Historische Meldungen aus dem Jahr 1913

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August

September

Oktober

November

Dezember

 

 

 

 

2. Dezember 1913
In einem Hüttengrunder Restaurant gerieten am Sonnabend abend aus kleinlicher Ursache einige Männer aus dem Hüttengrund in Streit. Derselbe artete soweit aus, daß bald eine Schlägerei im Gange war, wobei einige der beteiligten erhebliche Verletzungen erlitten. Unter anderem soll einer der Beteiligten auch einen Biß erhalten haben. Dem Wirt, der den Streit zu schlichten suchte, wurden dabei Gegenstände demoliert.

5. Dezember 1913
Als gestern der Besitzer von „Stadt Dresden“ auf kurze Zeit die Gaststube verlassen hatte, hörte er in einem anderen Raume, daß ein Gast das Zimmer betrat. Als er selbst zur Bedienung erschien, bemerkte er niemanden, vermißte aber, als ein späterer Gast erschien, eine eben angebrochene Kiste Zigarren. Zufällig revidierte bald danach ein Schutzmann, der von dem Diebstahl Kenntnis erhalten, eine Herberge und fand die ganze Gesellschaft behaglich schmauchend vor. Spender der Zigarren war ein gewisser Beyer aus Burgstädt, der auf Vorhalten auch bald eingestand, den kühnen Griff in der Gaststube getan zu haben. Aus der Kiste fehlen etwa ein Dutzend Zigarren, die der Wirt jedenfalls gern verschmerzen wird. Der Langfinger bezog Staatspension“.

10. Dezember 1913
Ade – Rodelbahn! Dein Schicksal ist fürs erste besiegelt. Statt der erhofften weiteren Fülle weißer Flocken stellte sich Regen ein. Wer gestern abend im Freien war, konnte feststellen, daß zunächst noch der Wind ziemlich kalt wehte, aber mit seiner zunehmenden Stärke ward auch eine langsame, doch stetige Erwärmung der Temperatur bemerkbar, die uns nun den unerwünschten Regen brachte, der heute früh mit einzelnen Graupeln vermischt war. So sind denn die Freuden der Wintersportler recht kurze gewesen.

19. Dezember 2013
Nun geht’s mit Riesenschritten aufs Fest zu, aber noch immer will keine rechte Weihnachtsstimmung aufkommen angesichts des ganz und gar kalenderwidrigen Wetters, das uns noch nicht das rechte Maß von Schnee und Kälte gebracht hat, die doch eigentlich zu einem richtigen Weihnachten gehören wie der Stollen zum Festkaffee. Kein Wunder darum, daß unsere Geschäftsleute die ganze Woche klagen über anhaltende Leere in den Läden. Aussicht auf winterliches Wetter ist aber vorhanden. Hoffentlich bringen die letzten Tage vor dem Feste noch den ersehnten Goldstrom, auf den ja jeder Geschäftsmann schon lange Zeit vorher rechnet und rechnen muß. Im folgenden beschließen wir unseren diesjährigen Weihnachtsrundgang durch die Geschäfte der Stadt.
Eine großstädtische Auswahl unterhält Uhrmachermeister Kurt Reinhold, Dresdner Straße 28. Wir finden hier Knaben-Uhren, schwer goldne Omega-Uhren, feinste Präzisionswerke, Haus-, Wand- und Küchen-Uhren; Goldwaren: Nadeln, Broschen, Knöpfe, Ringe, Ketten; optische Waren, Grammophone usw.
Was ein Parfümerie-Geschäft an Neuheiten dem Publikum bietet, findet man bei J. M. Jeschwitz, Dresdner Straße 11, Tel. 364: alle Arten Schönheitsmittel, Haarersatzteile in- und ausländische Parfüms und Toilette-Seifen, Kamm- und Bürsten-Garnituren, Wellen- und Locken-Eisen, Haarschmuck in jeder Ausführung usw.
Außerordentlich leistungsfähig in seinen verschiedenen Abteilungen ist das Kaufhaus S. Rosenthal u. Co., Ecke Weinkeller- und Konrad Clauß-Straße, das erst ganz bedeutend vergrößert wurde und nun in der Lage ist, gegen früher ein viel größeres Lager unterhalten zu können. Wir finden hier Wäsche aller Art und in der verschiedensten Ausführung, Wäschestoffe, Kleiderstoffe und modernste Mäntel, Kostüme u. dergl. Trikotagen und Wollwaren, Handschuhe und Strümpfe, Gardinen und Decken , Knabenschwitzer- und Anzüge, weiße Herrenwäsche, Herrenwesten und- Hüte, Mützen, Taschen, Gürtel, Schürzen Korsetts, Boas, Unterröcke, fertige und vorgezeichnete Handarbeiten, Albums zu verschiedenen Zwecken, Brieftaschen, Portemonnaies und Hunderterlei andere nützliche Dinge.
Maßgebend bei Beschaffung bürgerlicher Wohnungseinrichtungen ist das Geschäft von Louis Wappler, Bau- und Möbelfabrikation, Weinkellerstraße 12. Die Firma ist vorteilhaft bekannt durch Lieferung nur bester Tischlerarbeit  und empfiehlt sich zum Feste für den Kauf von Einzel-Gebrauchs- und Luxusmöbel aller Art.
Das Möbelhaus von Karl Vogel, Tapezier- und Polstermeister, Chemnitzer Straße, am Neumarkt, unterhält ein riesenhaftes Lager in Schränken, Tischen, Matratzen, Sofas, Spiegeln, Sofagestellen, Plüschen usw. Ausstattungen kauft man hier schon von 150 Mk. an.
Schuhe und Stiefel jeder Machart von den einfachsten bis zu den feinsten empfiehlt das Schuhwarenhaus Paul Winkler, Teichplatz 2. Besonders in Winter-Fußbekleidung ist das Lager groß. Die Preise sind wie bekannt billig.

20. Dezember 1913
Ein folgenschwerer Unfall wurde auf der Eisenbahnstrecke in der Nähe der Antonstraße verhütet. Ein Weichensteller hatte zufällig bemerkt, daß auf dem Ausfahrtsgleis nach Wüstenbrand ein Stück Schiene ausgebrochen war. Den 2014 Uhr ausfahrenden Personenzug konnte er noch kurt vor der schadhaften Stelle zum Stehen bringen. Nach 15 Minuten Verspätung fuhr der Zug dann auf dem anderen Gleis aus, während Streckenarbeiter eine neue Schiene einsetzten.

28. Dezember 1913
Unsere Rodelbahn am Nordanhange des Pfaffenberges war am zweiten Feiertage im vollen Betrieb, der sich bis in den Abend hinein, wo Laternen bis an den Wald ihren Weg bezeichneten, erhielt Jung und alt konnten sich voll am gesunden Sport vergnügen und sie ließen sich, ebenso wie die Zuschauer, vom naßstürmischen Wetter, das auf dem Berge besonders bemerkbar war, nicht stören. Gab es doch in der Sporthütte einen warmen Schluck und Imbiß, die wenn nötig vom Hüttenwirt mit einem kräftigen Humor gewürzt wurden. Leider ist die Luft wieder einmal zu Wasser geworden, und es bleibt wieder nur die Hoffnung, daß es den Launen unseres Wettergottes gefällt, zwischen den anderen Gaben auch einen dauerhaften Schneewinter zu bescheren. Daß sich dann ein Sportleben wie nirgendwo anders entwickeln wird, zeigte der gestrige Anfang.
 


2. November 1913
In der Bewirtschaftung des Neustädter Schützenhauses, daß der Dampfbrauerei Heilmann gehört, tritt heute eine Veränderung ein. Der bisherige Pächter Herr Staudte übernimmt in Chemnitz das „Cafe Brühl“ und die Bewirtschaftung des Schützenhauses übernimmt Herr Knoll, der seitherige Pächter des Gasthauses „Zur Linde“ hier.

Im Bestehen unseres Bethlehemstiftes im Hüttengrund trat soeben wieder eine Zeit der Ruhe ein. In diesem Sommer war der Besuch und die Nachfrage nach Plätzen wieder stark, so daß nicht alle Ansprüche erfüllt werden konnten. Die letzte diesjährige Abteilung Kinder verließ am Donnerstag in Begleitung des Anstaltspersonals das Stift, um, gestärkt an Körper und Geist, die Heimreise anzutreten. Das Stift wird nun bis März 1914 geschlossen.

5. November 1913
Ein Obersteiger mit einigen Bergleuten aus Zwickau waren in letzter Zeit damit beschäftigt, in den Haupttagesschacht des Lampertusschachtes drei Bühnen aus Holzkohlen einzubauen. Den Abschluß macht ein Ziegelgewölbe, das durch zwei städtische Mauerer 6 Meter unter der Erdoberfläche eingebaut wird. Bis an die Erdoberfläche wird der Schacht vom Gewölbe ab mit Erdmassen ausgefüllt. In dem erwähnten Schacht steht das Grundwasser 90 Meter hoch. Den einzigen Zugang zum Lampertusschacht bildet nun nur noch ein im Fuchsgraben liegender Stollen, durch welchen auch der Ueberlauf des obengenannten Wassers geführt, am Ausgang in Röhren gefaßt und nach und nach der Stadt geleitet wird, die es an verschiedene Konsumenten verteilt.

08. November 1913
Eine komische Szene, die allerdings für den Betroffenen von einer anderen Seite betrachtet wurde, spielte sich heute vormittag an der unteren Weinkellerstraße ab. Dort hielt ein Grünwarenhändler mit einem Handwagen, der mit allerhand eßbaren Sachen beladen war. Während nun der Besitzer nochmals in seine Wohnung zurückkehrte, mochte der Zughund Langeweile verspürt haben, denn er rückte plötzlich ohne Führer ab, jedoch so ungeschickt daß er beim Lichtspieltheater an das Schnittgerinne anfuhr und der Wagen im selben Moment umstürzte, wobei natürlich  die Aepfel, Birnen, Kraut und sonstigen Leckerbissen im lieblichen Durcheinander  auf die Straße und den Fußsteig flogen. Dem Tier selbst wurde es Angst, da es unter all den Herrlichkeiten lag. Es hielt nicht eher Ruhe, bis es sich unter den Körben hervorbemüht hatte, und erwartete mit eingezogenem Schwanz die Anmut des Herrn. Prügel gab es aber glücklicherweise nicht.

09. November 1913
Der bei der Firma Eduard Beckert seit über 35 Jahren arbeitende Packmeister Herr Emil Fritzsche erhielt vom Kgl. Ministerium des Innern das tragbare Ehrenzeichen für Treue in der Arbeit. Dem bei derselben Firma bediensteten Geschirrführer Herrn Herrmann Beier und dem von der Firma F. W. Hermann Nachf. und ihrer Vorgängerin beschäftigten Scherer Herrn Karl Ludwig Wolf verlieh die Stadtverwaltung das Ehrendiplom für 25jährige ununterbrochene Tätigkeit in ein und demselben Arbeitsverhältnisse. Die Auszeichnungen wurden heute vormittag im Beisein der Herren Arbeitgeber durch Herrn Bürgermeister Dr. Patz unter entsprechenden Glückwünschen an Ratsstelle ausgehändigt.

12. November 1913
Eine höchst rohe Tat verübte gestern im Hüttengrund ein dort wohnender 13 Jahre alter Schulknabe. Derselbe geht nach Indianerart mit spitz gemachten Pfeil und Bogen umher und verübt damit allerhand Unfug. So ging gestern ein vierjähriges Mädchen eines auf Kuhschnappler Anteil wohnenden Wirkers zu ihren Großeltern, in ihrer Begleitung ein Hund. Der rohe Bengel lockte den wertvollen Hund an sich und schoß ihm ins Auge, sodaß es sofort zerstört wurde. Die Range hat mit diesem Pfeil auch schon nach kleineren Kindern geschossen, sodaß es als Wunder zu betrachten ist, daß noch kein Unglück passierte. Gegen den Knaben wurde Anzeige erstattet.

