Historische Meldungen aus dem Jahr 1914

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6. Dezember 1914
Das im Grundbuche für Oberlungwitz auf den Namen des Banddirektors Christian Friedrich Lorenz in Blasewitz (der sich bekanntlich in Untersuchungshaft befindet) eingetragene Grundstück in der Nähe des Mineralbades Hohenstein ist heute im Wege der Zwangsversteigerung für den Preis von 960 Mk. von unserer Stadtgemeinde erworben worden. Das Grundstück, das zumteil eingezäunt und bepflanzt ist, war auf 1350 Mk. geschätzt und diente Herrn Krankenkassierer Koch als Sommersitz.

9. Dezember 1914
Die sogenannte Türmchenscheune, die durch ein Sommergewitter beschädigt worden war, ist wieder vollständig hergerichtet worden. Wenigstens auf absehbare Zeit ist also Sorge getragen, daß unser Stadtbild, dem die Türmchenscheune das Gepräge mit gab, erhalten bleibt. Es ist mit großem Dank zu begrüßen, daß auch in Hausbesitzerkereisen dem Sinn für alte Bauten, für Erhaltung von Baudenkmälern u.ä. Rechnung getragen wird. Dadurch kann am ehesten erreicht werden, daß nicht alles, was uns an alte Zeiten erinnert, vom Tun unserer Väter berichtet, dem gleichermaßen den Zahn der Zeit zum Opfer fällt.

10. Dezember 1914
Unsere Stadtverordneten genehmigten gestern das Gesuch des Herrn Bürgermeisters Dr. Patz um zeitweilige Enthebung von seinem Amte zum Zwecke des freiwilligen Eintritts in den Heeresdienst. Der Rat hatte das bereits wiederholt eingereichte Gesuch bisher stets abgelehnt, sich jetzt aber doch nicht der Ansicht verschließen können, daß die Verhältnisse dessen Genehmigung erheischen. Auf denselben Standpunkt stellte sich auch die Stadtverordneten-Versammlung. Anstelle des Herrn Stadtrat Bohne wurde Herr Fabrikbesitzer Kurt Zwingenberger zum Stadtrat gewählt. Was sonst noch beraten und beschlossen wurde, wolle man im Sitzungsbericht nachlesen.

Heute früh kurz nach 5 Uhr brach in einem massiven Schuppen des Herrn Bäckermeister Crasser auf dem Pfarrhain Feuer aus, das ein kleines Quantum Stroh vernichtete. Die alarmierte Feuerwehr hatte nur kurz einzugreifen. Gefahr für die Nachbarschaft bestand nicht. Die Ursache des Brandes ist wahrscheinlich darin zu suchen, daß ein Funke aus der Esse, der zufällig durch ein offenes Fenster in den Schuppen fiel, das Stroh aufflammen ließ. Der angerichtete Schaden ist geringfügig. Zwei Schweine, die sich in dem Schuppen befanden, konnten gerettet werden.

15. Dezember 1914
Ein seltenes Jubiläum konnte am gestrigen Sonntag der leitende Lehrer der Hüttengrundschule, Herr Hausmann, begehen, der nunmehr seit 30 Jahren dort ständiger Lehrer ist und vorher bereits zwei Jahre und vier Monate an ihr als Vikar wirkte. Am Sonnabend früh fand aus diesem Anlaß im festlich geschmückten Klassenzimmer eine schlichte aber eindrucksvolle Schulfeier statt, in der Herr Pastor Dybeck als Ortsschulinspektor sich mit warmen Worten an den Jubilar wandte und dessen Verdienste um die Schule hervorhob. Am gestrigen Sonntag beglückwünschte auch der Schulvorstand den Jubilar und übermittelte ihm die Segenswünsche der Schulgemeinde. Als Anerkennung für die von Herrn Lehrer Hausmann geleisteten kirchenmusikalischen Dienste überreichte Herr Pastor Dybeck dem vielseitig Geehrten eine diesem von der Kircheninspektion verliehene Auszeichnung. Am Sonntag früh brachten ihm die im Bethlehemstift liegenden verwundeten Krieger, mit denen er in ständiger angenehmer Verbindung steht, ein Morgenständchen, das den Jubilar lebhaft erfreute. Fast keiner der Soldaten hatte am Sonnabend den zugestandenen Urlaub angetreten, um bei der Huldigung zugegen sein zu können. Alle Waffengattungen waren vertreten und selten wohl dürfte aber auch eine Huldigung aus ehrlicherem Herzen gekommen und zu empfänglicheren Herzen gesprochen haben. Möge es Herrn Hausmann vergönnt sein, noch manches Jahr hindurch seine treue und gesegnete Wirksamkeit fortzusetzen.

22. Dezember 1914
Von bahnamtlicher Seite wird uns mit der Bitte um Veröffentlichung geschrieben: In der Durchgangshalle des hiesigen Bahnhofsgebäudes sammeln sich in letzter Zeit insbesondere an Sonn- und Festtagen Männer, Frauen und Kinder an, die zumeist sich nur deshalb in dem Bahnhofsgebäude aufhalten um dort vorübergehend Unterkunft zu finden, Militärtransporte und zurückkehrende verwundete Krieger zu beobachten oder sonst irgend eine Neuigkeit zu erfahren. Da dadurch die ordnungsgemäße Abwicklung des Reiseverkehrs erschwert wird, hat sich die Eisenbahnverwaltung veranlasst gesehen, in der hiesigen Bahnhofshalle eine Bekanntmachung anzuschlagen, die darauf hinweist, daß Unbefugten der Aufenthalt daselbst verboten ist und Zuwiderhandlungen nach §§ 77, 82 (1) der Eisenbahn-Bau und Betriebsordnung bestraft werden. Das Publikum wird hierauf aufmerksam gemacht.

31. Dezember 1914
Das Opfer von Straßenräubern wurde ein Chemnitzer Schleifergehilfe, der am 1. Festtage hier einer Abendunterhaltung beiwohnte und dabei, weil er gerade Geburtstag feierte, einige Glas über den Durst getrunken hatte. Zwei Unbekannte biederten sich bei ihm an und erboten sich als Führer nach dem Bahnhof. In der Nähe der Straßenunterführung am Ausgang der Schützenstraße hielt einer der Begleiter den Glasschleifer fest, während der andere ihm die Geldtasche mit gegen 17 Mark entriss. Beide Räuber suchten sofort das Weite; sie bleiben bis jetzt unerkannt. Wer Wahrnehmungen über den Vorfall gemacht hat, wolle sie der Polizeiwache mitteilen.
 


4. November 1914
Gestern nachmittag in der 5. Stunde entstand in dem Herrn Kommerzienrat Pfefferkorn gehörigen Hause Dresdner Straße 74 (bei den Ziegeleien) ein Stubenbrand. Ehe die sofort herbeigerufene 2. Kompagnie unserer Freiw. Feuerwehr eingreifen konnte, waren die Flammen bereits gelöscht worden. Der Schaden soll geringfügig sein, nur einige Dielen wurden in Mitleidenschaft gezogen.

6. November 1914
Seit einigen Tagen hat unsere Stadt mit Notstandsarbeiten an der sog. „Postmeisterwiese“ zwischen der Ost- und Wiesenstraße begonnen. Die Goldbach, in die auch die Schleusenwasser einmünden, wird etwas verlegt und überwölbt.

Die aus Anlaß des Krieges in den Räumen der Kochschule (Neustädter Schulgebäude) eingerichtete Volksküche erfreut sich der größten Wertschätzung in den Familien der Arbeitslosen und Krieger. Besonders die letzteren können jetzt eher bedacht werden, nachdem eine vor einigen Wochen getroffene Erweiterung der Einrichtung es gestattet, größere Mengen Speise herzustellen. Bei den Herren Pflegern herrscht täglich reger Andrang bei der Verteilung der Speisemarken. Es wäre zu wünschen, daß die private Hilfe, die die Durchhaltung der Volksküche vor allem ermöglicht, noch recht lange nachhält.

10. November 1914
In noch seltener körperlicher und geistiger Frische feierte gestern der auf der König-Albert-Straße wohnende Webermeister Hermann Pöhlmann mit seiner Gattin, geb. Beck, das goldene Ehejubiläum. Dem hochgeachteten Ehepaar wurden aus diesem Anlaß viele Aufmerksamkeiten bereitet. Pöhlmann konnte vor einiger Zeit erst sein 50jähriges Sängerjubiläum feiern. Herr Pfarrer Albrecht segnete das Jubelpaar gestern nach dem Hauptgottesdienste ein und überreichte ihm eine Ehrenbibel.

12. November 1914
Die in der Altstädter Schule eröffnete Schreibstube ist am Eröffnungstage nicht benutzt worden. Dieselbe wird trotzdem noch einige Zeit fortbestehen und Dienstags und Donnerstags von 5-7 Uhr geöffnet sein.

13. November 1914
Der Krieg hat auch in den Kreis unserer städtischen Beamtenschaft eine Lücke gerissen: den Heldentod auf dem Schlachtfelde starb Herr Zwiebler, der hier als Schutzmann tätig war und als Unteroffizier im Felde stand. Einige Tage vorher war er für hervorragende Leistungen zum Vizefeldwebel befördert worden. – Vor kurzem ist auch einer unserer früheren Schutzleute, Herr Unteroffizier Alfred Schwarze, der zuletzt als Kriminalschutzmann in Plauen angestellt war, auf dem Felde der Ehre geblieben. Schw. war der Schwiegersohn des Herrn Restaurateur Poppitz.

26. November 1914
Seinen Rücktritt vom Stadtratsposten kündigte Herr Stadtrat Bohne den städtischen Kollegien an. Diese sahen sich unter dem Ausdruck des Bedauerns und unter Hervorhebung der Verdienste des Scheidenden gezwungen, das Rücktrittsgesuch anzunehmen, da Herr Bohne es mit Krankheit begründet, die ihm Ruhe und Zurückgezogenheit zur Pflicht macht. In den nächsten Tagen werden sich die maßgebenden Stellen mit Vorschlägen für die Neuwahl beschäftigen.

