmal begonnenen Krawall fortzusetzen. Er machte sich hierbei auch der Körperverletzung und als zu seiner Bändigung die Polizei herbeigeholt war, des Widerstands schuldig. Deshalb erfolgte seine abermalige Verhaftung und seine Ueberweisung ans Amtsgericht.

28. Februar 1911
Heute nachmittag wurde in einem Bäckerladen auf der Bahnstraße ein junger Mann festgenommen, der im Begriff war, die Ladenkasse zu berauben. Der Mensch will die Absicht gehabt haben, Brötchen zu kaufen, schnitt beim Öffnen der Ladentüre den Klingeldraht durch und glaubte nun, da niemand im Laden war, ungestört die Kasse ausleeren zu können. Er hatte aber nicht damit gerechnet, daß die Kasse extra durch eine Klingelleitung, die nach der Wohnstube des Bäckermeisters ging, gesichert war. Als er nun den Kasten herauszog, kam auf das Läuten der Meister herbei und nahm den Burschen fest. Er hatte sich bereits aus der Ladenkasse 8 Mark. und aus einem anderen Kasten 2.25 Mk. angeeignet. Der Dieb entpuppte sich als der am 26. Januar 1891 in Kirchberg bei Zwickau geborene domizillose Weber Ernst Karl Wellner, der erst vor kurzem wegen eines in Dippoldiswalde begangenen Diebstahls eine Gefängnisstrafe verbüßt hatte. Das Gefängnis wird sich für ihn nun abermals öffnen.


08. Januar 1911
Ein Einbruch, bei welchem dem Dieb große Beute in die Hände fiel, ward in der Nacht zum Freitag beim Fleischermeister Otto Grabner, Besitzer des Restaurants „Zur Linde“, Lungwitzer Straße verübt. Der Verbrecher hat den Weg zur Wohnung von der Schubertstraße aus genommen, wo er durch den offenen Torweg in den Hofraum von dort durch ein nicht zugewirbeltes Parterrefenster in die Küche und dann in das unverschlossene Wohnzimmer gelangte. Dort hat er vor allem den Kleiderschrank und die Kommode durchwühlt und daraus vieles mitgehen heißen. Außer einer Summe baren Geldes sind gestohlen, wie uns von privater Seite mitgeteilt wird, ein Gehrock, zwei gute Westen und eine Taschenuhr. Anscheinend ist der Dieb gestört worden, denn als der Bestohlene den Einbruch bemerkte, lagen noch zwei Anzüge da, die zum Mitnehmen fertiggemacht waren.

10. Januar 1911
Ein aufregender Vorgang, der aber glücklicherweise noch gut ablief, spielte sich am Sonnabend nachmittag auf der Hüttengrundstraße, neben der Beck´schen Villa ab. Ein vom abschüssigen Berge mit einem Schlitten herabfahrender 12 Jahre alter Junge fuhr direkt durch ein die Straße herabfahrendes Geschirr der Bleicherei Hüttengrund, ohne das er sich dabei verletzte. In der Aufregung hatte er das Geschirr erst spät bemerkende Knabe den Schlitten so geschickt geführt, daß er direkt durch den Wagen fuhr. Glücklicherweise fuhr das Geschirr sehr langsam, da der Kutscher und sein Begleiter von einer Frau die den rodelnden Knaben bemerkte, aufmerksam gemacht worden war.

25. Januar 1911
Zur Warnung diene erneut folgender Fall: Eine auf der König Albertstraße wohnende junge Webersehefrau benutzte gestern zum Anheizen im Ofen Petroleum, welches sie auf die Kohleschaufel schüttete, um die Flammen schneller anzufachen. Kaum hatte die Frau das Petroleum dem Ofen zu nahe gebracht, als es mit einem Knall explodierte und die Flamme der Frau ins Gesicht schlug. Zum Glück erlitt sie nur leichte Brandwunden. Auch wurde ihr das Kopfhaar versenkt.