13. November 1913
Ein dreister Diebstahl wurde gestern auf der Bahnstraße ausgeführt. Das kleine sechsjährige Töchterchen der Familie Wehrenpfennig war beauftragt, in einem Geschäft auf der Bahnstraße Einkäufe zu besorgen. Auf dem Wege dorthin gesellte sich ein etwa 13 Jahre altes Mädchen zu ihr, welches sie frug, ob sie nicht ein 10 Pfg. –Stück habe. Als dies von der Kleinen verneint wurde, riß sie derselben das Geldsäckchen aus der Hand, entnahm das darin befindliche 3 Mark-Stück und verschwand. Hoffentlich gelingt es, die Täterin recht bald dingfest zu machen und ihrer Strafe zuzuführen.

14. November 1913
Nachdem die letzten Zeugen des ehemals in unserer Stadt blühenden Erzbergbaues mehr und mehr verschwinden, ist es angebracht, einmal darauf hinzuweisen, daß der Erzbau hier vor hundert Jahren durch die napoleonischen Kriegsunruhen eine Zeitlang in Verfall und zum Stillstand kam. Im Jahre 1804 fuhren beim hiesigen Bergamte, zu dem der ganze schönburgische Bezirk gehörte, gegen 50 Mann an. Die folgenden Jahre brachten aber allmählich durch die Kriegsunruhen und sonstige Umstände den gänzlichen Verfall des Bergbaues in unserer Gegend. Viele Jahre ruhte der Betrieb. Er wurde erst in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts wieder aufgenommen. Gegraben wurden hauptsächlich Arsenikerze. Von 1831 bis 1877 wurden aus den hiesigen Gruben 40937 Zentner Arsenkiesstufwerk und 1744 ¾ Zentner Schwefelkiesstufwerk zum Preise von 62955 Mark an auswärtige Hüttenwerke abgegeben. Weiter wurden noch in dieser Zeit 2535 Zentner Arsenkies mit Teilen von Gold, Silber und Kupfer im Betrage von 5686 ½ Mark an die Freiberger Hüttenwerke abgegeben.

23. November 1913
Ein Dampfkessel-Ungetüm, das wohl seine 12 Meter Länge messen konnte, etwa 600 Zentner schwer war und aus der Dampfkesselfabrik Julius Marx in Chemnitz stammt, wurde heute vormittag durch unsere Stadt nach der Bleicherei Hüttengrund befördert. Der Transport begann heute früh 5 Uhr in Chemnitz und langte gegen 11 Uhr vormittags an der Stadtgrenze an, nachdem man in Wüstenbrand kurze Rast gehalten hatte. Innerhalb der Stadt gestaltete sich die Beförderung weniger schwierig, die 20 Pferde zogen den Koloß, der allerdings auf dem Straßenpflaster sichtbare Spuren hinterließ, mit Leichtigkeit; vom „Goldenen Ring“ bis zum Altmarkt konnten sogar zwölf Pferde entbehrt werden. Aber in der Nähe der Redslobschen Fabrik widerfuhr dem Transport ein Missgeschick: eine Achse war heißgelaufen und es machte sich ein längerer Aufenthalt nötig. Nach fast dreistündiger Pause fuhr man die Lerchenstraße entlang und nahm den Weg von der Eisenbahn-Überführung die steile Talstraße hinab.
 


3. Oktober 1913
Eine ehrende Auszeichnung wurde gestern dem hier auf der Schubertstraße wohnenden Postillon Herrn Grimm zuteil. Herr Grimm hatte am 1. September, als König Friedrich August mit seinem Gefolge durch Oberlungwitz zu tun. Als das königliche Auto nahte, begrüßte Herr den Monarchen, indem er auf seinem Posthorn das Lied „Den König segne Gott“ blies. Der Monarch und seine Begleiter dankten von dem Wagen aus Herrn Grimm für die musikalische Begrüßung. Als dann der Monarch nach Dresden zurückkehrte, ließ er Erkundigungen nach dem Postillon einziehen. Gestern nachmittag erschien nun auf dem hiesigen Postamt Herr Geheimrat Richter von der Oberpostdirektion Chemnitz und dankte im Auftrage des Königs Herrn Grimm in Gegenwart des Herrn Postdirektors Seidel für die bewiesene Aufmerksamkeit. Gleichzeitig wurde Herrn Grimm mitgeteilt, daß ihm der Monarch ein Geschenk überlassen werde.

4. Oktober 1913
Noch gut abgelaufen ist ein Vorgang, der sich heute vormittag auf der Breitestraße abspielte. Auf der Straße, gegenüber der Fabrik von Gruber, stand ein großer leerer Kastenagen, einem dortigen Geschäftsmann gehörig, an welchem sich mehrere Knaben zu schaffen machten. Plötzlich drehte einer der Knaben das Schleifzeug am Wagen auf und das schwere Gefährt sauste die abschüssige Straße hinab, wo es dann an das Böttgersche Geschäftshaus anprallte und von da an das Pothornsche Haus stieß, wo die Mauer beschädigt wurde. Auch wurde die Deichsel abgebrochen. Sonst kam glücklicherweise niemand zu Schaden.

5. Oktober 1913
Die Karlstraße, die älteste Straße und zugleich die frühere Hauptstraße Hohensteins zu einer Zeit, als der mittlere und untere Teil der jetzigen Altstadt noch nicht bebaut war, unterliegt gegenwärtig einer durchgreifenden Erneuerung der oberen Fahrbahndecke. Das alte Pflaster, das manches Jahrzehnt regen Verkehrs über sich ergehen ließ und gerade an dieser Stelle am besten bewies, daß gepflasterte Straßen am Ende die billigsten sind, wird entfernt und neues tritt an seine Stelle. Die Straße, die ihren Namen darum erhielt, daß einst Karl der Zwölfte von Schweden auf ihr seinen Durchzug durch Hohenstein bewerkstelligte, vermittelte einst den Verkehr zwischen Glauchau und Chemnitz. Dieser Verkehr muß ein recht reger gewesen sein, denn er war nicht blos Durchgangsverkehr, sondern er wurde bereichert und vermehrt durch den Bergbau und den Gewerbefleiß der Stadt. Manche Tonne Erz der Bergleute und später manches „Stück“ Tuch der Weber mag auf ihr den Weg ins Land gefunden haben. Daß die Karlstraße die Hauptstraße war, beweist auch der Umstand, daß das frühere Webermeisterhaus, das jetzige Petersiliesche Haus, an ihr errichtet wurde. Der Schlußstein am Torbogen dieses Hauses zeigt die Grafenkrone und das Jahr seiner Erbauung, 1787. Sicher werden Neuerungen, die von den Anwohnern seit langem herbeigesehrt wurden, der alten Verkehrsader vermehrtes reges Leben bringen, umsomehr, als von ihr die Hauptzugänge zum Bergwald, das Silbergäßchen, der Seidelberg- und der Meinsdorfer Weg abgehen.

8. Oktober 1913
Heute Vormittag verließ ein Untermieter auf der König Alberstraße seine Wohnung, ohne die Miete bezahlt zu haben. Zum Ueberfluß hatte er einem Lehrling im selben Hause die Uhr und einen Regenschirm gestohlen; jedoch wurde er von seinen Wirtsleuten wieder eingeholt und in die Wohnung zurückgebracht, von wo er in polizeiliches Gewahrsam genommen wurde. Es handelt sich um einen früheren Schreiber, jetzigen Bücherboten namens Friedrich Meister aus Zwickau.
 


2. September 1913
Als gute Kletterer produzierten sich gestern nachmittag einige auswärtige Feuerwehrleute auf der Schützenstraße. Sie holten einen im 1. Stockwerk angebrachten kunstvoll hergestellten Feuerwehrmann, der dort als Schmuckstück aufgestellt war, von der Mauer herab. Dann erkletterten sie die vor dem Schützenplatz stehende mehrere Meter hohe Ehrenpforte und befestigten diese Figur dort oben auf der äußersten Spitze. Doch nicht genug damit. Sie holten noch einen zweiten „imitierten“ Feuerwehrmann von einem Hause der Schützenstraße weg und stellten auch diesen mit auf der Ehrenpforte auf. Der Vorgang hatte natürlich ein zahlreiches Publikum angelockt, das den kühnen Kletterern Beifall spendete. Zum Glück verlief der übermütige Streich ohne Unfall. Am Abend erschienen dann die Besitzer der ausgestopften Feuerwehrleute mit einer Leiter an der Ehrenpforte und holten die Schaustücke herunter.

6. September 1913
Schweren Kummer bereitet durch seinen verbrecherischen Lebenswandel ein junger Mann seinen hier wohnenden allerseits geachteten Eltern. Der 20jährige Handlungsgehilfe Eugen Willy R., der wegen hier und in Chemnitz verübter Betrügereien schon bestraft wurde, ist abermals auf schlimme Abwege geraten. In einem hiesigen Goldwarengeschäft wußte er durch Schwindeleien drei Ringe und einen Golddubleeklemmer, in einem anderen Geschäft je ein Paar Chevreaux- und Borcalf-Stiefel und bei einem Schneidermeister zwei Anzüge zu erschwindeln. Es ist nicht ausgeschlossen, daß der Betrüger versucht, auch noch andere Geschäftsleute hineinzulegen; es sei deshalb vor ihm gewarnt. R. trägt modefarbigen Paletot, olivgrünen Jackettanzug und gelben flachen Strohhut.

12. September 1913
Wer sich über Druckfehler aufhält, möge beherzigen: Druckfehler sind Irrtümer, die weder der Setzer noch der Korrektor entdeckt, sondern nur der Leser. Während manche Völker für die Fehler der Regierung büßen müssen, muß für den Druckfehler seines Blattes, den er nicht gemacht hat, der Redakteur büßen, und zwar doppelt: erstens ärgert er sich selbst und dann ärgern ihn sieben gescheite Leser. Druckfehler gehören zu den unvermeidlichen Eigenschaften jedes Druckerzeugnisses, das in fliegender Eile und Hast hergestellt werden muß: sie verhalten sich wie Rost zum Eisen, wie die Hefe zum Wein, nur mit dem Unterschied, daß vor dem Druck noch niemand weiß, ob sie fehlen oder ob sie da sein werden. Mancher Satz wird überhaupt erst lesenswert durch einen Druckfehler. Der Redakteur freilich kann davon sagen: „Nur wer die Praxis kennt, weiß, was ich leide!“ Solange musiziert und gesungen wird, wird es falsche Töne, solange geschrieben und gedruckt wird, wird es Schreib- und Druckfehler geben; es scheint ein alter Kalenderreim am besten darauf zu passen:

„Gib, Leser, nicht so scharf auf alle Fehler acht,
Denn niemals ist ein Blatt und der, der es gemacht,
Und der, der es gelesen,
Von allen Fehlern frei gewesen.“

18. September 1913
Vor rohen Burschen hat nichts Ruhe! Der Besitzer des „Bergmannsgruß“, Herr Nestler, hatte auf dem Pfaffenberg am Pleißaer Weg einen eisernen Wegweiser anbringen lassen mit der Aufschrift „Nach dem Bergmannsgruß“. Vor kurzer Zeit nun wurde dieser Wegweiser demoliert. Die starke eiserne Stange hat man, da sie nicht brach, verbogen und die am Schild angebrachten Namen durch Abschlagen der Glätte unleserlich gemacht. Wünschenswert wäre es, wenn man derartige Rüpel zur Bestrafung bringen könnte.

19. September 1913
Ein bedauerlicher Unfall trug sich im Ortsteil Hüttengrund zu. Eine dort zur Sommerfrische weilende 16 Jahre alte Kontoristin aus Leipzig sammelte unweit des Bethlehemstiftes im Hainholz Pilze, stürzte über eine Wurzel und fiel so unglücklich, daß sie einen schweren Bruch des linken Unterarmes davontrug. Herr Dr. Sommer leistete der Verunglückten die erste Hilfe. Der Unfall soll eine Folge des modernen engen Rockes sein.

20. September 1913
In einem Hause der Landgrafsstraße*1 war gestern abend gegen 10 Uhr in einer Wohnung ein Feuer entstanden, dem die Fenstervorhänge und sonstiges zum Opfer fielen. Zum Glück wurde das Feuer von vorübergehenden Personen bemerkt und die Bewohner, die wahrscheinlich schon zur Ruhe gegangen waren, aufmerksam gemacht. Doch konnten die vor dem Hause stehenden Leute nicht eindringen, da die Haustür verschlossen war und erst durch Einschlagen Zutritt erlangt wurde. Ehe er größeren Schaden angerichtet hatte, wurde der Brand von den Bewohnern gelöscht.