Unsere Stadtverordneten erklärten sich in ihrer gestrigen Sitzung mit der Einflurung des Anteils Kuhschnappel vom Hüttengrund in den Stadtbezirk einverstanden. Die an die Gemeinde Kuhschnappel zu zahlende Abtretungssumme ist auf 15000 Mk. festgesetzt. Die Einflurung geschieht zur Abrundung der Stadtgrenze. Diese geht nun von der Hüttengrund-Bleicherei ab nach der Eisenstraße, diese entlang bis zur Badstraßengrenze, von dort nach dem Forsthaus bis zum Badwald (Parzelle 392a).

28. November 1914
Schon seit langem hieß es, daß unser so herrlich im Walde gelegenes Bethlehem-Stift, das bereits tausenden Kindern zu einer Jahr für Jahr immer wieder gern besuchten außerordentlich wirksamen Erholungsstätte geworden ist, als Lazarett eingerichtet werden solle. Die ursprüngliche Absicht konnte aus bestimmten Gründen nicht verwirklicht werden, bis jetzt die Militärverwaltung die Angelegenheit selbst in die Hand genommen hat. Wie wir von zuständiger Stelle erfahren, treffen bereit heute 40 bis 50 verwundete, der Pflege bedürftige Krieger im Bethlehem-Stift ein, wo sie hoffentlich recht bald ihrer völligen Gesundung entgegengehen.
 


1. Oktober 1914
Eine kurze, aber erhebende Feier fand in den heutigen Morgenstunden im Kontor der Firma Anton Haase, hier, statt. Vollendeten sich doch heute 25 Jahre, seitdem Herr Prokurist Carl Uhlich bei dieser weit und breit rühmlichst bekannten Wirknadelfabrik als kaufmännischer Angestellter tätig ist. Der Jubilar wurde vom Inhaber der Firma, Herrn Albert Haase sowie von Vertretern des vollzählig versammelten Beamten- und Kontorpersonals mit warm empfundenen Ansprachen und sinnigen Geschenken geehrt. Auch die Handelskammer zu Chemnitz hatte es sich trotz der gegenwärtigen schwerernsten Zeit nicht nehmen lassen, dieses Tages zu gedenken und den Genannten in Anerkennung seiner 25jährigen treuen Dienste mit einer Ehrenurkunde auszuzeichnen.

Ein aufregender Vorgang trug sich dieser Tage abends spät in einem Hause der Neustadt zu. In einem Anfall von Schlaftrunkenheit stieg die im 11. Jahre stehende Tochter eines dortigen Anwohners aus dem Bett und gelangte durch ein Kammerfenster nach dem Heuboden. Dabei stieß sie in der Dunkelheit an einen dort stehenden Geschirrschrank, warf diesen um und stürzte mit denselben die Treppe hinab, wobei sie sich erhebliche Verletzungen zuzog. Ein in der Nähe wohnender Samariter leistete dem Kinde die erste Hilfe.

7. Oktober 1914
Einen hübschen Hausschmuck, der zugleich als das erste Erinnerungszeichen an den gegenwärtigen gewaltigen Kampf um unseres Reiches Bestand und Ehre auszusprechen ist, hat das eben vollendete Ledersche Haus an der Limbacher Straße in Form einer Putzverzierung erhalten. Ein Gewinde aus Laub und Blumen gibt dem Ganzen die Grenze gegen die Fläche der Front. Im umgrenzten Feld stehen die Worte „Als bildlicher Schmuck“ sind gekreuzte Schwerter und Kriegsfackeln und drei Kanonenkugeln eingefügt.

8. Oktober 1914
Herrn Privatmann Gustav Moritz Stübner, hier, Altmarkt 25, wurde heute vormittag ½ 12 Uhr in der Wohnung durch die Herren Bürgermeister Dr. Patz und Stadtrat Anger das mit allerhöchster Verordnung vom 12. Juni 1914 gestiftete Ehrenzeichen für besondere Treue Feuerwehrdienste ausgehändigt.

13. Oktober 1914
Wieder ist ein Hohenstein-Ernstthaler in französische Gefangenschaft geraten. Wie der beim 139. Inf.-Regiment dienende Soldat Guthe seinen auf der Chemnitzer Straße wohnenden Eltern mitteilt, befindet er sich seit einiger in Toulouse im verwundeten Zustand in Gefangenschaft.

Aus einem Grundstück an der Dresdner Straße, Nähe des Gasthauses „Zur Zeche“ wurden in der Nacht zum Freitag, und zwar unter erscherten Umständen aus einem Schuppen fünf Kaninchen, deutsche Schecken, gestohlen. Es handelt sich um ausgewachsene, nicht schlachtreife Tiere, weshalb die Vermutung naheliegt, daß sie der Dieb zum Verkauf anbieten könnte. Vor dem Ankauf wird gewarnt. Wer irgendwelche Wahrnehmungen über den Diebstahl gemacht hat, wolle dies der Polizei mitteilen.

15. Oktober 1914
Wiederum können wir Mitteilung machen von der Verleihung des Eisernen Kreuzes an einen Sohn unserer Stadt. Der Offiziers-Stellvertreter Herr Johannes Falcke, Ersatz-Abt. d. Kgl. Sächs. Feld-Art.-Regts. Nr. 77, erhielt diese hohe Auszeichnung für die heldenmütige Rettung eines Geschützes aus feindlichen Händen, nach welcher mutigen Tat er die Führung der Abteilung im Feuer übernahm, weil kein anderer Führer mehr da war. Herr Falcke ist der Sohn des verstorbenen hiesigen Fabrikanten und Kaufherrn Viktor Alfred Falcke.

21. Oktober 1914
Ein schwerer Diebstahl wurde am Sonntag nachmittag während der Stunden von 2 bis 7 Uhr in der Gastwirtschaft „Braunes Roß“ verübt. Nach Sprengung mehrerer Zimmertüren wurde ein im Schlafzimmer des Obergeschosses stehender hölzerner Geldbehälter erbrochen und aus ihm ein Betrag von gegen 600 Mark gestohlen. Das Geld war in Beuteln und Portemonnaies verwahrt. Als der Tatverdächtig kommt ein Gast in Frage, der kurze Zeit im „Braunen Roß“ wohnte und dort den Besuch eines Fremden erhielt. Die Diebe müssen gute Ortskenntnis besessen haben.
 


1. September 1914
Von Pilzsuchern erhängt aufgefunden wurde am Sonnabend im Walde, unweit des Restaurants „Fichtental“ der in den 50er Jahren stehende auf der Chemnitzerstraße wohnende verheiratete Färbereiarbeiter Heinrich F. Der Bedauernswerte war seit einiger Zeit arbeitslos und das dürfte der Grund mit zum Selbstmord sein. Er wurde bereits seit vorigem Mittwoch vermisst. Gestern wurde er auf dem Trinitatisfriedhof beerdigt.

3. September 1914
Erfreulicherweise hat unsere Stadt in diesen ernsten Zeiten für arbeitslose Einwohner Notstandsarbeiten vornehmen lassen und will dies auch noch fernerhin tun. Die Schleusenänderungen an der Logenstraße sind bereits sehr weit fortgeschritten und es sollen nun weitere Notstandsarbeiten am Neustädter Teichplatz vorgenommen werden. Der bisher gezahlte Lohn für diese Arbeiten betrug gegen 1000 Mk. pro Woche. Die hiesigen freien Gewerkschaften dürften gegenwärtig gegen 300 arbeitslose Mitglieder in unserer Stadt zu unterstützen haben, für die eine wöchentliche Gesamtunterstützung von ungefähr 1800 Mark gezahlt wird.

Ein treuer Führer der 1. Kompagnie unserer Freiw. Feuerwehr, Herr Hauptmann Stübner, konnte auf eine 50jährige Dienstzeit zurückblicken. Aus diesem Grunde fand im „deutschen Hause“ eine Feier statt, die im Hinblick auf den Ernst der Zeiten in ganz schlichtem Rahmen gehalten war. Herr Bürgermeister Dr. Patz überreichte dem Treuverdienten unter herzlichen Glückwünschen die städtische Ehren-Urkunde, Herr Stellv. Hauptmann Rudelt seitens der Wehr eine künstlerische Glückwunsch-Tafel. Herr Ehrenhauptmann Redslob gedachte der im Felde stehenden Kameraden. Der Feier wohnten als willkommene Gäste auch die Herren Hauptleute der 2. Kompagnie bei.

Von Frau Nötzold, die, wie wir gestern berichteten, wegen des Krieges nicht in der Lage ist, zu ihrem Manne nach der belgisch-französischen Grenze zurückzukehren, wird uns mitgeteilt, daß sie noch völlig im unklaren darüber ist, was aus dem Besitztum, das sie und ihr Mann zurücklassen mußten, geworden ist. Auf Anfrage beim deutschen Auswärtigen Amt in Berlin ward ihr die Auskunft, daß eine Antwort erst nach mehreren Wochen möglich sei wegen der außerordentlichen Erschwerung des Post- und Telegraphenverkehrs.

4. September 1914
Der kürzlich im „Tageblatt“ erschienene Aufruf betr. Stellung von Betten für leicht verwundete oder erholungsbedürftige Krieger und Uebernahme der freien Beköstigung derselben hat einen schönen Erfolg gehabt. Bis heute sind 76 Betten gezeichnet. Morgen soll die Liste abgeschlossen werden; wer sich den Zeichnern noch anschließen will, möge dies ungesäumt bei einer der in unserer Dienstags-Nummer genannten Stellen oder bei Herrn San.-Rat. Dr. Eichhoff melden.

8. September 1914
Wir haben uns schon des öfteren gegen das nächtliche Schreien und überlaute Singen, das man als Gröhlen und Brüllen bezeichnen muß, gewandt. Heute gehen uns von Anwohnern der Bismarckstraße Klagen zu, über das Benehmen junger Leute, in der Mehrzahl Mädchen, die auf dem Heimwege einen derartigen Lärm verursachen, daß die Nachtruhe aufs ärgste gestört wurde. Hoffentlich gelingt es unserer Polizei recht bald einmal, solche Radaulustigen festzustellen und ihnen ein paar Mark Strafe abzuknöpfen, damit sie dann nicht mehr in so wüster Weise die Ruhe ihrer Mitmenschen stören.