27. Januar 1911
Das Alte stürzt! Der Abbruch der „Pappelschänke“ hat begonnen, und nicht lange mehr, dann kündet ein geräumtes Grundstück von vergangenen Zeiten, von dem, was war. Wir erzählten vor kurzem erst, von den letzten Wirksleuten, alten biederen Leuten, die mit viel Liebe einen Garten hegten und pflegten, darinnen Blumenbeete in bunter Pracht, mit Buchs eingefaßte Stachelbeersträucher, wonach in der Zeit des Reisens die Kinderaugen lugten, einige Pflaumenbäume und ein Mandelbaum standen, welch letzterer um die Zeit der Blüte mit seiner Farbenpracht entzückte. Heute schweift das Auge noch einmal rückwärts, und zwar zu der näheren Umgebung der „Pappelschänke“, wie sie sich vor ungefähr 40 Jahren bot. Die „Pappelschänke“ war im Osten der Stadt das letzte Haus, wenn man vom Badergut und dem Schützenhaus absieht. Die Oststraße gab es noch nicht und aller Verkehr aus der Stadt nach Osten hin war auf die Chemnitzer Straße angewiesen. Von der „Pappelschänke“ ab bis zum Badergut zogen sich rechts der Straße, die mit großen Kirschbäumen bepflanzt war, Büsche und Sträucher hin, ebenso gab es noch Sträucher – Birken, Eschen, Linden – im Fuchsgraben; dort fand man auch Heidelbeeren: Alles noch Ueberbleibsel des einstigen Waldes, der vom Pfaffenberg bis an das Weichbild der Stadt reichte. Links der Straße plätscherte zur Frühlingszeit oder nach Regengüssen in einem Wiesengraben das Wasser, das heute fein säuberlich in die Flurschleuse gebannt ist. Auch die Aktienstraße gab es noch nicht, kurz: das ganze Gelände, was heute die Oststraße, die Aktienstraße, die Wilhelmstraße und die Chemnitzer Straße vom Pöhlmannschen Hause weg, heute dem Wolfen-Karl gehörig, darstellt, war Feld, Wiese und Steg. Ein solcher führte z. B. von der „Pappelschänke“ schräg über das heutige Fabrikant Schulzesche Grundstück nach der Nutzunger Straße: eine Fortsetzung der Hohestraße oder Obergasse, wo einige Jahre vorher auch das Hötzsche Anwesen entstanden war. Heute liegen Hötzschens, man kann wohl sagen, in der Stadt, damals wohnten sie weit draußen, zur Winterzeit oft fast abgeschnitten vom Verkehr. Jetzt sieht man die Entwicklung, die in dem heutigen Umfange erst einsetzte, nachdem 1877 die Oststraße erbaut war, als selbstverständlich an. Und doch ist es ein gewaltiger Unterschied zwischen einst und jetzt, obwohl das Einst gar nicht so weit hinter uns liegt. Auch andere Sachen erinnern uns lebhaft an den Aufschwung innerhalb des letzten Menschenalters. In den Jahren, von denen die vorangegangenen Zeilen erzählen, da ging der biedere Handwerker in der blauen Schürze und sogar oft noch die Zipfelmütze auf dem Kopfe, in die Kneipe. Und es gab ein rechtes Kneipenleben mit Unterhaltung und Humor. Zwar war der letztere manchmal etwas derb, doch waren die Menschen noch nicht so verzärtelt. Hatten doch die bösen Gäste einmal dem Pappelschänkenwirt die obere Essenöffnung mit einem Kuchendeckel geschlossen, die derselbe mit vieler Mühe erst wieder frei machen konnte, nachdem die Gaststube stark verräuchert war. Ja, die gute alte Zeit!

29. Januar 1911
Seine Lust am Unfug mit dem Tode gebüßt hat gestern abend ein 13jähriger Schulknabe von hier in der gegenwärtig im Abbruch begriffenen „Pappelschänke“. Kaum hat Herr Schreiner-Oberlungwitz mit den Abbrucharbeiten begonnen, so macht sich unsere Jugend darüber her, um der Lust am Demolieren zu frönen. So auch der Sohn Walter des in der Chemnitzer Straße wohnhaften Invaliden Hofmann, der aus der elterlichen Wohnung ein Beil mitnahm, um noch nach 8 Uhr – also zu einer Zeit, wo er zu solcher Arbeit kaum etwas sehen konnte! – zu versuchen, einen Teil der Giebelmauer zum Einsturz zu bringen. Der Knabe hatte die untersten Ziegel heraus, vor welchem Tun ihn seine Spielgefährten warnten – leider erfolglos. Der Knabe setzte sein Zerstörungswerk fort, bis ein Mauerstein von oben herabfiel und ihn so schwer auf den Kopf traf, daß der Kleine mit zertrümmerter Schädeldecke liegen blieb. In die elterliche Wohnung gebracht, starb er gegen Mitternacht. Dieser bedauerlicher Unfall ist also unstreitig auf das Konto der jugendlichen Lust am Unfug zu setzten. Allerdings war das Abbruchsgrundstück nicht gegen ein ungehindertes Eindringen von der Straße aus abgesperrt, aber was alle Absperrungsmaßregeln nützen, konnte man erst gelegentlich des Schleusenbaues am Kroatenweg recht deutlich beobachten. Dort waren alle Vorschriften erfüllt, die Gefahren für Unbeteiligte abzuschließen. Das hinderte aber die Jugend keinesfalls, nach dem Weggang der dort beschäftigten Arbeiter ihre lebensgefährlichen Allotria zu treiben. Möchten allen Eltern diesen tiefbedauerlichen Vorfall zur Veranlassung nehmen, ihre Kinder vor solch frevelhafter und oft recht folgenschwerer Ausgelassenheit recht eindringlich zu warnen, denn gar zu zahlreich sind die Fälle, in denen übermütiges kindliches Spiel und Hantieren an verbotenen Orten zu Schäden führt, die der Betroffene – wenn nicht noch Schlimmeres eintritt, wie in dem vorliegenden Falle – zeitlebens mit sich herumträgt.