25. September 1913
Gestern starb hier einer der ältesten Einwohner unserer Stadt, der im Kirchgäßchen wohnende 85 Jahre Webergehilfe Hermann Müller. Mit ihm ist  ein altes Original aus unserer Bevölkerung dahin gegangen. Er war treu und schlicht und allgemein beliebt und geachtet und hielt fest an dem Althergebrachten. Müller war fast bis an sein Lebensende gesund und rüstig und hatte nie eine Krankheit gehabt. In ihm verliert auch die hiesige Weberinnung den ältesten Webergehilfen, denn er gehörte der Innung 68 Jahre als eingetragener Gehilfe an.

2. September 1913
Der Besuch des Königs.
Königswetter. Wahrlich, unsere Stadt und Gegend muß bei den himmlischen Wettermachern gut angeschrieben stehen. Langsam, aber sicher ging in den letzten tagen das Barometer herunter und die schlimmsten Befürchtungen wurden wach, ob wir nicht vor einer neuen Regenperiode stünden und der besuch unseres Landesherrn durch das himmlische Naß gestört würde. Aber strahlend stieg heute morgen die Sonne am östlichen Horizont empor, rotgolden glänzten einige weiße Wölkchen und im frischen, kühlen Morgenwinde blähten sich Fahnen und Girlanden, die Herrlichkeit und Schöne des Tages kündend. Schon vom frühen Morgen an regte sich alles in unsrer Stadt, um sich auf die Königsfeier vorzubereiten; die Kinder unserer Schulen versammelten sich, festlich gekleidet mir Schärpen in den Landesfarben, Sträußchen im Haar und die Mädchen zumeist in weißen Kleidern, die Vereine zogen auf, um Spalier zu bilden und überall auf den Straßen, die Se. Majestät passierte, sammelten sich Laufende, um dem König ihre Huldigung darzubringen. Pünktlich 9.37 Uhr lief der königliche Sonderzug auf dem hiesigen Bahnhofe ein, wo sich, da keinerlei Empfang befohlen war, die Herren Bürgermeister Dr. Paß und als Vertreter der Amtshauptmannschaft Regierungshauptmann v. Gehe–Glauchau meldeten. Das Töchterchen Brigitte des Herrn Dr. Paß überreichte Sr. Majestät beim Betreten des Bahnsteigs ein aus La France- und Schneeköniginrosen gewundenes und mit einem Bande in den Landesfarben geschmücktes Bukett, indem es den Monarchen dabei mit folgenden Worten begrüßte:

Herr König, in ganz Sachsenland
Seid Ihr als Kinderfreund bekannt,
Drum nehmt aus wahrem Herzensgrund
Den ersten Gruß von Kindermund.

Willkommen auf dem „Hohen Stein“!
Bescher Euch Gott stets Sonnenschein,
Steh’ Euch auch bei mit Heil und Rat
Und segne Eurer Kinder Pfad!

Se. Majestät freute sich herzlich über die kindliche Huldigung und dankte freundlich für den Strauß. Der König ging dann durch das Vestibül, wo die Beamten des Bahnhofes Aufstellung genommen hatten, auf den Vorplatz, wo die Fahnen unserer Vereine den Herrscher des Landes begrüßten. Im Gefolge Sr. Majestät befanden sich die Herren Minister des Innern Graf Bißthum v. Eckstädt, Oberstallmeister v. Haugk, Generaladjutant Generalmajor v. Tettenborn, Kreishauptmann Lossow, Geh. Regierungsrat Heink und Flügeladjutant v. Könneritz. Auf dem Wege durch die Moltkestraße*2 nach dem Rathause, den der König im Auto zurücklegte, während die Autos Herrn Kreishauptmanns und des Herrn Bürgermeisters voranfuhren, bildeten die Militärvereine Schützengesellschaften und die Feuerwehr Spalier, umsäumt von einer dichten Menschenkette, die mit unaufhörlichen Hochrufen den Herrscher begrüßte. Auf dem Markte hatten die Damen des Kornblumentages Reihen gebildet und wieder bereiteten hier Ungezählte dem König lebhafte und freudige Huldigungen. Unter Führung des Herrn Bürgermeisters begab sich Se. Majestät durch den östlichen Seiteneingang des Rathauses nach dem Stadtverordnetensaale, wo die Huldigung der Bürgerschaft vor sich ging.

*1 Landgrafstraße = heute Ziegenberg
*2 Moltkestraße = heute Immanuel-Kant-Straße


02. August 1913
Der Hüttengrund gewinnt von Jahr zu Jahr mehr Bedeutung bei den Sommerfrischlern, was seinen Grund hat in der herrlichen waldreichen Lage. Seit Wochen sind im Hüttengrund fast sämtliche Sommerlogis vom auswärtigen Sommerfrischlern und Ferienkolonisten besetzt und für die nächste Zeit liegen noch zahlreiche Anmeldungen vor. Gerade die jetzigen großen Ferien brachten wieder einen starken Fremdenzug, namentlich aus den Großstädten Leipzig, Chemnitz, Dresden und sogar Berlin nach unseren prächtig gelegenen Hüttengrund. Unsere Gegend durfte übrigens schon seit einigen Jahren eine der bestbesuchten des niederen Erzgebirges mit sein.

Die altrenommierte Butterhandlung von Wilhelm Lässig am Neumarkt kann heute auf ein 40jähriges Bestehen zurückblicken. Die Stadtkapelle überraschte heute früh den Firmeninhaber und seine Gattin mit einem Ständchen. Auch sonst wurden Herrn Lässig noch Aufmerksamkeiten zuteil.

13. August 1913
Der gestrige Montag war für den Ortsteil Hüttengrund ein bedeutungsvoller Tag, brannte doch zum erstenmal gestern abend das Gas in den Straßenlaternen. Ueber die neue Beleuchtung ist natürlich die Einwohnerschaft im Hüttengrund sehr erfreut und ist damit einem dringenden Bedürfnis Genüge getan. In den nächsten Tagen werden nun die Hausanschlüsse vollends fertiggestellt, so daß man glaubt, in spätestens 14 Tagen das Gas auch in den Häusern zu Leucht- und Kochzwecken benutzen können.

14. August 1913
Kehraus auf dem Berge. Noch einmal zogen Scharen hinauf auf unsere Höhe, um die Annehmlichkeiten des Festes auf sich wirken zu lassen, noch einmal saß in den Zelten und Buden dichtgedrängt Männlein und Weiblein, um sich an Gerstensaft, Wein und Kaffee zu laben, noch einmal hatten die Losverkäufer regen Absatz, noch einmal fand Meister Grabner für seine fleischigen Leckerbissen eine dankbare Gemeinde. Mehr als 5000 Personen waren es, die gestern Eintrittskarten lösten, da ja das Wetter sich gebessert hatte und ein warmer Sommerabend ins Freie lockte. Und so dauerte auch der Abschied länger als am Sonntage; es wollte so eigentlich niemand nach Hause gehen und es war längst Mitternacht vorüber, als sich die Reihen lichteten und man allmählich der Stadt zustrebte. In der dritten Morgenstunde aber erloschen die letzteren Lichter und das Bergfest war für dieses Jahr vorüber!

19. August 1913
Der Buchhalter H. einer hiesigen großen Firma hat seit mehreren Jahren fortgesetzt Unterschlagungen verübt, die er so geschickt zu verschleiern wußte, daß sie jetzt erst entdeckt wurden. H., der zum zweitenmal verheiratet und Vater eines Kindes ist, ist seit gestern flüchtig und wird steckbrieflich verfolgt. H. gab in letzter Zeit ziemlich viel Geld aus und dürfte die unterschlagene Summe wohl zum größten Teile vertan haben.


22. August 1913
Ein gemeiner Streich wurde gestern abend gegen 9 Uhr am Seidelberg verübt. Von ruchlosen Händen ist in etwa 20 Zentimeter Höhe eine Schnur über den Weg gezogen worden. Eine dort wohnende junge Frau, welche um die genannte Zeit den Weg passierte, wäre beinahe recht ernstlich zu Schaden gekommen, indem sie über die Schnur stürzte. Eine solche rohe Handlungsweise verdiente eine recht nachdrückliche Strafe.

24. August 1913
In unserer Stadt geht das Gerücht um, daß sich der nach der Unterschlagung ziemlich bedeutender Summe flüchtig gewordene Kaufmann H. in der Schweiz habe von einem Eisenbahnzug überfahren lassen. Eine Bestätigung des Gerüchts konnten wir aber an keiner Stelle erhalten.

28. August 1913
Seit wenigen Tagen hat, wie schon kurz gemeldet, unsere Stadt ihren dritten Brunnen erhalten. Dem von üppiger Vegetation umwucherten Springbrunnen in den Friedhofsanlagen und dem monumentalen Altmarktbrunnen folgte ein kleiner Wandbrunnen im Hofe des Rathauses. Wie der an zweiter Stelle genannte steht er im Zusammenhange mit dem 400jährigen Stadtrechtsjubiläum, das unsere Stadt 1910 feierte. Hatte jenen der sächsische Kunstfonds gestiftet, so schenkte den Wandbrunnen, wie die Inschrift besagt, Se. Erlaucht der Graf Joachim, Graf und Herr von Schönburg, in Glauchau. – Das kreisförmige Becken ist an die nördliche Umfassungsmauer des Rathauses angesetzt. Es steht auf einer größeren Steinplatte und wird an der Mauer von einer anderen Platte überragt, durch die das Wasserauslaufrohr führt und die die Inschrift trägt „Stadtrechtsjubiläum 1510-1910“. Den einzigen Schmuck des Brunnens trägt diese Platte, nämlich das Schönburgische Wappen. Es ist ein sogenanntes Mantelwappen. Der Helm fehlt, dafür wird der Schild von dem Purpurmantel umgeben, auf dem die Fürstenkrone liegt. Bekanntlich führt auch die gräfliche Linie des Hauses Schönburg das Fürstenwappen. Der nette kleine Brunnen wird dadurch besonders interessant, daß er berufen ist, dem praktischen Leben zu dienen. Den bei dem starken Verkehr an Wochen- und Jahrmarktstagen immer sehr zahlreichen durstigen Kehlen wird er das erquickende Naß spenden. Außerdem ist sein Wert als Zierstück nicht gering auszuschlagen. Wer sich künftig als Fremder den Altmarkt und den Kirchplatz besehen und an ihren mehrfach erhaltenen schönen alten Gebäuden, an den durch Stolleneingänge, Denkmäler sowie Gedenktafeln wachgehaltenen historischen Erinnerungen und ferner an der malerischen St. Christophorikirche erfreut hat, der wird dann nach einem Viertelstündchen Rast auf den rosengeschmückten, aussichtsreichen Terrassen wohl auch den Rathaushof besuchen, der hoffentlich in nicht zu ferner Zeit recht hübsch mit Zierpflanzen ausgestattet sein wird. Hier erzählt ihm das ehrenwürdige Portal mit Helm und Schild der Schönburger von 1702 aus alter Zeit. Und wenn dann vom Rathaustürmchen das alte Bergglöcklein die Abschiedsstunde schlägt, dann wird der Wanderer ungern von einem der schönsten Städtebilder Sachsens scheiden, über de, verständnisvolle und kunstsinnige Menschen bewahrend walten mögen, wie hoch oben in St. Christophs großer Wetterfahne der alte deutsche Reichsadler mit dem Schönburgischen Schild auf der Brust seine Schwingen schützend über diesem Glanzpunkt sächsischer Städte hält.
 


1. Juli 1913
Ehrendiplome der Stadtverwaltung für 25- jährigen ununterbrochenen Dienst bzw. Arbeitszeit wurden heute Vormittag in drei Fällen ausgehändigt. Bei der Firma Halpert & Co. erhielt es die Spulerin Fräulein Auguste Marie Hoborla (Fr. bei A. Albert) und bei der Firma Gebr. Säuberlich wurden Herr Brokurist Ernst Bernhard Biermann und Herr Erpedient Karl Hermann Kluge damit ausgezeichnet. Die Überreichung erfolgte unter entsprechender Beglückwünschung durch Herrn Bürgermeister Dr. Jubilar mit einem Geschenk.
Auch die Handelskammer Chemnitz verlieh dem Brokuristen der Firma Gebr. Säuberlich,  Herrn Bernhard Biermann,  für 25- jährige treue Dienste in derselben Firma eine Ehrenurkunde.