15. September 1914
Mit geradezu unheimlicher Gewalt raste gestern und zumteil auch heute noch der Sturm durch die Straßen und richtete verschiedentlich großen Schaden an Häusern im Walde und in den Gärten an. Viele Dächer wurden arg mitgenommen, in den Anlagen, an Straßen und in Gärten starke Bäume umgeknickt usw. Der Sturm peitschte die Regenmassen daher, daß das Begehen der Straßen gestern zuzeiten mit Schwierigkeiten verknüpft war.

29. September 1914
Wieder hat ein Kind unserer Stadt das Eiserne Kreuz II. Klasse erhalten. Herrn Max Hochmuth von der 8. Kompagnie des Reserve-Infanterie-Regiments Nr. 106, auf der Karlstraße wohnhaft, wurde für sein tapferes Verhalten bei nächtlichen Patrouillen, die wertvolle Aufklärung brachten, diese hohe Auszeichnung verliehen.

Nach hierher gelangten Nachrichten hat am 16. September in Frankreich ein Sohn des am Seidelberge wohnenden Gärtnereibesitzers Paul Haugk den Heldentod fürs Vaterland erlitten. Haugk machte den Feldzug als Unteroffizier beim 104. Infanterie-Regiment mit. Amtlich wurden die Angehörigen bis jetzt noch nicht in Kenntnis gesetzt. Damit erhöht sich die Zahl der bis jetzt aus unserer Stadt gefallenen Kämpfer auf acht. – Eine betrübende Meldung erhielt auch die Familie des in der Neustadt wohnenden Werkschuldrektor Emil Haugk; deren Sohn hat seinen Eltern mitgeteilt, daß er im verwundeten Zustande in französische Gefangenschaft geraten
ist.
 


2. August 1914
Große Aufregung herrschte heute kurz vor mittag in unserer anläßlich des Wochenmarktes besonders stark bevölkerten Stadt. Die Polizei hatte einige Leute verhaftet, die man eines verbrecherischen Anschlages verdächtigte, der aber glücklicherweise vereitelt worden sein soll. Im Interesse der sofort aufgenommenen Untersuchung erscheinen nähere Angaben an dieser Stelle unangebracht.

Eine Hilfsstelle für unsere braven Soldaten und ihre Hilfebedürftigen Angehörigen ist im hiesigen Rathause eingerichtet worden, wie aus der amtlichen Bekanntmachung im heutigen „Tageblatt“ zu ersehen ist. Möchten die Gaben reichlich fließen, sie werden allen, die damit bedacht werden sollen, hochwillkommen sein.

8. August 1914
Der König hat auf Vorschlag der Frau Prinzessin Johann Georg abermals eine große Anzahl Carola-Medaillen in Gold, Silber und Bronze an Personen aller Stände verliehen. Unter den mit der bronzenen Medaille Ausgezeichneten befindet sich auch Frau verehl. Oberlehrer Reichard, geb. Temper hier.

Der Stadtrat hat in Verbindung mit mehreren hiesigen Herren Aussicht genommen, auf dem Bahnhofe eine Erfrischungsstation für unsere nach dem Kriegsschauplatz durchreisenden Soldaten zu errichten. Da jedoch sämtliche Militärzüge hier nicht halten, hat man vorläufig von der Einrichtung einer solchen Station abgesehen. Dagegen will man dieselbe in Kraft treten lassen, sobald die Rücktransporte von Verwundeten usw. es erfordern würden.


9. August 1914
Der Krieg zieht bereits unsere Industrie stark in Mitleidenschaft. Einige Webfabriken haben schon die laufende Woche nicht arbeiten lassen, während eine größere Zahl Webfabriken von kommender Woche ab nur noch 2 bis 4 Tage den Betrieb aufrecht erhalten. Besser beschäftigt ist noch die Wirk- und Trikotagenbranche. Einzelne Betriebe derselben haben sogar noch größere Aufträge zu erledigen. Stark beeinträchtigt im Geschäftsgang werden auch andere Industriezweige, so z. B. die Metallwaren und die Baubranche.

12. August 1914
Einem an die Schriftleitung des „H.-E. Tagebl.“ Gerichteten Brief eines hiesigen Landwehrmannes, welcher verspricht, uns Stimmungsbilder aus diesen bewegten Tagen zukommen zu lassen, soweit es die Kriegsgesetze gestatten, entnehmen wir folgendes: Schreiber hofft – und das mit Recht! – daß solche Berichte bei seinen Kameraden im Militärverein im besonderen und bei unseren Lesern im allgemeinen eine gute Aufnahme finden werden, und teilt dann mit, daß mit ihm 15 Hohenstein-Ernstthaler dem 133. Landwehr-Regiment zugeteilt wurden. Er schildert die Fahrt von Glauchau nach Wurzen, auf der die alten Soldaten überall begeistert begrüßt wurden, die schwere Arbeit der kriegsmäßigen Einkleidung, die Begrüßung durch den Major usw. Tiefen Eindruck hat auf die Einberufenen der Abschied von der Garnison hinterlassen – war doch jeder im Geiste bei seinen Lieben daheim. In Gedenken an diese schämten sich die Landwehrmänner nicht der Tränen, die jedem in die Augen traten. Jeder aber auch ist bereit, in felsenfestem Gottvertrauen für das Vaterland zu fliegen oder zu sterben. Alle die vom Schreiber Bezeichneten schätzen es sich zur hohen Ehre, die ersten Landwehrmänner zu sein, die Wurzen verließen, um in wenig Tagen vielleicht dem Feind entgegentreten zu können. Der Brief schließt: „Seid gegrüßt, Ihr lieben Hohenstein-Ernstthaler, von Euren Landwehrmännern vom 133. Regiment, 11, Komp.!“

18. August 1914
Mit heute beginnt in den Schulen unserer Stadt wieder der Unterricht. Die goldene Ferienzeit ist auch für recht viele Kinder diesmal keine fröhliche gewesen. In jeder Klasse gibt es Kinder, die irgendein teures Familienmitglied im Felde haben, und noch in viel größerem Umfange hat die durch den Krieg veranlasste Not und Vorsorge für schwere Zeiten die fröhliche Ferienzeit beeinflußt. Viele Schüler oder Schülerinnen, die sich vor reichlich vier Wochen mit frohen Ferienwünschen von ihrem Lehrer verabschiedeten, erlebten daß dieser jetzt draußen im Felde steht. Statt Ferienreisen- und Wanderungen bewegt unsere Jugend jetzt die Begeisterung für Deutschland Kämpfe. Möge aus dieser Begeisterung heraus echte Treue für Volk und Vaterland erwachen.

Herzlos zeigten sich die Eltern von fünf Kindern, die heute auf dem Wochenmarkt das Mitleid der Menschen erweckten. Die Mutter der Kleinen hat bereits vor Tagen ihren Mann verlassen und sich angeblich zu ihrer Schwester nach Flöha begeben. Der Vater, der Tischler L., wollte sich nun seiner Kinder dadurch entledigen, daß er sie zu seinem auf dem Altmarkt wohnenden Schwiegereltern brachte. Aber auch hier war die Liebe zu den Kindern recht gering. Die Großeltern schoben die Kleinen ab, die nun hilf- und ratlos auf dem Altmarkt standen und bitter weinten. Schließlich nahm sich die Polizei der so herzlos Verlassenen an und sorgte für Ihre Unterbringung im Waisenhaus.

20. August 1914
Nicht weniger als 468 Männer unserer Stadt – 838 Familienväter und 85 Ledige – haben dem Rufe zur Fahne bisher Folge geleistet; weitere 90-40 Familienväter und 50 Ledige – haben Einberufungsbefehl erhalten. Gegenwärtig sind 378 Frauen und 603 Kinder ohne Ernährer zu denen sich bei weiteren Einberufungen noch 40 Frauen und 51 Kinder gesellen. Für diese zurückgebliebenen hat nun die öffentliche Liebestätigkeit einzusetzen, für die in der gestrigen Stadtverordneten-Sitzung weitere beträchtliche Mittel bewilligt wurden.  
 


1. Juli 1914
Das Alte stürzt! Gestern hat man in der Neustadt an der Straße nach dem neuen Friedhof mit dem Abbruch der sogenannten „Fleischer-Scheune“ begonnen, die jetzt zum neuen Fabrikgrundstück des Herren Dreschel und Günther gehört. Neben der Scheune hat man ein Transformatorenhäuschen errichtet. Der Bau der Fabrik ist nun soweit gediehen, daß man im Inneren mit dem Legen der Transmissionen begonnen hat. Gegenwärtig schreitet man zum Bau eines Hintergebäudes in welchem die Stallung und Wagen untergebracht werden. Bis zur Inbetriebnahme der Fabrik dürften noch mehrere Wochen vergehen.

2. Juli 1914
Heute mittag fand im Saale des Kgl. Amtsgerichts durch Herrn Landgerichtspräsident Dr. Clauß aus Zwickau die feierliche Einweisung des neuernannten Herrn Oberamtsrichters Dr. Vogel statt. Nach der Einweisungsrede des Herrn Präsidenten begrüßten die Herren Amtsrichter Dr. Kirchner und Bürgermeister Dr. Patz den Herrn Oberamtsrichter namens der Beamtenschaft des Amtsgerichts und der Stadt Hohenstein-Ernstthal. Im Anschlusse an die Feier fand ein Mahl im Hotel „Drei Schwanen“ statt.

3. Juli 1914
Von dem Baumeister Richterschen Wohnhäusergruppenbau an der Luther- und Bismarckstraße sind die drei an der Lutherstraße geplanten Wohnhäuser bereits bis zur zweiten Etage gediehen. Für das Eckhaus und das an die Bismarckstraße zustehenkommende fünfte Haus dürften die Gründungsarbeiten auch bald beginnen. Wird das Ganze im Aeußeren sich als schöne harmonierende Einheit zeigen, so bieten anderseits die Häuser im Innern alle Bequemlichkeiten und Fortschritte der Neuzeit: Bad, Innenklosett, Gas, elektrische Kraft, Küchenbalkon und Garten sind für die Wohnungen vorgesehen. Mit diesem Gruppenbau dürfte der Mangel an Wohnungen in mittlerer und höherer Preislage auf eine gewisse Zeit beseitigt sein.