Als ein Muster von Sesshaftigkeit darf wohl die Familie Schumann angesprochen werden, die am heutigen 1. Juli vierzig Jahre lang in einem Hause wohnt, und zwar Altmarkt 10, Ecke Karlsstraße, im früheren Bergamtshause, das gegenwärtig Herrn Paul Starke gehört. Während Herr Schumann, der frühere Ratskanzlist, vier Dezennien in ein und demselben Hause Freud und Leid mit den Seinen teilte, hat in dieser Zeit das Haus selbst heute den vierten Besitzer aufzuweisen. Gestern erschien im Auftrage des Hausbesitzervereins dessen Vorsteher Herr Theodor Wächter in der Wohnung des Herrn Schumann, um ihm unter anerkennenden Worten und den Wünschen, dass es ihm vergönnt sein möge, noch recht lange in der bisherigen Rüstigkeit dieselbe Wohnung innehaben zu können, ein Diplom des Hausbesitzervereins zu überreichen, das das erste dieser Art ist. Auch Herr Starke als Hauswirt erfreute den Jubilar  mit einem Geschenk.

4. Juli 1913
Wie wir hören, ist die hiesige Maschinenfabrik von Theodor Lieberknecht mit der Firma Schubert und Salzer, Aktiengesellschaft, Maschinenfabrik in Chemnitz verschmolzen worden. Herr Theodor Lieberknecht wird Direktor des neuen Unternehmens. Man darf hoffen, dass mit dieser Veränderung eine wesentliche Vergrößerung und Ausdehnung des Etablissements verbunden ist, die vielen Arbeitskräften hier lohnenden Verdienst verschaffen dürfte.

8. Juli 1913
Das Kunzegässchen, dessen Umbau wir kürzlich meldeten, hat, nachdem es so gut wie fertiggestellt ist, ein recht schmuckes Aussehen erhalten. Längs seiner Ausdehnung begrenzen es, soweit nicht Baulichkeiten infrage kommen, schöne Zäune auf beiden Seiten. Es wird ein beliebter Verbindungsweg zwischen dem Altmarkt und der Konrad- Claus- Straße werden, umsomehr, als durch die Verbreiterung der Verkehr ein besserer und bequemer geworden ist und es auf seiner größeren Hälfte von Gärten begrenzt wird. Zugleich mit dem Ausbau des Gässchens wird der zukünftige Budengeräteschuppen der Stadt bessere Zufahrtsgelegenheit bekommen.

Der aus unserer Stadt gebürtige, in Radebeul verstorbene Schriftsteller Karl May hat sein gesamtes Vermögen und die aus seinen Werken während der dreißigjährigen Schutzfrist stammenden Einkünfte einer Stiftung vermacht, deren Erträgnisse unbemittelten Talenten und invaliden deutschen Schriftstellern und Journalisten zukommen sollen. Die Witwe Mays hat bei ihren Lebzeiten die Nutznießung. Die Witwe, der bisherige Verleger von Mays Werken, E. Fehsenseld, und Dr. E. Schmidt haben, um der letztwilligen Verfügung nachzukommen, den Verlag der Karl- May- Stiftung gegründet, der Verlagsrecht und Vertrieb der Mayschen Werke auszuüben hat.

9. Juli 1913
Wenn Frauen sich treffen, haben sie sich viel zu erzählen und wenig Aufmerksamkeit für die Umgebung. Auf dem Altmarkt, Ecke der Weinkeller- und Dresdnerstraße, hatten sich gestern während des Wochenmarktes zwei Frauen dermaßen in ein Gespräch vertieft, dass sie trotz mehrerer Zurufe ein daherkommendes Geschirr nicht bemerkten. Die jüngere der Frauen wurde gestreift und mit zwei kleinen Knaben, die sich in ihrer Begleitung befanden, niedergerissen. Zum Glück kamen aber alle drei Personen ohne Schaden davon. Die Frau muss sich aber über die Unterbrechung sehr geärgert haben, denn sie verabreichte beiden Knaben Schläge, trotzdem dieselben an dem Unfall keine Schuld trugen.

18. Juli 1913
Interessant für den Zuschauer und sehr gefahrvoll für die Ausführenden gestalten sich die Dachdeckerarbeiten am Turmdach der St.- Christophori- Kirche. Die Kehlen unterhalb der Kuppel werden durch die hiesige Dachdeckerfirma Schrepel mit Zinkblech ausgeschlagen, zu diesem Zwecke ist ein Schwebegerüst gebaut, auf dem die Dachdecker hantieren. Außerdem hat unsere Kirche Reparaturen, soweit sie ohne großes Gerüst erreichbar waren, erfahren.

19. Juli 1913
Gedenktafeln an Bürgerhäusern vermögen auch den bescheidenen Straßen der Mittel- und Kleinstädte ein historisches Gepräge zu verleihen. Wo sie, wie bei uns, nicht von Beschießungen oder Hochwässern Kunde geben können, da können sie die Erinnerung an Persönlichkeiten u. a. wachhalten. So befindet sich am Christophori- Pfarrhause eine Tafel, die besagt, dass in diesem Hause der Naturforscher und Naturphilosoph G. H. v. Schubert geboren ist, und ein Haus am oberen Altmarkt rühmt sich durch die Tafel, die es trägt, einmal Quartier des Generalfeldmarschalls Grafen v. Moltke gewesen zu sein. Auch das Gedächtnis an Verschwundenes kann auf diese Weise erhalten werden. Dies ist neuerdings in hiesiger Stadt ebenfalls geschehen. Seit wenigen Tagen befindet sich an der Stützmauer des ehemaligen Lampertusgrundstücks eine Tafel mit der Inschrift: „St. Lampertus, letzte Zeche des Hohensteiner Bergbaues. Stillgelegt 1910.“ Der Wanderer der vorübergeht, wird dadurch an die frühere Eigenschaft Hohensteins als einer Bergstadt erinnert. Dass auf dem Grundstücke die letzte Stätte des Jahrhunderte lang betriebenen Bergbaues sich befand, kann man ihm jetzt nicht mehr ansehen, nachdem die bergmännischen Gebäude bis auf das, einem der Wohnhäuschen jener Gegend gleichenden Huthaus verschwunden sind. Durch die Tafel erhält man hiervon Kenntnis und wird auch der Name des benachbarten Gasthauses „Zur Zeche“ und derjenige der vorüberführenden Straße, die der Volksmund noch immer „Zechenstraße“ nennt, erklärt.

25. Juli 1913
Infolge der von hiesiger Stadtverwaltung seit einigen Jahren ausgeübten Reklame für unsre Stadt wird diese immer mehr und mehr das Ziel von Ausflüglern aus den Orten der näheren und weiteren Umgebung. Mit Stolz und Freude hört der Einheimische die Ausrufe des Entzückens der Fremden über dieses schöne, bislang so unbekannte Fleckchen Erde inmitten des Sachsenlandes. Die Bürgerschaft ist aber auch bestrebt gewesen, das Geschenk der Natur, den hochaufragenden Berg mit der herrlichen Aussicht auf das sich terassenförmig bis zu seinen Hochgipfeln auftürmende Erzgebirge zu verschönern und zu erschließen. Junger Laubwald rauscht auf den ehedem kahlen Feldern. Auf Sportplätzen tummelt sich die Jugend. In der großen Turnhalle und auf dem benachbarten Turnplatze übt die straffe Schar gestählter Turner. Unterkunftshalle, Kinderspielplatz, Luft- und Sonnenbäder des Naturheilvereins, umgeben von einem lieblichen Kranze blumenreicher Schrebergärtchen, laden zum Besuche ein. In den Schluchten ehemaliger Steinbrüche sind reizende Ruheplätzchen im lauschigen Grün vorhanden. Am Fuße der einen Felsenwand, in wundervoller Naturszenerie, finden durch eine treffliche Truppe die Vorstellungen des Naturtheaters statt. Für den Winter stellen Sporthaus und Rodelbahn andere Genüsse in Aussicht. Am Steilabsturz des Berges ragt das gut bewirtschaftete Berghotel, in dem erzgebirgische Volkssänger für Gemütlichkeit sorgen. Fürwahr, der Fremde tut wohl daran, nach arbeitsreicher Woche aus den Industrieorten nach jenen vom frischen Bergwind umwehten Höhen zu pilgern, auf denen durch das am 10. und 11. August stattfindende Bergfest im Stile von 1813 noch ein Ertraggenuss geboten werden soll.
 


4. Juni 1913
Ein schweres Unglück trug sich gestern nachmittag gegen ¾ 4 Uhr in der westlichen Könicg-Albert-Straße*1 zu. An der Ecke der Schiller- und Bismarckstraße*2 scheuten  vor dem Lastauto des Appreteurs Wurst aus Schönau, da die Plane des Gefährts im Winde flatterte, die noch jungen Pferde des Mehlhändlers Bruno Eisenschmidt aus Altstadt Waldenburg und rasten mit dem leeren Wagen die Schillerstraße hinab. Der Geschirrführer Oswin Winter aus Waldenburg, der als ein sehr zuverlässiger Mann geschildert wird, saß in der Schloßzelle, er vermochte jedoch trotz aller Anstrengungen nicht, die Pferde zu halten. Es gelang ihm aber, das Gefährt in die König-Albert-Straße zu lenken. Dabei schlug der Wagen an den Gaslaternenpfahl, kam auf den gegenüber dem Amtsgericht hinzuführenden Fußweg, drückte das niedrige Eisengeländer auf eine kurze Strecke ab und entwurzelte einen Akazienbaum. Hierbei stürzte das Sattelpferd und der Kutscher wurde durch den Anprall vom Wagen geworfen. Das Pferd erhob sich im nächsten Augenblick wieder und beide Tiere rasten nun weiter, den Kutscher, der die Zügel krampfhaft festhielt, mit sich schleifend. Dabei kam Winter unter den Wagen und zunächst ging ihm das linke Vorderrad über das Gesäß; nun vermochte er die Zügel aber nicht mehr zu halten und er wurde vom linken Hinterrad in gleicher Weise überfahren. Trotz seiner Schmerzen lief der Verletzte seinem Geschirr nach, das endlich an der Einmündung der Bismarckstraße*2 gegenüber dem Selbmannschen Hause zum stehen kam. Hier stieß die Deichsel des Mehlwagens gegen einen starken Straßenbaum, durch den kräftigen Anprall erhielt der Wagen eine plötzliche Wendung, die Deichsel brach mitten durch und deren Stumpf traf das Sattelpferd in den Leib. Die Verletzungen des Pferdes waren schrecklich anzusehen. Am oberen rechten Vorderbein, nahe beim Brustbein, war der Oberschenkelmuskel zerbissen, der in einer Länge von 30 Zentimetern herabhing; ebenso ward dem Pferde die rechte Seite des Brustbeins zersplittert, so daß nach Auslage des Herrn Tierarzt Lauschke, der sofort herbeigeholt worden, eine Wiederherstellung des Tieres ausgeschlossen war. Im Einverständnis mit dem sofort telephonisch benachrichtigten Besitzer, wurde das Tier, das sich nicht legen konnte, an Ort und Stelle durch Herrn Roßschlächter Herold aus Oberlungwitz getötet. Dem Kutscher ward sofort ärztliche Behandlung zuteil und er fand Aufnahme im hiesigen städtischen Krankenhause; seine Verletzungen sind glücklicherweise nicht lebensgefährlich. Dem Besitzer des Geschirrs erwächst erheblicher Schaden, da das Pferd nicht versichert war. Dem Lastauto ist nachgewiesenermaßen keine Schuld beizumessen, da es vorschriftsmäßig langsam auf der rechten Straßenseite fuhr.

5. Juni 1913
Am 1. Juni feierte die Photographische Kunstanstalt von Fr. Lasch, Inhaber Hugo Lasch, ihr 50jähriges Geschäftsjubiläum. Viele Glückwünsche und herrliche Blumenspenden wurden dem Geschäftsinhaber zuteil. Am Montag nachmittag  stellten sich viele Kollegen aus nah und fern, von der Sektion Chemnitz des Sächsischen Photographen-Bundes, ein, um ein prachtvolles Geschenk zu überreichen. Ein recht gemütliches Gartenfest, sowie ein sich daran anschließendes Festessen im Hotel „Gewerbehaus“ beschloß die schöne Feier.

8. Juni 1913
Seit einigen Tagen befindet sich auf der Goldbachstraße die schwere Dampfstraßenwalze, um die Straße, die stellenweise sehr defekt ist, herzurichten. Es wird hauptsächlich der mittlere und der nach Oberlungwitz zu gelegene Straßenteil gewalzt. Andere Stellen, so an der Eisenbahnbrücke und am Fuchsschen Grundstück, wurden blos zum Teil mit Steinen und Sand beschottert und gewalzt. Leider wird der Straßenteil zwischen Schiller- und Moltkestraße*3, der sich bekanntlich in sehr schlechtem Zustand befindet und der bei regnerischem Wetter nur mit Mühe zu begehen ist, dieses Mal nicht mit berücksichtigt. Wie wir erfahren, soll dieser Straßenteil erst nächstes Jahr ausgebessert werden.

Eine sehr praktische Erfindung, einen Wicklungsapparat für mechanische Webstühle, hat ein in der Neustadt wohnender Fabrikweber, Herr Richard Sonnekalb jun., gemacht. Die Erfindung, die bereits zum Patent angemeldet ist, hat den Vorteil, daß bei verschiedenen Breiten der Webwaren kein Garn- resp. Kettenverlust eintritt. Es wickeln sich die übrig gebliebenen Fäden bei schmalen Waren selbstständig wieder ab. Die Einrichtung ist leicht an jedem Webstuhl anzubringen und nicht hoch im Preise. In Bewegung gesetzt wird, der Wicklungsapparat durch die Jacquardmaschine.

10. Juni 1913
Seit einigen Tagen sind die 16 resp. 17 Jahre alten Arbeiter Meyer aus der Altstadt und Hofmann aus der Neustadt spurlos verschwunden. Da sie seit der Zeit fehlen, wo der holländische Zirkus von hier fort machte, vermutet man, daß sie demselben nachgelaufen sind. Bis Sonnabend abend waren die Angehörigen der Verschwundenen noch ohne Kenntnis über ihren Verbleib.

13. Juni 1913
Wenn man an festlichen Tagen wie Königs und Kaiser Geburtstag die Straßen durchwandert, so freut sich jeder Patriot an dem zahlreichen Flaggenschmuck. Aber beim genauen Hinsehen findet man darunter Flaggen in der Anordnung „Grün-weiß“. Dies soll nun wohl die Flagge des Königreiches Sachsen darstellen, ist es aber nicht. Die Landesfarben des Königreiches Sachsen sind weiß-grün, während grün-weiß die Farben der sächsischen Herzogtümer sind. Auch „Rot-weiß-schwarz“, anstatt des richtigen deutschen „Schwarz-weiß-rot“ findet man öfter. Dies alles ist ein Zeichen, wie wenig Verständnis viele für die Bedeutung der Flaggen und des Flaggenschmuckes haben. Da doch sicher zum Kaiserjubiläum auch die Häuser unsrer Stadt wieder Flaggenschmuck tragen, erscheint es notwendig, auf den Gebrauch richtiger Flaggen hinzuweisen. Hierzu sei bemerkt, daß die Farben der Flaggen von oben nach unten zu lesen sind, am Flaggenstock muß also das Weiß in den sächsischen Landesfarben und das Schwarz in den Reichsfarben oben sein.

20. Juni 1913
Dumme werden gesucht von einer Handelsfrau, die Parfüms und Seifen feilhält und gleichzeitig ihre Kundinnen veranlaßt, sich von ihr aus der Hand wahrsagen zu lassen. Für ihre betrügerischen Handlungen sucht sie sich namentlich Lokale mit Damenbedienung auf. Die Zukunft will sie dadurch voraussagen, daß sie sich einige größere Geldstücke in die Hand legen läßt, dann ein Tuch darüber breitet und die „Messe liest“. Nach solchem Hokuspokus bringt sie irgendeinen Schwindel über die Zukunft vor und verlangt, damit der Zauber besser wirke, das in der Hand befindliche Geld; kann sie nicht alles erhalten, ist sie auch mit dem einen oder anderen Geldstück zufrieden. In einigen Fällen ist der Frau dieser Schwindel auch schon geglückt; die „weise Frau“, die natürlich nur auf Betrug ausgeht, ist 45 bis 50 Jahre alt, 1,50 Meter groß, hat blatternarbiges Gesicht, trägt dunkles Kleid und schwarzen Koffer mit sich. Es sei dringend vor ihr gewarnt. Wird sie irgendwo bei ihrem betrügerischen Tun betroffen, so benachrichtige man sofort die Polizei.

25. Juni 1913
Das Berggasthaus „Zur Bismarckhöhe“ wird demnächst einen neuen Bewirtschafter erhalten. Herr Fickler hat das Pachtverhältnis gelöst und so wird, wie wir hören, am 1. Juli Herr Kabisch aus Leipzig als neuer Pächter seinen Einzug halten in der so gern besuchten Gaststätte auf luftiger Höhe.

28. Juni 1913
Der gestrige 27. Juni war für unsere Stadt wieder ein trüber Gedenktag, vollendeten sich doch zu diesem Zeitpunkte 25 Jahre, daß am damaligen Ende der Dresdner Straße, da wo die Limbacher*4 und Karl-Straße zusammentreffen, ein Schadenfeuer ausbrach. Am 27. Juni 1888 abends nach 11 Uhr entstand, vermutlich durch Brandlegung, in der Schülerschen Scheune Feuer, das schnell auf das Fleischermeister Bachmannsche Haus übergriff und es vollständig einäscherte. Im letzteren Hause wohnten sechs Familien mit gegen 30 Personen, die einen großen Teil ihrer Habe verloren. Die nahe gelegene Schönländsche Scheune mußte, um ein Weiterverbreiten des Feuers verhindern, niedergerissen werden. Auf den ehemaligen Brandplätzen steht jetzt das Goldschmidtsche und Aschsche Besitztum.
 


1. Mai 1913
Die goldene Hochzeit zu feiern ist nächsten Sonnabend dem Schneidermeister Steinschem Ehepaare in der Weinkellerstraße beschieden. Körperliche und geistige Frische ist dem Jubelpaar als bestes Gut bis heute beschert gewesen. Wir gestatten uns, dem würdigen Paare, das ein reicher Kranz von Nachkommen umgibt, die besten Wünsche für einen gesunden und heiteren Lebensabend auszusprechen.

5. Mai 1913
Trotz aller Verbote der Behörden wie der Saalbesitzer suchen immer wieder Besucher der Tanzstätten – bezeichnenderweise meist halbwüchsige Burschen – eine gewisse Forsche an den Tag zu legen durch Vorführung des „Schiebetanzes“. So auch gestern ein 17jähriger Drahtbürstenmacher von hier. Obwohl er vom Wirt des „Logenhauses“ wiederholt aufgefordert worden, sich eines anständigen Tanzens zu befleißigen, „schob“ er weiter, bis sich ein Schutzmann ins Mittel legte. Erst nach langem Zögern bequemte er sich zur Namensnennung, so daß er zur Bestrafung angezeigt werden konnte. Das gleiche Schicksal widerfährt auch seiner holden Partnerin, einer hier wohnhaften 18jährigen Fabrikarbeiterin aus Oberlungwitz.

7. Mai 1913
Ein größerer Menschenauflauf entstand gestern nachmittag auf der Chemnitzer Straße.*1 Der Kohlenhändler Ernst aus der Neustadt fuhr mit seinem schwer beladenen Kohlenwagen an einen Mast der elektrischen Leitung, sodaß die Stränge rissen. Der Wagen war dermaßen eingeklemmt, daß er weder vor noch rückwärts ging. Mit Hilfe von hinzugekommenen Leuten mußte er dann nach der Seite gehoben werden. Es bedurfte jedoch längerer Zeit, ehe der schwere Wagen frei wurde. – Bei dieser Gelegenheit verunglückte auch das achtjährige Mädchen eines dort wohnenden Hausbesitzers. Das Kind fuhr mit einem Arm in das Haustürfenster, wobei die starke Glasscheibe in Stücke ging und die Splitter dem Mädchen den Unterarm zerschnitten. Man mußte sofort ärtzliche Hilfe in Anspruch nehmen.

14. Mai 1913
Am Seidelberg sind in der Nacht zum Pfingstsonntag von rohen Händen eine ganze Anzahl von Birkenbäumchen zum Teil umgebrochen, zum Teil ihrer Kronen beraubt worden. Es wird wohl nichts weiter übrig bleiben, als unsere Anlagen, sollen diese nicht allmählich ihrer Verwüstung entgegengehen, auch in der Nacht erhöhten polizeilichen Schutz angedeihen zu lassen.

Die Gartenhaus-Einbrecher geben keine Ruhe. In der letzten Nacht sind den Besitzungender Herren Musterzeichnereibesitzer Ebersbach und Bäckerobermeister Kreher unerwünschte Besuche abgestattet worden, doch soll den Spitzbuben nichts von Belang in die Hände gefallen sein- In diesen Fällen benutzten die Spitzbuben Radehacken, die sie jedenfalls vorher anderswo gestohlen haben, dazu, um sich Eingang in die Grundstücke zu verschaffen. Weiter ist auch in ein Gartenhäuschen des Herrn Barth an den Badteichen eingebrochen worden. Dort hat ein Dieb gegen 30 zu Dekorationszwecken an die Wände geheftete Ansichtskarten heruntergerissen, sich ein Feuer im Ofen bereitet und dann im Häuschen genächtigt. Die letzthin bei Herrn Haugk gestohlenen Sachen – u.a. eine alte graue Hose, eine braune Aermelweste, ferner zwei Radehacken – hat der Dieb, der sich jedenfalls schleunigst aus dem Staube machen mußte, im Bartheschen Häuschen liegen gelassen. Die Polizei hat die zurückgelassene Diebesbeute in Verwahrung genommen.

15 Mai 1913
Heute früh starb schnell und unerwartet eine in unserer Stadt und darüber hinaus bekannte geachtete Persönlichkeit, der pens. Postschaffner Friedrich Zapf im Alter von reichlich 80 Jahren. Zapf war viele Jahre für unseren Ort Berufsvormund, legte aber diesen Posten vor einiger Zeit altershalber nieder. König Friedrich August ehrte den nunmehr verstorbenen vor einigen Jahren durch Ueberreichung eines Ordens.

20. Mai 1913
Eine Aufsehen erregende Erfindung hat ein in der Neustadt wohnender Fabrikarbeiter namens Richard Sonnekalb an Flugmaschinen gemacht, die, falls sie sich bewähren sollte, in der Flugtechnik eine starke Umwälzung hervorrufen dürfte. Der junge Mann hat etwa 2 Jahre an dem Problem gearbeitet, das nun soweit gediehen ist, daß demnächst die Erfindung von der wissenschaftlichen Gesellschaft für Flugtechnik in Berlin geprüft werden wird. Die neue Verbesserung an der Flugmaschine soll den Vorteil haben, daß ein Umkippen sowie Abstürzen unmöglich ist, da die Tragflächen eine ganz andere Form erhalten. Beim Versagen des Motors kann dann die Maschine im Gleitfluge niedergehen ohne Gefahr zu laufen. Auch soll es möglich sein, bei starkem Wind zu starten. Ein Zwillingsmotor wird diese Flugmaschine zum Steigen bringen und sobald der eine Motor versagt, kann sofort der andere in Betrieb gesetzt werden. Die neue Erfindung soll auch noch den Vorteil haben, daß der bisher benötigte Anlauf beim Starten von 200 bis 300 Meter auf mindestens 50 Meter reduziert wird. Sonnekalb hat ein Modell hergestellt und somit längere eingehende Versuche von gutem Erfolg gemacht.