4. Juli 1914
Wie wir hören, wird demnächst der Betrieb in der Neustädter Brauerei (Unionbrauerei) eingestellt. Damit dürfte ein Betrieb verschwinden, der einer der ältesten der Neustadt ist und sich auf etwa 150 Jahre zurück verfolgen lässt. Was aus der Einrichtung resp. den umfangreichen Grundstücken wird, steht noch nicht fest. Möglich ist, daß die Schulgemeinde einem Erwerb näher tritt.

9. Juli 1914
Einem Wunsche des Stadtverordneten-Kollegiums entsprechend, fand gestern Dienstag eine Besichtigung des von der Stadt käuflich erworbenen Mineralbades statt. Die Führung und Erklärung hatten die Herren Bürgermeister Dr. Patz und Stadträte Anger und Bohne übernommen. Für städtische Zwecke besonders wertvoll ist neben anderen Wasserquellen eine Quelle, die nördlich des einen Teiches entspringt und von der aus eine Leitung nach dem Kurhaus führt, die die ganze Anlage überreichlich mit bestem Trinkwasser versieht. Den Teich an der Straße hat eine kleine Gesellschaft hiesiger Bürger gepachtet, an der Fischnutzung ist der neue Wirt beteiligt, dem die Obstnutzung in den vorderen Anlagen verbleibt und der im Winter auch die Eisenbahn pachten wird. Die Wirtschaft wird in der Sonderpacht weitergeführt, ebenso das Gut. In den Anlagen nahe der Mineralquelle will man einen Kinderspielplatz anlegen. Die Mineralquelle selbst ist neu gefaßt worden und stellt jetzt ein 31/2 Meter hohes Bassin dar, das mit einer Glasplatte überdeckt und mit einem kleinen Pavillon umgeben werden soll; der Wasserstand ist etwa 21/2 Meter. Die übrigen Quellen zu fassen erschien zwecklos. Eine dieser starklaufenden Quellen, die sehr eisenhaltiges Wasser führt, wird schon 1765 urkundlich erwähnt und seine Einfassung in Sandstein zeigt die Initialen des Grafen und Herrn von Schönburg (1785). Eine Oelgasanlage versorgt die Gebäude mit Gas; in Zukunft wird man sie in eine Kohlengasanlage umändern, wofür die Kosten nicht hoch anzuschlagen sind. Gasmeister, Hausmann und Bademeister ist der bisherige Schulhausmann Eichhorn-Hüttengrund. Das Waschhaus ist überreichlich mit Wasser versehen, das, wie gesagt, durch die gesamt Anlage fließt. Große Stallungen bieten viel Gelegenheit zum Unterstand für Pferde. Der alte Speisesaal soll geteilt werden; die eine Hälfte steht dem Wirt zur Verfügung, die andere beansprucht die Stadt für sich. Für das sogen. Ulrich-Häuschen scheint sich keine besondere Verwendung zu finden. Wieviel Räumlichkeiten das Kurhaus enthält, davon bekommt man erst bei genauerer Besichtigung einen Begriff. Das Erdgeschoß enthält eine große Zahl von Einzelbädern, zu denen sich auch zwei große Bäder für gemeinsamen Gebrauch gesellen, eins der kleineren ist auch mit Badeofen versehen. In das warme Badewasser wird das Mineralwasser geleitet und beides gemischt nimmt dann eine braune Färbung an. Neben den Badegesellen liegt die Heizungsanlage. Die oberen Stockwerke enthalten die Fremdenzimmer in sehr großer Zahl, von denen zunächst einige wohnlich eingerichtet werden sollen zur Aufnahme von Kurgästen. Die Lage dieser Zimmer ist größtenteils eine recht idyllische. Auch die oberen Stockwerke des vorderen Hauptgebäudes weisen Zimmer auf, die den Kurgästen angenehmen Aufenthalt bieten. Das frühere Lorenzsche Wohnzimmer will man zu einem Gesellschaftsraum einrichten. Im großen ganzen, zumal auch im Saal, gibt’s allerdings reichlich zu tun, wenn alles in einen Zustand versetzt werden soll, wie er städtischem Besitz zukommt. Die ganze Anlage wird hoffentlich recht bald wieder zu schöner Blüte gelangen; noch heute spricht so vieles in der ganzen Einrichtung von der Pracht entschwundener Zeiten.

10. Juli 1914
Gestern gegen Abend entstand auf der Waisenhausstraße eine größere Menschenansammlung. Den Anlaß hierzu gab ein Pferd des Roßschlächters Herrn Neumarker, der mit dem Tiere in seinen Hof fahren wollte. Trotzdem man sich alle Mühe gab, das widerspenstige Pferd in den Hof zu bringen, ging es nicht von der Stelle. Es schlug und legte sich, bis man es endlich vom Wagen abspannte. Ohne den Wagen ging es dann hinein.

22. Juli 1914
Gelegentlich eines Zwistes geriet vorgestern ein auf der Bahnstraße wohnendes Ehepaar durch das rücksichtslose Verhalten der Ehefrau in Tätlichkeiten, bei der die letztere die meiste Prügel erhielt. Der Mann geriet in solche Aufregung, daß er schließlich noch eine Kohlenschaufel nahm und der Frau eine sehr erhebliche Verletzung am Arm beibrachte, sodaß man einen Arzt holen musste.

24. Juli 1914
Die Vorführungen der Seiltänzer-Gesellschaft freuten sich gestern und vorgestern recht guten Zuspruchs, zumal seitens der – Zaungäste, die sich nicht einmal eingestehen wollen, wie klein sie sich zeigen, wenn sie auseinandertrieben, sobald ein Mitglied der Gesellschaft mit dem Sammelteller herumgeht und ein Scherflein von denen heischt, die sich an den Künstlern ergötzen. „Jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert“ – mit diesen Worten leitete einer der Mitwirkenden die gestrige Vorstellung ein. Dieses Wort wird sicher von allen Besuchern als unwiderleglich bezeichnet werden; leider aber handelt die große Masse nicht danach. Die Vorführungen erfreuten sich allseitigen Beifalls. Sie sind recht vielseitig und verdienen guten Besuch.

26. Juli 1914
Gegenwärtig vollzieht die Firma J. G. Böttger ihren Umzug nach dem an der König-Albert-Straße errichteten großen Geschäftshause. Die Firma hat seit ihrer Gründung ihre Geschäftsräume stets auf der hiesigen Breitestraße gelegenen drei Geschäftshäuser zu Wohnungen umgebaut, wodurch eine größere Zahl Wohnungen entstehen. Die Häuser wurden bereits vor einiger Zeit an drei hiesige Herren verkauft. Auch dürfte das bisherige Kino an der Limbacherstraße nach dort verlegt werden.
 


6. Juni 1914
Seit einigen Tagen halten sich in unserer Stadt wieder besuchsweise einige seit Jahren in Amerika wohnende, hier geborene ehemalige Hohenstein-Ernstthaler auf, um kurze Zeit in der alten Heimat zu verweilen. Einen derselben Herr August Neubert, war seit über 20 Jahren von hier abwesend. Wenn sich auch in diesem Zeitraum in unserer Stadt vieles verändert hat, so dürfte doch den Deutschamerikanern der Besuch in der alten Heimat so manche Jugenderinnerung ausrichten. Anfang Juli treten die Amerikaner wieder die Heimreise an.

Der Neubau des an der Chemnitzerstraße, gegenüber dem Neustädter Schützenhause, gelegenen abgebrannten Badergutes der von Herrn Bauunternehmer Frinzel ausgeführt wird, macht ansehnliche Fortschritte. Er ist bereits unter Dach gebracht. Es dürfte nur noch einige Wochen dauern und das große geräumige Gebäude, das von allen vier Seiten frei steht und sonnige Wohnungen enthält, kann bezogen werden. Der Bau wurde um einige Meter von der alten Straße entfernt nach dem Garten zu errichtet.

9. Juni 1904
Einen Einbruch bei seinem Logiswirt Herrn Bäckermeister F. in der Lichtensteiner Straße, verübte in der Nacht zum Sonntag der Malergehilfe L. Er öffnete gewaltsam den Backraum und erlangte dadurch Zutritt zum Laden, in dem er die Kasse plünderte, wobei ihm aber angeblich nur ein Betrag in Höhe von einer Mark in die Hände gefallen ist. Er wurde auf frischer Tat ertappt und nach „Nummer sicher“ gebracht.

16. Juni 1904
Ein schweres Unglück trug sich heute vormittag gegen ½ 10 Uhr an der Einmündung der Moltkestraße in den Bahnhofsplatz zu. Zwei bei Herrn Steinsetzmeister Köhler beschäftigte Handarbeiter, Kluge aus der Dresdnerstraße 68, und Fritzsche, waren beauftragt einen Wagen mit einem 500 Liter Wasser enthaltenden, eisernen Faß die Moltkestraße hinab nach dem Bahnhof zu fahren, wo gegenwärtig Pflasterungsarbeiten ausgeführt werden. Auf der abschüssigen Straße vermochten die Arbeiter den Wagen nicht zu halten und mit großer Wucht prallte er an den rechtsseitigen Zaun, der auf eine Länge von 5 bis 6 Metern beschädigt ward, und Kluge, der die Deichsel führte, erlitt hierbei schwere Verletzungen an Arm und Kopf; man vermutet einen Schädelbruch. Nachdem ihm Herr Dr. Sommer den ersten Beistand geleitet, ward Kluge nach dem städtischen Krankenhaus gebracht. Eine Schuld an dem Unglück soll niemand beizumessen sein.

20. Juni 1904
Die Zahl der Dampfessen in unserer Stadt wird gegenwärtig wieder durch eine vermehrt. Seit kurzem sind Essenbauer damit beschäftigt, eine solche hohe und starke Esse in der Neustadt im Hofe der Dampfdestillation Paul Weigelt an der Oststraße in die Höhe zu bringen. Herr Weigelt nimmt eine Vergrößerung seines modernen Betriebes vor.