27. Mai 1913
Hilferufe ertönten in vergangener Nacht gegen 2 Uhr auf dem Schützenplatz und es wurde die Feuerwehrwache um Hilfe angegangen. Der Anlaß war aber mehr humoristischer Natur. In einem Schankzelt war ein 50jähriger angesäuselter Wirker und Kellner aus der Umgebung eingekehrt. Da er sich jedoch nicht aufführte, wie sichs gehörte, wurde er von einigen Gästen an die frische Luft gesetzt und zwar so unsanft, daß er an eine gegenüber liegende Bude flog, wodurch die in letzterer schlafenden Fieranten erwachten und, einen Einbrecher vermutend, um Hilfe schrien. Der Hinausgeworfene blutete stark am Hinterkopfe, ließ sich aber, trotz gütlichen Zuredens seitens eines Samariters, nicht verbinden.

28. Mai 1913
Kaum daß in unseren städtischen Parkanlagen die Ruhebänke wieder aufgestellt sind, so kann man doch schon vielfach wieder Klagen hören, daß die Bänke oft stundenlang, namentlich an Spätnachmittagen und abends von jungen Leuten, im besonderen Liebespärchen, besetzt sind. Gönnen wir auch den jungen Leuten ihr Vergnügen herzlich gern, so möchten wir doch darauf hinweisen, daß andere Personen, namentlich ältere Leute, auch ein recht haben, nach des Tages Last und Mühen sich ein Stündchen in unseren herrlichen Parkanlagen erholen und auf den Bänken ausruhen. Etwas mehr Rücksicht der jungen Leute gegen ältere Personen wäre daher sehr am Patze.

*1 Chemnitzer Straße = Pölitzstraße


2. April 1913
Ein aufregend-heiteres Wochenmarkterlebnis spielte sich gestern auf der Weinkellerstraße ab. Waren da zwei Marktbesucherinnen, die sich hier trafen, auf dem Plattenfußweg, der zuweilen auch für andere Passanten da sein soll, welch letztere aber in diesem Falle an dieser Stelle auf die Fahrbahn abbiegen und nach Passieren der schwierigen Stelle wieder auf den Fußweg weiter schritten, wir sagen, die zwei waren eifrig beschäftigt, über Saatenstand, Viehzucht und sonst noch mancherlei zu kosen und waren schließlich bei den lieben Nächsten „stecken geblieben“. Da gabs nun kein „Allewerden“, denn gar viel haben die jeweils auf dem Kerbholz und es war eine gar harte Aufgabe, das gesamte Material zu verarbeiten. Deshalb erbarmte sich ein einsichtiger Hausbesitzer, der es lange mit ansehen mußte und der auch Stühle im Ueberfluß besitzt, den Beiden einen Stuhl zu bringen. Darob allgemeines Gelächter und – Gezeter und nach kurzer Zeit eine Beendigung der schweren Arbeit.

3. April 1913
Die im westlichen Stadtteil, südlich der König-Albertstraße*, neu angelegte „Lutherstraße“ ist nun baulich soweit hergestellt, daß seit einigen Tagen die große Dampfwalze die letzten Arbeiten vollendet. Hoffentlich erstehen nun dort auf dem ehemaligen Dörfeltschen Grundstück bald Wohn- und Geschäftshäuser.

6. April 1913
Die Gruberhöhe, eins unserer schönsten Fleckchen in den Anlagen auf dem Berge ist von den Hinterbliebenen des Herrn Ehrenbürgers Karl Gruber in hochherziger Weise dem Erzgebirgsverein zum Geschenk gemacht worden. Damit ist der Verein Besitzer desjenigen Grundstückes geworden, auf dem durch seinen Mitbegründer und ersten langjährigen und verdienstvollen Vorsteher der erste Schritt zur Bepflanzung und Erschließung unserer Höhen getan worden ist. Muß sonach diese Anlage dem Verein besonders erinnerungsreich und teuer sein, so erscheint sie auch bestimmt, ein hervorragend schöner Zugang zu den Vereinsanpflanzungen und zum Stadtpark von Westen her zu werden. Die wunschgemäße und natürlich auch nur zu billigende Beibehaltung des Namens „Gruberhöhe“ wird das Andenken, wach halten an einen der treuesten Freunde unserer Einwohnerschaft, der den Grund dazu legte, in ihr die Freude an den heimatlichen Höhen und den Sinn für deren Erschließung zu erwecken, der da wußte, was dem in ihren Mauern emsig Tätigen zur Erholung nottut, der aber auch selbst Hand anlegte, einem großen Werke zum Erstehen zu verhelfen. Die Nachfolge in diesem Schaffen macht die Tätigkeit unseres Erzgebirgsvereins seit einer Reihe von Jahren aus. Binnen kurzem werden die ins Leben gerufenen Wäldchen im Frühlingsschmucke prangen und Einheimischen wie Fremden werden in Duft und Sonnenschein Stunden der Freude beschert sein. Möge dann der Anblick der Gruberhöhe an den Menschenfreund aus dem waldgrünen Thüringerwald gemahnen, aber auch den Wunsch rege machen, in seinem Sinne das Geschaffene schützen und erweitern zu helfen.

Gegenwärtig vollenden sich 150 Jahre, daß unsere Stadt stark unter dem siebenjährigem Krieg zu leiden hatte. Der Chronik Marburger berichtet darüber, daß Hohenstein in diesen Jahren viel Not und Drangsal ausgestanden hat, denn es stieg in den ersten Kriegsjahren (1756-1763) der Getreidepreis mit Gewalt. Alles Bewegliche kostete viel geld, nur die Grundstücke waren wegen der Abgaben und Lieferungen wohlfeil. Es mußte an die Armee nach Freiberg und verschiedenen anderen sächsischen Städten geliefert werden. Auch brachte man Betten für die Kranken und Blessierten. Hohenstein mußte 1763 zweimal 3000 Taler Kontribution zahlen, eine für die damalige Zeit ungewöhnlich hohe Summe. 1763 lag der Stab von einem sächsischen Dragonerregiments hier. Der Oberst hieß Stangen. Er lag im Eberhardtschen Hause und hatte 9 Livreebedienstete  bei sich. Ein Jahr zuvor war ein Scharmützel zwischen den kaiserlichen Husaren und preußischen Dragonern um unseren Markt und um die Stadt herum. Im Jahre 1760 standen 30000 Mann Reichsarmee auf der Höhe zwischen Bernsdorf und Lichtenstein und zwischen Lungwitz und Bernsdorf. Die Generalität lag in Hermsdorf.

Ein bedauerlicher Unglücksfall trug sich gestern nachmittag auf der König-Albertstraße zu. In einem dortigen Fleischereigrundstück spielten einige kleine Knaben, als einer derselben, das 5jährige Söhnchen eines dort wohnenden Bäckermeisters, an einem vor einen Wagen gespannten großen Hund heranging und von diesem angefallen ward. Das wütende Tier biß dem Kind ein Ohr ziemlich ab, so daß sofort ärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden mußte.

8. April 1913
Der morgige Dienstag ist für unsere Stadt ein Tag traurigen Gedenkens. An diesem Tage vollenden sich 50 Jahre, daß ein furchtbarer Brand ausbrach. In den ersten Morgenstunden des 8. April 1863ging im Hofe des Lohgerbers Uhlig auf der südlichen Seite der Dresdnerstraße ein Reisighaufen in Flammen auf. Das Feuer griff so schnell um sich, daß binnen kurzer Zeit 20 Häuser auf der Dresdner- und Weinkellerstraße nebst Hintergebäuden eingeäschert wurden. Dadurch wurden insgesamt 70 Familien mit 772 Personen obdachlos und verloren einen großen Teil ihrer Habe. Die Mildtätigkeit unserer Bevölkerung bewährte sich bei diesem Brandunglück aufs glänzende, denn die eingeleitete Sammlung für die Kalamitosen ergab einen Betrag von 3804 Taler 24 Groschen und 1 Pfg. Das Unglück war um so schwerer, da erst Hohenstein von zwei größeren Bränden heimgesucht worden war. Am 4. Mai 1862 früh nach 7 Uhr brach in einer Bodenkammer des Dähneschen Hauses Feuer aus, wodurch 5 Häuser mit Nebengebäuden, darunter die Lißner-Mühle, niederbrannte und am 25. Juli 1862 abends gegen 9 Uhr entstand im Stockschen Hintergebäude (jetzt Elster) Feuer, wodurch 13 Wohnhäuser an der Dresdnerstraße und der ehemaligen Neustadt mit einer Anzahl Hintergebäuden niederbrannte. Das Feuer hielt erst am Beckschen Garten an. Auch bei diesem Brand gingen 2576 Taler freiwillige Geschenke ein.

19. April 1913
Die neue Friedhofskapelle wie überhaupt die gesamte neue Friedhofsanlage der Trinitatisgemeinde bieten von unserem Berg aus einen malerischen Anblick. Entrückt dem lauten Getriebe des Alltags, auch für das schauende Auge seine Einzelheiten zeigend, sondern nur das Gefühl wohltuender Einordnung in das Gesamtbild des gegenüberliegenden sonnigstillen Höhenzuges erwecken, und noch nicht zu übersehen beim Bewundern der Gotteswelt, so ruft die Anlage herüber und hinauf ins reichflutende Leben. Mahnend, die Zeit zu nützen zu reinem Lebensgenuß, wird die Anlage auch manchen erinnern daran, daß man auch ihm „dort einmal singt“.

22. April 1913
Die denkwürdige Zeit vor 100 Jahren ging auch für die Bevölkerung unserer Stadt nicht spurlos vorüber. Namentlich der Monat April des Jahres 1813 brachte größere Truppendurchzüge. Am 2. April abends kamen die ersten preußischen Husaren nach unserer Stadt und zogen andern Tages nach Zwickau weiter. Dann folgten einzelne Trupps Russen. Am 5. April kamen 16 Kosaken hier an und gingen am 6. weiter. Ihnen folgten am 9. April eine Anzahl preußischer Soldaten mit Pulverwagen. Letztere gingen erst am 19. April weiter. Kaum hatten diese unsere Stadt verlassen, da trafen, an demselben Tage von Zwickau kommend 7000 Preußen ein und wurden in unserer Stadt verquartiert. Die Einwohnerschaft wurde dadurch stark belastet. Manche Häuser bekamen bis zu 24 Mann, einzelne sogar 36. Man atmete erleichtert auf, als die Preußen nach Penig weiter marschierten. Aber bereits am 21. April nachmittags trafen wieder eine große Menge Russen und Kosaken mit Geschützen ein. Anderen Tages kamen wieder russische Soldaten, dann war einige Tage Ruhe, bis am 29. April eine große Anzahl Russen, die erst hier durchmarschiert waren, wieder zurückkamen. Von den durchziehenden Franzosen mußten auch drei Mann krankheitshalber hier liegen bleiben. Sie starben und wurden im sogenannten Schinderholz unterhalb des alten Schießplatzes in der Nähe der jetzigen Lutherhöhe, begraben. Nach dem 29. April hörten die Truppendurchzüge zum Teil auf und begannen erst wieder in größerem Maße Mitte Juni 1813. Daß man die hier gestorbenen 3 Franzosen nicht auf dem damaligen Friedhof an der Dresdnerstraße beerdigte, sondern auf dem sogenannten „Schinderanger“, ist sehr bezeichnend und zeugt davon, daß man dem französischen Militär zu damaliger Zeit tiefen Groll und Haß entgegenbrachte, trotzdem dieselben blos Opfer der Verhältnisse und der napoleonschen Raubgier waren.
 


01. März 1913
Die elektrische Ueberlandbahn bietet für viel Bewohner des Gersdorf-Hohndorf-Oelsnitzer Kohlenreviers ein neues Verkehrsmittel. Da in vielen Orten dieses Ortes Reviers der Bergbau vorherrschend ist und andere Industriezweige mehr oder weniger fehlen, müssen viele Arbeiter und Arbeiterinnen auswandern, um im hiesigen, sowie im Chemnitzer und Limbacher Industriebezirk ihr Brot zu verdienen. So sind namentlich viele Hunderte von Arbeiterinnen aus dem oben erwähnten Revier im Limbacher Bezirk beschäftigt, wo sie die ganze Woche über weilen und nur am Sonnabend in ihre Heimat reisen und den weiten Weg teils zu Fuß, teils per Bahn zurücklegen. Da nun der Bahnverkehr über St. Egidien nach Lichtenstein-Rödlitz etwas beschwerlich ist, so fahren jetzt eine große Anzahl Arbeiterinnen nur bis zum Hohenstein-Ernstthaler Bahnhof und benutzen von hier ab die elektrische Bahn.

06. März 1913
Ein tragikomischer Vorfall spielte sich heute früh an der Ecke der Schulstraße und Zillplatz ab, wo bekanntlich ein Sammelplatz für allerhand große Hunde und kleine Köter ist, die schon wiederholt Passanten belästigten. Auch heute früh beim Morgengrauen spielten dort zwei große Hunde und der Zufall wollte es, daß gerade zwei junge Burschen vorübergingen. Plötzlich sprangen die Hunde den jungen Burschen zwischen die Beine und die so unverhofft Angegriffenen stürzten mit voller Wucht in den Straßenschmutz. Ehe sie wieder zur Besinnung kamen, waren die Uebeltäter außer Sehweite. Zum Glück hat der Sturz für beide – außer den beschmutzen Kleidern und dem beschädigten Frühstücksbrot, welches in weitem Bogen über den Platz flog – keine Folgen weiter gehabt.

Die Männerriege des Turnerbundes feierte am Montag abend unter zahlreicher Beteiligung im Hotel „Gewerbehaus“ ihr 10jähriges Bestehen. Bei dieser Gelegenheit konnten die Mitglieder William Neubert, Adolf Winter und Max Ebhardt ihr 25jähriges Turnerjubiläum feiern; den drei Jubilaren wurde im Auftrag der Riege je ein sinniges Geschenk überreicht. Der Vorsteher des „Turnerbundes“ Herr Bruno Hofmann ehrte sie außerdem durch eine Ansprache und ermahnte die jüngeren Turner zu gleicher Treue und Anhänglichkeit. Eine vorzügliche Bewirtung und ein Tänzchen verschönerten den Abend noch besonders.
 
11. März 1913
Eine in hiesiger Stadt und weit darüber hinaus bekannte Persönlichkeit, der pensionierte Postschaffner Herr Friedrich Zapf hat am heutigen Tage seinen 80. Geburtstag. Herr Zapf hat viele Jahre die Kinderfürsorge in unserer Stadt verwaltet, weshalb ihm am heutigen Tage von vielen Mündeln die herzlichsten Glückwünsche überbracht wurden.

Vergangene Nacht gegen 2 Uhr mußte der aus Dresden gebürtige Färbereiarbeiter Alfred Max Hammer, der in Wüstenbrand wohnt, zur Wache gebracht werden, da er und ein Kumpan ein Liebespaar durch die Straßen verfolgte, daß sich des Aufdringlichen nur dadurch erwehren konnte, daß es polizeiliche Hilfe anrief. Nachdem Hammers Personalien auf der Polizeiwache festgestellt worden und er entlassen war, verübte er auf der Weinkellerstraße Skandal, leistete allen polizeilichen Weisungen Widerstand und mußte wiederum in Haft genommen werden. Auf dem Transport zur Wache war er äußerst widerspenstig und ließ sich grobe Beleidigungen des Schutzmannes zuschulden kommen.

13. März 1913
In nicht geringe Verlegenheit geriet dieser Tage ein auf der unteren Schulstraße, gegenüber der Heilmannschen Brauerei wohnender älterer Webermeister. Er war in seiner nach dem Garten zu gelegenen Wohnung mit einer Webarbeit beschäftigt, als an ihm vorüber eine Gewehrkugel durch das Fenster pfiff und in die Wand einschlug. Wäre der Mann nur einen Schritt weiter nach rechts getreten, so hätte die Kugel schwere Folgen anrichten können. Leider konnte der leichtsinnige Schütze noch nicht ermittelt werden. Ohne Zweifel hat derselbe nach Sperlingen geschossen, denn im Hofe lag ein solcher angeschossener Vogel.

14. März 1913
Einen dreisten Taschendiebstahl führte gestern ein junger Mensch von hier an einem jungen Mädchen aus, mit dem er durch die Straßen ging. Im Gespräch zog er den Mädchen unauffällig das Portemonnaie, indem sich 7 Mk. befanden, aus der Jackettasche. Der Bursche konnte bald festgenommen werden und gestand nach längerem Leugnen den Diebstahl. Jetzt sitzt er hinter „schwedischen Gardinen“.

Der Mitinhaber der hiesigen Färbereifirma Eduard Beckert, Herr Otto Beckert, hat vor einiger Zeit von Herrn Baumeister Richter im Goldbachgrunde, neben dem sogenannten Marktsteig, ein größeres Grundstück käuflich erworben, um dort eine größere Färbereianlage errichten zu lassen. Der bau wurde Herrn Richter übertragen und man hat bereits mit den Erdarbeiten hierzu begonnen. Die Anlage soll bis Ende Juli fertiggestellt sein. Der Bau eines Wohnhauses soll erst später stattfinden.

16. März 1913
Lang ist es her, daß die Esse des Lampertusschacht das letzte Mal geraucht hat – heute hatte nun ihr letztes Stündlein geschlagen. Unter Leitung des Herrn Höppner aus Lugau, der einen großen Teil der Schachtanlage zum Abbruch erworben hat, wurde die einige 20 Meter hohe achteckige Esse heute mittag umgelegt. Man hatte den Fuß der Esse ausgehöhlt, dann mit hölzernen Streben gestützt, Holz darum geschichtet, dieses mit Petroleum getränkt und dann angezündet. Das Schauspiel hatte eine große Menge angelockt, die trotz des schlechten Wetters geduldig ausharrte, denn ¾ Stunde dauerte es, bis das Feuer seine Wirkung getan und die Sterben verzehrt hatte. Etwa 1 Meter über der Essensohle bildete sich nach einiger Zeit ein Riß, der sich bald mehr und mehr erweiterte, und kurz nach ¾ 2 Uhr senkte sich die Esse langsam zur Seite, um sich in ihrer ganzen Länge in der vorher genau berechneten Richtung umzulegen- Eine mächtige Staubwolke, ein großer Trümmerhaufen, einige auf die Straße geprellt Mauersteine zeugten von der Vernichtung eines Teils des ehemaligen Wahrzeichens unserer Stadt. Der Vorgang vollzog sich ohne jede Störung und ohne jedweden Zwischenfall. Von zahlreichen Photographen wurde der Vorgang auf die Platte gebannt.

Seit einiger Zeit werden Passanten beunruhigt durch einen offenbar unzurechnungsfähigen Mann, der sein Unwesen hauptsächlich in der Gegend zwischen dem „Logenhaus“ und der Aue treibt. Er belästigt hauptsächlich Frauen und Kinder in der schamlosesten Art und scheut auch vor Angriffen auf Männer nicht zurück. Gendarmerie und Polizei sind eifrig auf der Suche nach dem Uebeltäter, haben aber bis jetzt noch nichts feststellen können, da die Angaben der Belästigten über die Erscheinung des Mannes zu unvollständig sind. Als einziges übereinstimmendes Kennzeichen wird angegeben, daß der Mann einen Ueberzieher, darunter eine Hose und über dieser ein Hemd trägt und mit einem heruntergeschlagenen weichen Hut bedeckt ist.

27. März 1913
Pech hatte heute früh ein Gartenbesitzer im Hüttengrund, der mittelst Wagen auf welchem er zwei Schweine hatte, nach der Talstraße fahren wollte. Eines der Borstentiere hatte Freiheitsdrang, sprang vom Wagen und nahm Reißaus, doch wurde es vom Besitzer nach kurzer Jagd wieder eingefangen. Durch das Gequieke wurde aber plötzlich das Pferd unruhig und scheute, bis es auf der Talstraße durch Zurufe stehen blieb. Mit Hilfe eines hinzugekommenen Familienangehörigen konnte dann das mittlerweile wieder entlaufene Schwein nochmals eingefangen und die unterbrochene Fahrt fortgesetzt werden.

*1 Bismarckstraße = heute Friedrich-Engels-Straße
*2 Moltekstraße = heute Immanuel-Kant-Straße


7. Februar 1913
Gestern wurde durch die Stadt an der Stra0e am Bahnhofe zwischen dem Preußlerschen Grundstück und dem Hotel „Schweizerhaus“ eine größere Gaslaterne aufgestellt, die mit einer 600kerzigen Niederdrucklampe versehen wurde. Die Lampe verbreitet ein intensives Licht, was im Interesse des regen Verkehrs, der besonders in den Abendstunden am Bahnhofe herrscht, nur zu begrüßen ist.

Man sollte es nicht für möglich halten, was alles gestohlen wird – den Spitzbuben ist doch nichts mehr heilig! Am Sonnabend abend verbreitete die in etwa vier Meter Höhe vor dem Hohenstein-Ernstthaler Warenhause am Teichplatz angebrachte große Osramlampe noch weithin leuchtende Helligkeit und am Montag morgen „glänzte sie durch Abwesenheit“! Ein Dieb, über dessen Persönlichkeit man bisher noch nichts weiß, hat sie herausgeschraubt und mitgenommen, um sie jedenfalls irgendwo zu Gelde zu machen. Zu diesem raffinierten Diebstahl hat er sich einer Leiter bedient, wobei er die Firmentafel aus Glas zerbrach. Die Lampe hatte einen Wert von 30 Mark. Es ist fast nicht gut möglich, daß der Diebstahl so ganz unbemerkt vor sich gehen konnte; es werden alle, die irgendwelche Wahrnehmungen gemacht haben, gebeten, diese der Geschäftsleitung des Warenhauses oder der Polizei mitzuteilen.

9. Februar 1913
Ein bedauerlicher Unglücksfall trug sich am Freitag nachmittag gegen 5 Uhr in der Neustadt zu. Der dort beschäftigte, auf der Oststraße wohnende 28 Jahre alte verheiratete Arbeiter Herrmann Goldschadt, genannt Wolf, hantierte an einem in der Höhe angebrachten Wasserbassin, um das Ventil etwas aufzudrehen. Dabei kam er der Transmission zu nahe, wurde an den Kleidern erfaßt und mehrere Male herumgeschleudert, wobei er an die Wand schlug. Im ersten Augenblick war der Unglücksfall infolge des starken Wasserdampfes, der im Arbeitsraum entstand, nicht bemerkt worden, sodaß man erst beim Aufschlagen des Körpers darauf aufmerksam wurde und die Transmission abstellte. Einige Arbeiter mußten dann den fast leblosen Körper aus der Höhe herunter holen. Der sofort erschienene Arzt Herr Dr. Lange stellte schwere Verletzungen bei Goldschadt fest, so u.a. eine Gehirnerschütterung. Man brachte den Bedauernswerten noch in den zeitigen Abendstunden ins Zwickauer Kreiskrankenstift. Sein Zustand ist besorgniserregend.

11. Februar 1913
Eine kleine Bierreise unternahm am Sonnabend abend ein 18jähriger junger Mann aus Oberlungwitz durch hiesige Stadt. Er fand vielen Gefallen an der tschechischen Sprache und bediente sich derselben in einem hiesigen Restaurant, fand aber bei dem Wirt und den anderen anwesenden Gästen nicht viel Gegenliebe. Da er schließlich noch in flegelhafter Weise auftrat, beförderte man ihn an die frische Luft. Später drohte er, mit einem in der Hand gehaltenen Messer die Leute niederzustechen, und trieb den Radau noch vor dem Restaurant weiter. Kurze Zeit darauf geriet er in der mittleren Stadt mit einigen jungen Männern zusammen, die ihm eine Tracht  Prügel verabreichen. Danach besaß er noch die Frechheit, auf der Altstädter Wache Anzeige zu erstatten. Dort wurde aber der Spieß ungedreht und sein Verhalten kam zur Kenntnis, sodaß er zur Anzeige gelangte.

12. Februar 1913
Mit welcher Dreistigkeit oft Kinder vorgehen, zeigt ein gestern hier vorgekommener Fall. Von einem in der mittleren Stadt stehenden Automobil, das für kurze Zeit unbeaufsichtigt dastand, stahlen die Knaben die Signalhupe. Nach längerem Bemühen gelang es dem Führer des Kraftwagens, das gestohlene Gut wieder zu erhalten.

Seitens verschiedener Bewohner des Hüttengrundes ist es beabsichtigt, für industrielle und gewerbliche Zwecke elektrische Kraft dort einzuführen; man hat auch bereits Schritte hierzu mit dem Elektrizitätswerk Oberlungwitz angebahnt.