23. Juni 1914
Am Sonnabend wurden der Jubelfirma F. Oskar Zwingenberger, die bekanntlich ihr 50jähriges Bestehen feiern konnte, noch weitere Ehrungen zuteil. Die Angestellten und Arbeiter ließen ihren Chefs in aller Morgenfrühe durch das städtische Orchester je ein Ständchen bringen. Eine Abordnung der bei der Firma Beschäftigten erfüllte einen Akt der Pietät gegenüber dem früheren Chef, indem sie am Grabe des Firmengründers einen großen wertvollen Kranz niederlegte und eine weitere Abordnung überreichte in dem festlich geschmückten Privatkontor neben einer künstlerisch ausgeführten Erinnerungstafel mehrere Geschenke. Neben den Vertretern der Stadt waren auch verschiedene Vereine sowie eine ganze Anzahl von Geschäftsfreunden usw. zur Beglückwünschung erschienen. Abends vereinigte sich ein Festmahl, zu dem etwa 500 Gedecke aufgelegt waren, Arbeitgeber und –nehmer im Altstädter Schützenhaus-Saale. Dieser Teil des Festes nahm einen besonders  harmonischen Verlauf; zu seiner Belebung trugen eine von der Arbeiterschaft gestiftete Festschrift, Festreden, Tafellieder und turnerische Vorführungen aufs beste bei, so daß während  der Feier allgemein festliche Stimmung herrschte.

Gestern abend gegen ½ 11 Uhr hätte sich an der Bahn-Ueberführung der Goldbachstraße am Beck´schen Sägewerk leicht ein folgenschweres Unglück ereignen können. Ein fremdes, von der Goldbachstraße herkommendes Auto, das so wenig die Gegend kannte, daß es vorher schon nach dem Güterbahnhof zu fuhr, durchraste die Ueberführung, als eben ein Straßenbahnzug mit drei vollbesetzten Wagen vom Bahnhof her nahte. Lediglich der Tatsache, daß der Motorführer an der gefährlichen Stelle sehr langsam fuhr, ist es zu danken, daß es dem Autolenker noch gelang, sein Fahrzeug so zu bremsen, daß es kurz vor den Straßenbahnwagen hielt: hätte sich aber ein Unglück zugetragen, so hätte die Schuld allein das Auto gehabt, dessen Insassen übrigens von den entrüsteten Augenzeugen mit kräftigen Vorwürfen bedacht wurden.

30.Juni 1914
Das Erdbeben, das sich in der Nacht zum Sonnabend wie in unserer Stadt so auch in einem großen Teile Sachsens bemerkbar machte, hatte nach den gemachten Beobachtungen seinen Herd in Leipzig. So weit Nachricht über den Erdstoß vorliegt, ist ein Schaden nicht angerichtet worden. Die Erschütterungen waren teils so stark, das Schlafende erwachten, Wände zitterten und Gegenstände umfielen. Die Bodenbewegung pflanzte sich von Ost nach West fort. Ueber die Ursache lies sich jedoch bis zur Stunde noch nichts ermitteln. Besonders in den Leipziger Vororten machte sich das Beben stark bemerkbar und verursachte ein starkes Schwanken des Bodens. In vielen Häusern blieben die Uhren stehen und Fenster klirrten. Das Beben war von unterirdischem Getöse begleitet, das schon auftrat, bevor das Beben erfolgte und seinen Höhepunkt im Moment der Erderschütterung erreichte.
 


7. Mai 1914
Auf dem hiesigen Bahnhofe hatte sich gestern um die Mittagsstunde wieder vieles Publikum eingefunden, um den Transport des Brandstifters Rindel beizuwohnen. Da man vermutete, daß derselbe mit dem 1 Uhr-Zuge, der bekanntlich den Gefangenentransportwagen mit sich führt nach Zwickau überführt würde. Man ward aber, wie schon vorige Woche am Dienstag, enttäuscht. Rindel ist bereits vorigen Donnerstag nach Zwickau überführt worden. Wie wir hören, kann es möglich sein, daß Rindels Straftat bereits im Juni zur Verhandlung stehen wird.

15. Mai 1914
Während einer nur kurzen Abwesenheit des Besitzers entstand heute in der Schuhmacherwerkstatt des Herrn D. in der Dresdner Straße ein kleiner Brand, der bald mit Löschapparaten gedämpft werden konnte, ohne daß größerer Schaden angerichtet wurde. Man vermutet, daß der Brand durch einen eisernen Ofen verursacht worden ist.

19. Mai 1914
Unermüdlich ist die Leistung unsres Erzgebirgsvereins bestrebt, für eine originelle Ausgestaltung der Hutzenabende zu sorgen und ihnen immer wieder neue Anziehungskraft zu verleihen. Das ihr dies bisher in vollstem Maße gelungen ist, muß man ihr neidlos zugestehen, ihr aber auch dankbar sein für alles, was sie bislang geboten hat: stets war es ein Genuß, solchen Abenden beiwohnen zu dürfen. Und daß diese Bestrebungen des Vereins allseitige Würdigung in Mitgliederkreisen wie bei Gästen finden, sieht man aufs deutlichste an dem stets sehr zahlreichen Besuch der Hutzenabende. Am Sonnabend bestritt Herr Lehrer Max Wenzel aus Chemnitz, der sich als erzgebirgischer Dialektdichter eines guten Rufes erfreut und als Rezitator eigener und fremder Dichtungen Hervorragendes leistet, die Unterhaltung. Einleitend hob er u.a. hervor, daß die Anton Günthersche Poesie, wenn ihr auch eine gewisse Weichlichkeit nicht abzusprechen sei, das Gute habe, daß sie dem Eindringen der wüsten Gassenhauer in die gebirgischen Volkskreise Einhalt tue. Redner verbreitete sich des weiteren über die von groß und klein, alt und jung gesungenen Lieder der Erzgebirger, die Hutzen- und Tschumpaliedeln, beleuchtete die originelle Dichtart, ezählte von den Hutzenabenden, auf denen oft das Gruseln gelehrt werde, wies an einer großen Zahl von Beispielen nach, wie arg verbreitet der Aberglauben ist, berichtete reizende Züge aus den Sitten und Gebräuchen der Gebirgler, die sich in deren täglichem Leben offenbaren, besprach ihre Festlichkeiten und so vieles andere in denen sich das heitere Volkstum mit seinen originellen Aeußerungen wiederspiegelt. Für die Erhaltung dieses Originellen trat Redner warm ein. Aus dem reichen Schatz erzgebirgischer Literatur in Poesie und Prosa trug Herr Wenzel sodann eine große Reihe der besten Schöpfungen vor und fand damit ein recht dankbares Publikum, da er meist Humoristika bot und viel Heiterkeit erregte. Enttäuscht waren die vielen Hutzengäste, als im Laufe des Abends Herr Vorst. Ebersbach erklärte, daß dies nun vorläufig der letzte Hutzenabend gewesen sei und man sich erst nach Verlauf von vier Monaten wiedersehen werde. Man muß sich aber wohl oder übel mit dieser Tatsache abfinden, denn es gilt nun für den Verein, zum Bergfest zu rüsten, das am 9. und 10. August stattfinden soll. Was diese Vorarbeiten an Besprechungen und sonstigen Mühen mannigfacher Art nötig machen, kann wohl nur der beurteilen, der in dieser Hinsicht bereits selbst tätig gewesen ist. Das nun auch diese Vorarbeiten zum guten Gelingen des Bergfestes beitragen möchten, dazu ein „Glück auf“.

23. Mai 1914
Wie wir hören ist vergangen Mittwoch abends nach 6 Uhr Herr Amtshauptmann Graf v. Holzendorff hier eingetroffen, um zwei im Samariterwesen verdienstvoll tätigen Männern, Herrn Weber Karl Hermann Bochmann, Dresdnerstr. 85 (Obersamariter) und Herrn Expedient Gotthilf Paul Gränitz, Chemnitzerstr. 39*1 (Samariter) allerhöchste Auszeichnungen in Gestalt der Friedrich-August-Medaille in Silber zu überreichen. Herr Bürgermeister Dr. Patz, Herr Fabrikant Schulze als Vorsteher des Samaritervereins und Herr Dr. med. Lange als der die Samariter ausbildende Arzt waren bei dem feierlichen Akte, der im Sitzungssaale des Rathauses stattfand, gegenwärtig.

24. Mai 1914
Der Geburtstag Sr. Majestät des Königs wird Montag, den 25. Mai, gefeiert wie folgt:
Früh: Weckruf durch die Straßen der Stadt unter Begleitung durch die Gewehrabteilungen des Kriegsvereins und der Militärvereine,
mittags von 3/412 – ¾ 1 Uhr: Platzmusik auf dem oberen Altmarkte,
abends ½ 8 Uhr: Festmahl im großen Zimmer des Berggasthauses zur „Bismarckhöhe“. Gedeck einschließlich Festaufwand 3 Mk. 50 Pfg.
Mit der Bitte um zahlreiche Teilnahme wird zu dem Festmahle hiermit eingeladen. Besondere Einladungen an Behörden oder Privatpersonen ergehen nicht. Einzeichnungslisten für die Teilnehmer am Festmahle liegen aus im Berggasthause zur Bismarckhöhe, im Hotel Drei Schwanen, im Stadtkeller, in der Bahnhofswirtschaft sowie in den Polizeiwachen.
Unsere Mitbürger werden ersucht, durch Beflaggen der Häuser zu einer würdigen Feier dieses vaterländischen Festtages beizutragen.
Hohenstein-Ernstthal, am 15. Mai 1914
Der Ausschuß für vaterländische Festlichkeiten

24. Mai 1914
Eine rohe Tat verübte am Himmelfahtstage der Knecht eines Gutsbesitzers auf der Lungwitzer Höhe, unweit der Aue, indem er den 10 Jahre alten Knaben eines dortigen Anwohners so unbarmherzig schlug, daß das Kind kaum nach Hause laufen konnte. Es soll auf die Saat gelaufen sein. Der Knabe musste sofort in ärztliche Behandlung gegeben werden. Gegen den Knecht wurde Anzeige erstellt.