13. Februar 1913
Die Stadtverordneten beschlossen gestern u.a. eine Stundenvermehrung an der Web- und Wirkschule, den teilweisen Abbruch der Berggebäude von Lampertus und die Instandsetzung des Huthauses zu Wohnzwecken.

An die Einwohnerschaft unserer Stadt ergeht die Bitte – siehe amtlichen Teil -, die gelegentlich der Eröffnung der elektrischen Ueberlandbahn von den Festteilnehmern berührten Straßen durch Beflaggung der Häuser zu schmücken.

18. Februar 1913
Die festliche Weihe der elektrischen Straßenbahn Hohenstein-Ernstthal-Gersdorf-Lugau-Oelsnitz i.E.
Verraucht sind die festlichen Stunden, die am Sonnabend der Weihe unseres neuen, vom Geiste der Zeit getragenen Verkehrsmittels galten, verklungen Wort und Sang, mit denen die neue Verbindung zwischen unserer Stadt und den südlichen Nachbargemeinden begrüßt wurde, und der getreue Chronist hat heute nur noch als Ergebnis des Tages zu buchen, daß von unserer Gegend seit langem kaum ein stimmungsvolleres, von der Anteilnahme Tausender froher Menschen getragenes und ohne jeden Mißton und Unfall verlaufenes Fest gefeiert worden ist, als eben die sonnabendliche Weihe der Straßenbahn. Von ihrer Notwendigkeit mußte jeder überzeugt werden, wenn er sah, wie herzlich die Eröffnungsfahrt von allen Bewohnern der berührten Orte begrüßt wurde, aus wie freudigem Herzen die Huldigungen kamen, die den ersten Wagen entgegen gebracht wurden, wenn er aus dem Munde von jung und alt vernahm, wie froh man allerorten sei, daß endlich die vielberufene Bahn eine Verbindung vermitteln würde, die, seit Jahrzehnten als Notwendigkeit empfunden, doch Jahre brauchte, ehe sie zur Verwirklichung gebracht werden konnte. Vom heutigen Montag ab verkehren die neuen, prächtigen und, was für die Jetztzeit besonders zu bemerken ist, gut erwärmten Wagen nach einem Fahrplan, der vorläufig wenigstens dem Bedürfnis voll entsprechen dürfte. Niemand wird mehr über schlechte oder gar mangelnde Verbindung klagen können, und das Scherflein, das jedem für die Beförderung abverlangt wird, ist so gering, das es auch ein Armer erschwingen kann. Die Furcht vor Finsternis und Schmutz ist geschwunden; im tageshell erleuchteten Wagen merkt man nichts von dem, was man sonst als übel empfinden würde; die alten Omnibusse werden verkauft und die wackeren Rosse, die treu ihre Aufgabe erfüllten, verkautioniert… Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit und neues Leben blüht aus den Ruinen!

27. Februar 1913
Ein schwerer Unfall, der eigenem Verschulden zugeschrieben werden muß, trug sich gestern gegen Abend in den Steinbrüchen unterhalb der Schrebergärten zu. Der 12jährige Knabe F., auf dem Neumarkte wohnhaft, vergnügte sich mit mehreren Altersgenossen an genannter Stelle damit, an den Wänden und steilen steinigen Hängen zu klettern und zu tollen. Dabei stürzte er ab und zog sich außer ziemlich umfangreichen Kopfverletzungen einen Bruch der beiden linken Unterarmknochen zu. Ein Samariter leistete die erste Hilfe und brachte den Verletzten zum Arzt, der sofort einen Verband anlegen konnte. Ob innere Verletzungen vorhanden waren, konnte augenblicklich nicht festgestellt werden. So betrübend dergleichen Fälle an sich sind, so ist doch nicht zu unterlassen, das Beginnen der Jungen in unseren Anlagen aufs schärfste zu tadeln. Fast ist man versucht zu sagen: „Wer nicht hören will, muß fühlen“.
 


03. Januar 1913
Die Neujahrsglockentöne sind verklungen, das „Prosit Neujahr“-Rufen ist verhallt, das Glückwünschen vorüber – wenn nur der zehnte Teil von all dem einträfe, was jedem zum Jahreswechsel an guten und herzlichen Wünschen zum Ausdruck gebracht worden ist, es würde im Jahre 1913 mit ihm sehr gut bestellt sein. Und Glück, das einem von so vielen Seiten gewünscht ward, kann man wahrhaftig immer gebrauchen, mancher glaubt, gar nicht genug davon zu bekommen zu können… Der Übergang vom alten ins neue Jahr ward auch in unserer Stadt nach althergebrachter Art verbracht. Wer noch an alten Volksbräuchen hängt, goß Blei und glaubte dabei an eine besondere Wunderkraft des Silvestertages, andere vergnügten sich im trauten Familienkreise beim dampfenden Punsch, zu dem der Stollen so gut schmeckt, wieder andere empfingen das neue Jahr mit Kling und Klang und Sing und Sang. Als nun von den Kirchtürmen herab das große Klingen anhob, begann allenthalben die mitternächtige Gratulationstour, mehr oder weniger laut erschollen die gegenseitigen Beglückwünschungen auf der Straße und in den Häusern, deren Fenster hell erleuchtet waren und aus denen so mancher dem lebhaften Straßentreiben zusah. Auf dem Altmarkte leitete der Posaunenchor des Jünglingsvereins das neue Jahr mit musikalischen Klängen ein, auf dem Neumarkte gab der „Sängerverein“ dem alten Jahre einen harmonischen Abschied. Beide Veranstaltungen hatten viele Zuhörer angelockt, unter denen sogar die Kleinsten nicht fehlten. Nachdem dann der Glocken letzte Töne verhallt, leerten sich die Plätze und die Silvesterfeiernden suchten die heimischen Stätten auf oder begaben sich in die benachbarten Restaurationen, wo die Feier ihre Fortsetzung fand.

5. Januar 1913
Heute Vormittag in der 10. Stunde fand die erste offizielle Probefahrt auf der elektrischen Straßenbahn von hier nach Gersdorf und Oelsnitz i.E. statt. Der Wagen Nr. 5 war ausersehen, zum erstenmale einen Teil der Strecke zu befahren, um zunächst festzustellen, ob Ober- wie Unterbau den Anforderungen des Betriebes entsprechen. Die Fahrt begann an der Ecke des Beckschen Sägewerks und ging bis zum Gasthof zur „Sonne“ in Gersdorf, da weiterhin noch eine Reihe von Vorarbeiten nötig sind, um die Strecke in vollem Maße betriebsfähig zu machen. An der Fahrt nahmen lediglich die Herren vom Betriebe teil, denen sich Vertreter der Direktion der Bahnbau- und Betriebsgesellschaft in Frankfurt a. M. und der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellchaft in Berlin angeschlossen hatten. An die Ausgestaltung der Bahn wird nunmehr in beschleunigter Weise die letzte Hand gelegt werden sodaß die Leitung der Bahn hofft, dieselbe in ihrem vollen Umfang am 1. Februar d.J. dem Verkehr übergeben zu können.- Anläßlich der heutigen Probefahrt sei auf eine Begebenheit hingewiesen, die daran erinnert, daß man sich schon vor einer Reihe von Jahren in unseren Städten Hohenstein und Ernstthal mit dem Gedanken einer elektrischen Bahn nach dem Lugau-Oelsnitzetr Kohlenrevier befaßte. Es war zum Kommers, der aus Anlaß der stattgefundenen Vereinigung der Städte Hohenstein und Ernstthal am 1. Januar 1898 nachmittags im Schützenhaussaale zu Ernstthal stattfand, zu welchem Vertreter der vereinigten Städte, sowie der staatlichen Behörden zugegen waren. U.a. wurden dabei auch Ansprachen gehalten von so manchen Stadtvertreter und Bürger, die schon lange nicht mehr unter den Lebenden weilen. Auch der jetzt noch lebende Neustädter Mitbürger Herr Buchhändler Eduard Just brachte unter allgemeinen Beifall eine Zukunfts-Chronik von 1898 bis 1998, die verschiedenes Interessante für unsere Stadt Hohenstein-Er. enthielt, zum Vortrag. Sie enthielt u.a. folgende Prophezeiung: „1904, 5. Mai: Heute wurde die elektrischen Bahn Hohenstein-Er.-Gersdorf-Lugau-Oelsnitz auf feierliche Weise eröffnet. Nachdem vor zwei Jahren die Strecke Bahnhof Hohenstein-Er.-Roter Hirsch-Kasino Oberlungwitz-Bahnhof Wüstenbrand dem verkehr übergeben und selbe sehr gut rentiert, glaubt man auch, daß die neue Bahn sehr gute Erträgnisse geben wird.“ Hat sich auch die Prophezeiung des Herrn Just etwas später und nur zum Teil erfüllt, so sieht man doch, daß Herr Just seinerzeit ein guter Prophet war und sein damals gut gelungener Scherz sich doch noch in die Tatsache umgewandelt hat.

8. Januar 1913
Ein Zeuge aus der Gründungszeit der Stadt Hohenstein, der Lampertusschacht, ist nunmehr in den Besitz unserer Stadt übergegangen, und zwar erstand ihn die Stadt gelegentlich der Zwangsversteigerung, die dieser Tage vor dem hiesigen Kgl. Amtsgericht stattfand, für den Preis von 200,95 Mk. Die in Verfall geratenen Schachtanlagen und Stolleneingänge haben unsere Stadt schon mehrfach Ausgaben verursacht, da sie einen Teil des Leitungswassers aus dem Lampertusschacht bezieht.

15. Januar 1913
Durch einen Betrüger geschädigt wurde der Inhaber einer Waschanstalt in der Lungwitzer Straße. Ein junger Mann verlangte dort einen angeblich einem hiesigen Geschäftsmann gehörigen gereinigten Anzug, der ihm seitens der Tochter des Wäschereibesitzers auch ausgehändigt wurde. Später stellte sich der Irrtum des Mädchens heraus, von dem Schwindler hat man aber nichts wieder gesehen.

Eine Flegelei sondergleichen ist gestern abend zwischen 9 und 12 Uhr in der Bismarckstraße in der Nähe des Krankenhauses verübt worden. An einem Wohnhause wurde die Türklinke mit Kot beschmutzt. Es handelt sich höchstwahrscheinlich um einen Racheakt. Der Geschädigte ist gewillt, demjenigen, der den Täter zu bezeichnen vermag, eine Belohnung zuzubilligen.

12. Januar 1913
Ein herber Verlust hat das hiesige Stadtmuseum betroffen. Ein von Gemeinsinn und Opferwilligkeit beseelter, für den Plan eines Stadtmuseums begeisterter Mitbürger hatte ein vollständiges und besonders schönes Zinnservice zur Ausstellung leihweise überlassen, das nun nach seinem Tode den Erben zurückgegeben werden mußte. Sollten sich unter den zahlreichen Zinnsammlern unserer Stadt nicht einige finden, die aus ihren Beständen das eine oder andere Stück leihweise dem Museum zu überlassen geneigt wären. Dadurch käme dieses in die Lage, seinen Besuchern den ehemaligen Gebrauch von Zinngeschirr wieder vorzuführen. Da eine Aufhäufung derartiger Erzeugnisse einer vergangenen Zeit überhaupt nicht im Plane eines Museums liegen kann, das die Liebe und Wertschätzung für das gute und schöne Alte wecken und erhalten will, so müßte es eigentlich möglich sein, die wenigen Stücke, die der Tod eines treuen Freundes und Gönners entführte, auf obige Weise zu ersetzen. Ein Ankauf kann für das Museum bei dessen geringen Mitteln und den hohen Preisen des Zinngeschirr leider nicht in Frage kommen.

22. Januar 1913
In der letzten Zeit geht die hiesige Stadtbehörde mit Recht scharf dem sogenannten Wackel- und Schiebetanz zu Leibe. Am letzten Sonntag mußten seitens der Schutzmannschaft verschiedene Tänzer und Tänzerinnen, diesen Tanz ausübten, auf das Ungesetzliche ihrer Handlungsweise aufmerksam gemacht und ihnen das Tanzen in der oben erwähnten Weise verboten werden. Bei dieser Gelegenheit ist der Hinweis darauf angebracht, daß derartige Uebeltäter, wenn sie das Verbot nicht beherzigen, strenge Bestrafung und schwere Folgen zu gewärtigen haben.