*1 Chemnitzerstraße = heute Pölitzstraße
 


4. April 1914
Seit einiger Zeit waren im Forstrevier Hainholz aus jüngeren Anpflanzungen Bäumchen, vor allem Blaufichten und Lärchen, gestohlen, worden, ohne daß es gelingen wollte, den Täter zu fassen. Am heutigen zeitigen Morgen endlich wurde ein vielfach vorbestraftes, stadtverwiesenes und unterstandsloses Individuum im Hainholz betroffen, als es Huflattich ausgrub, der jetzt bekanntlich vielfach als Hustenmittel eingetragen wird. Da die Vermutung bestand, daß der Mann auch dem Diebstahle der Waldbäumchen nicht fernstand, wurde er eingehend befragt und gestand nach längerem Leugnen auch, die kleinen Bäume gestohlen und hier in der Stadt das Stück für 15 Pfennige verkauft zu haben. Der Mann wurde verhaftet und in das hiesige Kgl. Amtsgericht eingeliefert.

5. April 1914
Auf dem Grundstück des Naturheilvereins herrscht seit einiger Zeit reges Leben und fleißige Hände sind eifrig bemüht, das erweiterte Grundstück, das bekanntlich von der Stadt gepachtet wurde, gärtnerisch herzurichten. Die Umzäunung wurde schon vor einiger Zeit ausgeführt, während die anderen Arbeiten auch flott vorwärtsschreiten. In der nächsten Zeit dürfte auch mit dem Bau eines Zweifamilienwohnhauses auf dem Vereinsgrundstück begonnen werden. Die Ausführung wurde einem hiesigen Baugeschäft übertragen.

7. April 1914
Durch rücksichtsloses scharfes Fahren verunglückte gestern nachmittag auf der Badstraße ein in den 30er Jahren stehender auswärtiger Radler. Derselbe wollte auf der steilen Straße einen vor ihm herfahrenden jungen Mann überholen, verlor aber dabei die Gewalt über sein Vehikel, so daß er an den Gartenzaun eines an der Bismarckstraße stehenden Hauses fuhr, wobei er vom Rad geschleudert wurde. Der unvorsichtige Radler erlitt erhebliche Hautabschürfungen, namentlich im Gesicht. Auch wurde sein Rad beschädigt.

14. April 1914
Unser neuer Stadtmusikdirektor Herr Schäffer aus Crimmitschau hat die Geschäfte der Kapelle übernommen. Gestern erfolgte hier sein Einzug. Die dem Stadtmusiker angehörigen Mitglieder brachten ihren neuen Chef vor seiner auf der Bahnstraße gelegenen Wohnung ein Begrüßungsständchen.

15. April 1914
Noch gut abgelaufen ist gestern nachmittag im Garten eines hiesigen Restaurants ein unangenehmer Vorfall. Dort stürzte das 1 1/2 Jahre alte Kind eines hiesigen Nadelmachers in einen Wasserbottich, der den Enten des Besitzers zum Baden dient. Das 12 Jahre alte Mädchen, das das Kind beaufsichtigte, hatte zum Glück den Vorgang bemerkt, so daß man das kleine Kind noch rechtzeitig aus dem Wasser entfernen konnte. Die Mutter des Kindes erschrak dermaßen, das sie ohnmächtig wurde.

17. April 1914
Heute vormittag fand die gerichtliche Zwangsversteigerung des Mineralbades und zwar im Gesellschaftszimmer des Bades selbst statt. Da das Bad dem Amtsgericht Lichtenstein untersteht, so leitete die Amtshandlung Herr Assessor  Dr. Elsperger von dort. Die Hypothekengläubiger waren vollzählig erschienen, des weiteren hatte sich eine Anzahl Bieter eingefunden, unter ihnen die Herren Bürgermeister Dr. Patz, Stadträte Anger und Bohne und Stadtbaumeister Matzinger von hier. Nachdem pünktlich um 9 Uhr der Versteigerungstermin eröffnet war, wurde zunächst aus den Akten festgestellt, daß das Bad mit den dazugehörigen Liegenschaften mit 155 000 Mk. Hypotheken belastet ist, und zwar sind an erster Stelle die Sparkasse Marienberg mit 75 000 Mk., dann Herr Rechtsanwalt Kronfeld in Wilsdruff mit 9000, die Erben des verstorbenen Mühlenbesitzers Modes in Stein mit 41 000 und die Privata Frl. Zschimmer in Tollewitz mit 30 000 Mk. eingetragen. Die Höhe der Brandkasse beträgt 122 950 Mk., der ein Gesamt-Schätzungswert der Baulichkeiten von 124 659 Mk. gegenübersteht. Die Gesamtschätzung aller Liegenschaften, also der Gebäude, Grundstücke, Wald, Feld, Wiesen, Teich usw., welch letztere für sich allein einen geschätzten Wert von 36 620 Mk. repräsentieren, stellt sich auf 161 279 Mk. und unter Hinzurechnung des Inventars (Mk. 5578,33) auf 166 889 Mk. 33 Pfg. Das geringste Gebot wurde dann auf 8109 Mk. 50 Pf. Festgestellt und dann 5 Minuten vor 11 Uhr die Abgabe von Geboten freigegeben. Zunächst bot Herr Rechtsanwalt Kronfeld-Wilsdruff für die Immobilien- und Terraingesellschaft in Dresden 90 000 Mk., dann boten – in langen Pausen – die Stadtgemeinde Hohenstein-Ernstthal durch Herrn Bürgermeister Dr. Patz 93 000 Mk., Herr Kronfeld 97 000 Mk., Herr Dr. Patz 98 000 Mk., die Modeschen Erben 99 000 Mk., Herr Dr. Patz 100 000 Mk. und schließlich die Modeschen Erben 101 000 Mk. Da niemand weiter bot, wurde das Bad kurz vor ¼ 1 Uhr dem letzten Bieter zugeschlagen. Besitzer des Bades aber wird unsere Stadtgemeinde Hohenstein-Ernstthal, da, wie wir hören, zwischen dieser und den Modeschen Erben ein Uebereinkommen abgeschlossen und sofort notariell festgelegt wurde, nach welcher das Bad mit allen Liegenschaften und Zubehör für den Preis von ungefähr 106 000 Mk. in den Besitz unserer Stadt übergeht. Wie wir jetzt verraten können, hatten unsere städtischen Kollegien Herrn Bürgermeister Dr. Patz ermächtigt, auf das Bad bis zur Höhe von 120 000 Mk. zu bieten. Diese Summe ist, wie ersichtlich, nicht erreicht worden, sodaß unsere Stadt zu einem verhältnismäßig billigen Preise in den Besitz eines Objektes gelangt, das unserer Stadt hoffentlich reichen Nutzen bringt.

22. April 1914
Der vielberufene nackte Mann spukt wieder einmal in der Nähe des „Logenhauses“ umher. Jetzt hat er sich sogar ein Fahrrad zugelegt, auf dem er flüchtet, wenn die Situation für ihn unangenehm wird. So hat er sich am Freitag wieder gezeigt, ohne daß es gelang, seiner habhaft zu werden. Obwohl der Kerl bisher von größeren Belästigungen der Passanten des vielbegangenen Weges abgesehen hat, so wäre es doch erwünscht, wenn das Individuum endlich gefaßt würde und die Beruhigung des Publikums aufhörte.

25. April 1914
Zum Höchstgebot auf das vor kurzem versteigerte Mineralbad ist nunmehr der Zuschlag erteilt worden, die Stadt Hohenstein-Ernstthal wird damit endgültig Besitzerin des Bades mit seinen Baulichkeiten und Liegenschaften.
 


4. März 1914
Heute vormittag 1/2 12 Uhr erfolgte im Rathause durch Herrn Bürgermeister Dr. Patz die feierliche Aushändigung des städtischen Ehrendiplomes für Treue in der Arbeit an Herrn Webermeister Christian Friedrich Beyer, Logenstraße 8, und die Knüpferin Frau Anna Marie Gränitz geb. Funke, Bahnstraße*1 35. Beide arbeiten über 25 Jahre für die Firma Emil Heidel, in deren Vertretung Herr Artur Heidel dem Akte beiwohnte. Zwei noch länger für diese Firma Arbeitende, die Herren Webermeister Friedrich August Otto, Silbergäßchen 6 und Julius Schaller, König-Albertstraße*2 31, die auch ausgezeichnet werden sollten, mußten krankheitshalber in ihren Wohnungen aufgesucht werden. Es erhielt Herr Schaller im Beisein des Herrn Artur Seidel das tragbare Ehrenzeichen sowie das städtische Ehrendiplom für Treue in der Arbeit, Herr Otto das tragbare Ehrenzeichen für Treue in der Arbeit, nachdem ihm das städtische Ehrendiplom bereits am Tage seiner goldenen Hochzeit (17. Januar 1914) überreicht worden war. Herr Schaller arbeitet seit fast 33 Jahren, Herr Otto seit 30 Jahren für die Firma Emil Heidel.

7. März 1914
Nachdem schon vor einiger Zeit an dem südlichen Teil der Schönburgstraße*3 das Schnittgerinne angebracht wurde, sind jetzt wieder Arbeiter damit beschäftigt, das Trottoir vom Grundstück des Herrn Thierfelder bis an das Grundstück des Herrn Wächter herzustellen. Es machen sich aus diesem Grunde umfangreiche Bodenveränderungen nötig und muss deshalb Erdareal, das dort erhöht über dem Straßenniveau liegt, abgetragen werden. Das überflüssige Land wird nach der Helbig-Wiese an der Schönburgstraße*3 gebracht.

Einer großen Frühjahrswäsche werden gegenwärtig die mit Pflaster versehenen Straßen unserer Stadt unterzogen. Als erste wurde die Dresdnerstraße vorgenommen, die durch die Wäsche wie in einem neuen Gewand erscheint. Hat doch der Winter im Form von Schnee- und Eisresten, Streumaterialien usw. eine dunkle Visitenkarte hinterlassen, die das Aussehen der Straßen wesentlich beeinträchtigte. Dieses Aussehen aber zu heben, ist die Wäsche recht geeignet.

8. März 1914
Wie heute amtlich gemeldet wird, hat Se. Majestät der König genehmigt, daß der Vorstand unseres Amtsgerichts, Herr Oberamtsrichter Rößler, vom 1. Juli d. Jahres an in gleicher Eigenschaft an das Amtsgericht Zwickau versetzt wird. An seine Stelle hier tritt von gleichem Zeitpunkt an Herr Landgerichtsrat Dr. Vogel in Chemnitz unter Verleihung des Titels und Ranges eines Oberamtsrichters. Herr Rößler bekleidet sein hiesiges Amt seit dem 1. Oktober 1904. Weite Kreise werden den verdienten Beamten nur ungern von hier scheiden sehen.

11. März 1914
Eine gemeine Tat wurde in der Nacht zum Montag im Hause der Witwe Müller auf der Aue verübt. Ein unbekannter Täter hat im Garten und Waschhaus stand die eingewässerte Wäsche zweier Familien, die im Hause herumgeschleudert und beschmutzt wurde. Eine Hauslampe wurde in die Jauche geworfen und das Gartentor angegriffen. Man gewinnt den Eindruck, daß ein Racheakt vorliegt. Der Täter hat zu seiner verwerflichen Handlungsweise eine elektrische Taschenlampe benutzt, denn als einige dort wohnende Männer gegen 12 Uhr nach Hause kamen, wurden sie durch ein plötzliches Aufleuchten aufmerksam, legten aber diesem Vorgang keine Bedeutung bei.

Höchst rüpelhaft benahmen sich gestern abend zwei ungefähr 16-17 Jahre alte Burschen auf der Chemnitzerstraße*4. Sie balgten sich dort herum und demolierten dabei an einem Hause ein Kellerfenster. Als ein auf der Aktienstraße wohnender Fabrikarbeiter den Burschen diese Flegelei verbat, wurden sie ausfällig gegen diesen und führten gemeine Redensarten. Ja sie verfolgten ihn sogar durch die ganze Stadt bis zur Weinkellerstraße, ihn und seine Frau stark belästigend. Erst als man energisch mit Ohrfeigen und Polizei drohte, ließen die Burschen von dem Ehepaar ab.

15. März 1914
Ein Einruch wurde heute nacht im Martin-Luther-Stift verübt. Ein bisher Unbekannter ist über die Umzäunung geklettert, fand durch ein offenstehendes Fenster des Schulhausbewahrungsraumes Eingang und begab sich in den Arbeitsraum der Kinder, wo er mit einer eisernen Zaunspitze ein Schreibpult aufwuchtete und seine Sparbüchse sowie eine an der Wand hängende Sammelbüchse aufbrach und entleerte, wobei ihm 2 Mk. Einzelgeld in die Hände fielen. Der Einbrecher durchwühlte weiter einen Schrank, nahm daraus aber nichts mit, wandte sich vielmehr dem Fleischgewölbe zu, wo er 2 Pfund Speck und ebensoviel Wurst stahl und diese Ware in einem gleichfalls gestohlenen Marktnetz mitnahm. Die ganze Art und Weise des Einbruchs spricht dafür, daß der Dieb mit den Verhältnissen vertraut sein muss.

26. März 1914
Ein seltenes Jubiläum kann am 1. April Herr Buchbinder Otto Richter, wohnhaft Landgraffstraße 9*5, feiern. An diesem Tage vollenden sich 50 Jahre, daß Herr Richter in diesem Hause wohnt. Vor 50 Jahren zogen die Eltern Richters in dieses Haus. Nach deren Tode behielt Richter die Wohnung und hat dieselbe heute noch inne. Das Haus wechselte einige Male den Besitzer in diesem Zeitraum. Jetzt gehört es Herrn Eisendreher Max Winter.

31. März 1914
Zahlreiche Ehrungen wurden anläßlich der goldenen Hochzeit Herrn Oberlehrer i.R. Wilhelm Ernst Reichardt und seiner Gattin, einer geborenen Temper, zuteil. Herr Pfarrer Albrecht segnete das Jubelpaar, das sich noch körperlicher wie geistiger Frische erfreut, erneut ein und das Konsistorium ließ eine Ehrenbibel überreichen. Seit 43 Jahren wohnt Herr Reichardt hier, bis mit 1900 wirkte er an der Altstädter Schule als Oberlehrer und Stellvertreter des Direktors; 16 Jahre gehörte er dem Stadtverordneten-Kollegium an, etwa 6 Jahre lang war er dessen Vorsteher, auch wirkte er 7 Jahre lang im Kirchenvorstand mit. Das Jubelpaar besitzt 2 Söhne, von denen der eine Direktor der Straßenbahn in Duisburg, der andere Hüttendirektor in Barbe-Borbeck ist. Der erstgenannte wohnte der Feier im Elternhause bei. Um Stadt, Schule und Kirche hat sich der Jubelbräutigam gleicherweise  verdient gemacht, und das wird ihm die Allgemeinheit stets Dank wissen. Die Jubelbraut wirkte auch ersprießlich im Damenvorstand des Schubertstiftes mit.

*1 Bahnstraße – heute: Karl-May-Straße
*2 König Albertstraße – heute: Conrad-Clauß-Straße
*3 Schönburgstraße – August-Bebel-Straße
*4 Chemnitzerstraße – Pölitzstraße
*5 Landgraffstraße - Ziegenberg


03. Februar 1914
Arbeitswohnhäuser zu bauen, das vielerörterte und vielversuchte Problem der Gegenwart, hat man auch schon früher unternommen. Nicht allein, weil es an Wohnungen mangelte, sondern vor allem auch, um Räume zu schaffen, die so gestaltet waren, daß man das Gewerbe ohne Schwierigkeiten darin ausüben konnte. Eins davon steht noch heute. Es ist das Hinterhaus des Fleischermeister Lässigschen Besitzes in der Dresdnerstraße 19. Es zeichnet sich aus durch gerade Treppen, die das Stockwerk ohne Brechung und Absätze nehmen und sich so für den Transport von schweren und großen Maschinen eignen, und durch außerordentliche Höhe der Räume. Jedes der Stockwerke hat noch heute einen Ausgußstein, der von der Gossenanlage – für die damalige Zeit eine seltene Anlage-, herrührt. Das Haus wurde von der Firma Landgraff in der Mitte des 19. Jahrhunderts errichtet. Ein ähnliches Arbeiterhaus, von der Deckenfirma Beck errichtet und mit lauter „Deckenmachern“ belegt, wurde anfang der sechziger Jahre beim sogenannten Meisterhausbrand ein Raub der Flammen. Man sieht, es ist manches schon dagewesen, von dem die heutige Generation meint, dass sie es erfunden habe. Freilich waren die Beweggründe wesentlich andere. Wenn man sich heute den ideellsten Begriff eines Arbeiterhauses vor Augen hält, dann muß es wohl das Einfamilienhaus sein, das dem Tag über in die Werkstatt gefesselten und besitzlosen Arbeiter ein gemütliches Heim und einen eigenen kleinen Besitz sichert. Gleichwohl gingen bzw. gehen beide Richtungen darauf hinaus, dem Arbeiter zu helfen, und es ist erfreulich, daß es hiesige Handelsherren waren, die einst schon einen schönen Gedanken in die Tat umzusetzen versuchen.

05. Februar 1914
Gestern mittag ist, wie wir hören, der nominelle Besitzer des Mineralbades, des „Wintergartens“ in Schönau, des „Weissen Schlosses“ – in Blasweitz und wohl noch mehrerer anderer Objekte, der weitbekannte Herr Christian Friedrich Lorenz in einem Hotel in Chemnitz verhaftet worden. Mit ihm bez. Vor ihm sind auch mehrere seiner früheren Angestellten verhaftet, die sich jetzt in verschiedenen Orten aufhalten, sowie Verwandte, die an den Lorenz zur Last gelegenen Vergehen mitschuldig sein sollen, verhaftet worden. Zugleich fand gestern im Mineralbad eine Haussuchung statt, bei der zahlreiche Bücher und Papiere beschlagnahmt wurden. Die Vergehen die Lorenz zur Last gelegt werden, bewegen sich auf den Gebieten langjähriger verfehlter finanzieller Spekulationen, die schließlich zum Zusammenbruch führten. Die letzten Jahre hielt sich Lorenz bekanntlich in Böhmisch-Einsiedel auf, wo er sich von einem sächsischen Gläubigern sicher glaubte, bis er vor einiger Zeit auch dort domizillos wurde und wieder nach Sachsen zurückkehrte. Nunmehr hat ihn in Chemnitz sein Schicksal ereilt.

Die goldene Hochzeit feierte gestern das Fritz Heinrichsche Ehepaar, Wiesenstraße 4 wohnhaft, im Kreise seiner Angehörigen. Das Jubelpaar wurde durch mancherlei Aufmerksamkeiten erfreut. Möge den alten Leuten noch ein recht ruhiger, zufriedner Lebensabend beschieden sein.

07. Februar 1914
Der hiesige Naturheilverein will im laufenden Jahre eine Erweiterung seiner Anlagen vornehmen. Geplant ist der Bau eines Zweifamilienhauses. Dasselbe soll u.a. eine Wohnung enthalten für den Verwalter der Unterkunftshalle. Das von der Stadt zur Verfügung gestellte Grundstück ist bereits eingezäunt worden und sollen die gärtnerischen Anlagen nach dem Entwurf des Stadtgärtners Herrn Kaiser-Glauchau ausgeführt werden. Auf dem neuen Grundstück soll eine neue moderne Anlage für Licht-, Luft- und Sonnenbäder angelegt werden.

12. Februar 1914
Prinz Karneval hatte gestern abend in der „Hüttenmühle“ eine große Anzahl seiner Getreuen um sich geschart. Es mochten wohl an die 40 Masken gewesen sein, die selbstverständlich im Zusammenwirken mit den sehr zahlreich anwesenden Zuschauern ein reges Leben entwickelten. Bei der großen Anzahl schöner Masken fiel es den Preisrichtern schwer, die richtige Wahl zu treffen. Es erhielten Preise, von den Herren der „Vogelhändler“, die „Plakatsäule“, der „Lump“; von den Damen wurden bedacht „Königin der Nacht“, der“ Weihnachtsbaum“ und die „Wasserrose“.

17. Februar 1914
Wie eng verknüpft mit allen gesellschaftlichen Kreisen unserer Stadt der am Freitag am Gehirnschlag verschiedene Stadtmusikdirektor Eduard Naumann war, zeigte sich heute nachmittag vor aller Oeffentlichkeit, als man ihn zu Grabe trug. Bereits gestern erwiesen ihm eine große Anzahl unserer Sänger, denen er stets ein lieber Freund, Berater und Helfer war, die letzte sangesbrüderliche Liebe, indem sie vor dem Hause Trauerständchen sangen. Und heute in den ersten Nachmittagsstunden trug man ihn hinaus, der mit allen Fasern seiner Lebens der Musik ergeben war, betrauert und geleitet von einer außerordentlich großen Zahl treuer Freunde, denen er im Leben nahegestanden. Die Stadtkapelle geleitete ihn mit dem Chopinischen Trauermarsch zur letzten Ruhestätte. Eine große Anzahl von Vereinen mit Fahnen folgte seinem Sarge, der über und über mit prachtvollen Blumenspenden geschmückt war.

20. Februar 1914
Vor kurzem hatte ein Rechtsanwaltsschreiber auf hiesigem Bahnhofe seine Taschenuhr mit Kette verloren. Es war beobachtet worden, daß jemand sie aufhob, sie ward aber nicht auf dem Fundamt abgeliefert, der unehrliche Finder hatte sie vielmehr versetzt. Er ward von der Polizei ermittelt, die dem Verlustträger die Uhr wieder zurückgeben konnte. Es wird nunmehr Bestrafung wegen Fundunterschlagung erfolgen.

25. Februar 1914
Höchst raffiniert zeigten sich dieser Tage zwei größere Schulmädchen. Eine am Altmarkt wohnende Arbeitersehefrau hatte ihr 4 Jahre altes Töchterchen in ein Buttergeschäft geschickt und ihr eine Mark in einem Geldsäckchen mitgegeben. Das Kind versorgte den Einkauf und bekam auf die Mark einige Pfennige heraus, die es dann ins mitgeführte Handkörbchen legte. Nun kamen die beiden Mädchen hinzu, nahmen dem Kind das Portemonnaie aus dem Korbe, entleerten es und legten es wieder in den Korb zurück, worauf sie verschwanden. Hoffentlich gelingt es die beiden Mädchen zu ermitteln.

28. Februar 1914
Zweimal vom Brande heimgesucht wurde gestern abend ein dem Abbruch verfallenes Gebäude, das dem Eisenbahnarbeiter Herrn Opelt gehörige Badergut in der Nähe des Neustädter Schützenhauses, das man wohl als eins der ältesten Gebäude Alt-Ernstthals ansprechen kann. Bereits ½ 8 Uhr waren, nach erfolgtem kleineren Alarm, einige Wehrmänner tätig, um einen kleinen Brand in diesem Gebäude, das unbewohnt ist, zu dämpfen, der auch völlig abgelöscht wurde und keinesfalls die Ursache des erneuten Brands sein kann der kurz nach 10 Uhr entstand, und zwar an der Treppe. Als diesmal die 2. Kompagnie der Feuerwehr eintraf, war es ihr nicht möglich, über die Treppe ins innere des Hauses zu gelangen, da diese bereits von den Flammen ergriffen war. Die Wehr musste von der Rückseite des Gebäudes eingreifen und konnte auch den Brand auf seinen Herd beschränken. Der Abbruch des Badergutes war in Angriff genommen, befand sich aber noch im Anfangsstadium, und nun haben die Flammen in dieser Hinsicht tüchtig vorgearbeitet, denn mehrere Mauern gingen in Trümmer. Nach 1 Uhr morgens konnte die 2. Kompagnie der Freiwilligen Feuerwehr wieder abrücken, ohne daß es nötig war, eine Brandwache zurückzulassen.
 


10. Januar 1914
Eine wahre Freude war es, gestern abend zu beobachten, wie sich Männlein und Weiblein in großer Zahl auf der Rodelbahn des Erzgebirgsverein tummelten, noch mehr Freude aber bot sich dem, der sich dem lustigen Treiben anschließen konnte. In schöner Fahrt ging es trotz einiger störender Buckel talwärts bis in den Wald hinein, wenn auch auf etwa halber Höhe der Bahn der Wind die Eiskörnchen von der Schneedecke ablöste und dem Fahrer ins Gesicht trieb. Wem der Wind zu sehr durchs Gewand pfiff, der hielt zur Einnahme von etwas Wärmenden Einkehr beim Hüttenwirth, der bänglich Ausschau nach dem Wetter hielt und jedenfalls schon gestern geahnt hat, daß er nun bis auf weiteres des beschwerlichen Bergsteigens enthoben ist, denn solchem durchdringenden Regen hält schließlich auch eine hartgefahrene Bahn nicht stand.

14. Januar 1914
Die goldene Hochzeit feiern zu können, ist nächsten Sonnabend, den 17. Jan., dem Webermeister August Otto und seiner Ehefrau geb. Gräfe vergönnt. Sind die alten Leute leider auch nicht mehr so rüstig, daß sie ihrer gewohnten Lebenslangen Berufsarbeit noch nachgehen könnten, so freuen sie sich doch auf den Ehrentag und schauen lebensfreudig in die Zukunft, von der sie noch einige Jahre beschaulicher Ruhe erwarten. Ein reicher Kreis von Kindern, Enkeln und Urenkeln umgibt die alten Leute und wird am Tage der goldenen Hochzeit um sie versammelt sein. Erwähnenswert ist bei dieser Gelegenheit, daß das Jubelpaar noch heute in der Wohnung am Silbergäßchen wohnt, die es vor reichlich 40 Jahren nach dem Brande des genannten Gäßchens Anfang der 70er Jahre bezogen hatte. Wir möchten heute als erste den Kranz der Glückwünsche eröffnen, der den braven alten Leuten sicher beschert wird.

16. Januar 1914
Feuersignale erschollen gestern in der 6. Abendstunde durch die Stadt. Gegen 5 Uhr war ein Trockenraum des Wollhauses der Chemischen Bleicherei Hüttengrund durch Fahrlässigkeit ein Brand entstanden, der außerordentlich schnell um sich griff. Sehr bald waren Teile der 1. Komapagnie unserer Freiw. Feuerwehr sowie die Hüttengrunder Wehr zur Stelle und machten sich unter Leitung des Herrn Branddirektors Lange ans Löschwerk, das insofern von bestem Erfolge war, als es gelang, den Lagerraum für fertige Wolle, der mit großen Vorräten gefüllt war, vor dem gefräßigen Element zu schützen. Wie polizeilich festgestellt ward, ist der Brand fahrlässiger Weise verursacht worden, und zwar durch einen im Trockenraum arbeitenden, jungen Mann, der auf Veranlassung seines Kollegen eine den Trockenraum beleuchtende Gaslampe mit einem Streichholz anzündete und das noch brennende Hölzchen in den die Lampe umschließenden Schutzkasten warf, an dessen Boden sich Luftlöcher befanden. Der im Schutzkasten angesammelte Wollstaub entzündete sich sofort und das Feuer wurde durch den vom Exhaustor hervorgerufenem starken Luftzug weitergetragen, zunächst auf die auf Trockennetzen ausgebreitete Wolle. Die Arbeiter mussten sich so schnell wie möglich in Sicherheit bringen. Große Mengen von Wollen, Baumwolle u. dergl. sind durch den Brand vernichtet worden, der auch daß ganze Trockengebäude ergriff, das völlig ausbrannte. Die Flammen schlugen oft bis fast zum angrenzenden Walde hinüber und nur der günstigen Windrichtung ist es zu danken, daß der Brand nicht auch die übrigen Baulichkeiten ergriff. Der Schaden, den die Firma Gebrüder Meißner erleidet, ist ein recht beträchtlicher, wenngleich er teilweise durch Versicherung gedeckt werden dürfte. Bereits vor zwei Jahren brannte das gleiche Gebäude fast völlig aus. Der junge Mann, der den Brand verursachte, ward in Haft genommen und zwecks Vernehmung dem Amtsgericht zugeführt. Von den auswärtigen Wehren gab die Feuerwehr Hermsdorf das erste Wasser.

18. Januar 1914
Mit dem Wegschaffen von Schnee aus den verkehrsreichsten Straßen ist unsere Stadtverwaltung schon seit reichlich einer Woche beschäftigt. Seit einer Reihe von Jahren war dies nicht in dem Maße der Fall, wie heuer. Es ist dies ein Zeichen von der Andauer und dem Umfang der Schneefälle, die in Verbindung mit der eingesetzten Kälte bewirkten, daß wir endlich einmal von einigen Schneewinterwochen. Außer von der gesundheitlichen Seite ist das besonders auch vom Standpunkt des Geschäftslebens aus zu begrüßen, das zwar nicht auf die Höhe gebracht werden kann, als wie dies um Weihnachten möglich war, immerhin aber eine wünschenswerte Ausrichtung erfuhr.

22. Januar 1913
! Feuer im Rathause ! Dieser Ruf erscholl gestern Dienstag abend in der 8. Stunde, nachdem zunächst einzelne Feuersignale in den Straßen ertönt waren. Glücklicherweise war die Sache an sich nicht schlimm, wiewohl einiger Schaden beim Aufsuchen des Brandherdes und beim Löschen entstanden ist. Kurz nach ½ 8 Uhr bemerkten im Meldeamtszimmer beschäftigte Beamte Brandgeruch und benachrichtigten sofort Herrn Bürgermeister Dr. Patz. Bei näherer Untersuchung bemerkte man in der Decke nahe der Esse einen weißen Fleck und hörte auch gleichzeitig ein Knistern im Fehlboden. Beim Durchstoßen dieses weißen Fleckes sah man weiter, daß die innere Decke zwischen dem Meldeamts- und dem Ratssitzungszimmer brannte, und zwar war der Deckel von den Flammen ergriffen, der den Luftschacht neben der Esse abschließt; auch das Ballenwerk war bereits in Brand geraten. Mit sofort angewandten Minimax- und Trockenlöschapparaten ging man dem Brandherd zuleibe und konnte das Feuer auch unterdrücken, ehe die alarmierte Wehr in Tätigkeit zu treten brachte. Man ist sich noch nicht klar über die Ursache des Brandes, der sich sicher von den schlimmsten Folgen begleitet gewesen sein würde, wenn er einige Stunden später ausgekommen und nicht von den Beamten beobachtet worden wäre. Infolge der Löscharbeiten ist die Dielung vollständig zerstört; der Luftschacht und die Ballendecke zum teil beschädigt worden; natürlich ist auch Schaden durch Wasser entstanden und die Wände haben durch Ruß usw. gelitten.