Was war damals los ?

Diese Frage stellen sich die Mitglieder unseres Vereins immer wieder. Aus diesem Grund veröffentlichen wir hier regelmäßig historische Meldungen aus der Stadt Hohenstein- Ernstthal. Wir danken dem Stadtarchiv unserer Stadt für die freundliche Unterstützung.

Historische Meldungen aus dem Jahr 1915

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Januar

Februar

März

April

Mai

Juni

Juli

August

September

Oktober

November

Dezember

 

 

 

 

1. Januar 1915
Am kommenden Sonnabend, den 2. Januar, begeht die hiesige Firma Robert Meisch das fünfzigjährige Jubiläum ihres Bestehens. Aus kleinen Anfängen heraus hat sich die Firma, die jetzt in den Händen des Sohnes des Gründers Herrn Ernst Meisch ist, zu einer der größten und hervorragendsten Trikotagenfabriken unserer Stadt und Gegend entwickelt, die Hunderten von Arbeitern Brot gibt und deren Erzeugnisse in alle Welt gehen. Der Gründer der Firma, der erst vor wenigen Jahren hier gestorben ist, stammte aus Nordhausen und fabrizierte zunächst in dem Hause des Fleischers Herrn Schönland, später im Hause der Firma F. L. Peschel und schließlich im Grundstücke des Herrn Emil Beck sog. Apoldaer Waren, Seelenwärmer, Häubchen usw., bis er sich der Herstellung von Trikotagen, Hosen, Jacken usw. zuwendete. Zugleich hatte Herr Robert Meisch den großen Neubau an der Weinkellerstraße errichtet, in welchem die Firma nun am Sonnabend ihr Jubiläum und die zahlreichen geschäftlichen und persönlichen Freunde, welche die Firma und ihr Inhaber in reichem Maße sich erworben haben, freudigen Anteil nehmen. Gerade in den jetzigen Zeitläufen haben die Erzeugnisse der Jubelfirma so manchen Krieger in Ost und West vor Kälte und Weh bewahrt. Hoffen und wünschen wir, daß das Ansehen der Firma, dessen diese sich im In- und Auslande erfreut, ein immer größeres werden möge, daß der Betrieb sich in immer steigendem Maße auswachse. In diesem Sinne statten auch wir Herrn Ernst Meisch unsere herzlichen Glückwünsche ab.

6. Januar 1915
Auf eine 20jährige Tätigkeit als Lokalrichter kann am heutigen Tage Herr Louis Dähne, ein in allen Kreisen unserer Stadt bekannter und allgemein geachteter Mann, zurückblicken. Heute vor 20 Jahren erfolgte auf dem hiesigen Amtsgericht seine Vereidigung für ein Amt, das Herr Dähne hoffentlich noch recht lange auszuüben sich erfreuen kann.

9. Januar 1915
Heute vormittag 10 Uhr fand im Sitzungssaale des Rathauses die feierliche Verpflichtung und Einweisung des zum Ratsmitgliede gewählten Herrn Fabrikbesitzer Kurt Zwingenberger statt. Sie wurde vorgenommen durch Herrn Stadtrat Anger in Vertretung des heute früh zum Kriegsdienst eingetroffenen Herrn Bürgermeister Dr. Patz. Es hatten sich Herren vom Rats- sowie vom Stadtverordnetenkollegium dazu eingefunden. Der Herr Vorsitzende widmete zunächst dem Wirken des wegen Krankheit ausgeschiedenen Herrn Stadtrat Friedensrichter Bohne ehrenvolle Worte der Anerkennung und des Dankes und gab hier auf der Genugtuung über den Ausfall der Ersatzwahl für die Jahre 1915 bis 1919 und der Freude über deren Annahme durch Herrn Zwingenberger Ausdruck. Es erfolgte sodann die eidliche Verpflichtung des neuen Ratsmitgliedes nach deren Beendigung dieses von Herrn Stadtrat Anger namens des Rats-Kollegiums herzlich willkommen geheißen wurde mit dem Wunsche, daß seiner Mitarbeit Glück und Segen beschieden sein möchte. Im Namen des Stadtverordneten-Kollegiums dankte Herr Vorsteher Lohse Herrn Zwingenberger für die Annahme der Wahl und versicherte ihn des Vertrauens dieser Körperschaft unter herzlichen Glückwünschen. Herr Stadtrat Zwingenberger dankte für die Glückwünsche und das durch seine Berufung in den Rat ihm erwiesene Vertrauen und gelobte Treue und Fleiß im Dienste seiner Vaterstadt. Mit einer Beglückwünschung seitens der übrigen Anwesenden endete der feierliche Akt.

16. Januar 1915
Ein in allen Kreisen unserer Bürgerschaft gleich gut bekannter und geachteter Mann, Herr Stadtrat William Zeißig, hat, was allen unerwartet kam, das Zeitliche gesegnet. Noch am Mittwoch abend bewegte er sich wohlgemut im Kreise lieber Bekannter in einem hiesigen Verein, und am nächsten Morgen machte ein Gehirnschlag seinem ersprießlichen Leben ein schnelles Ende. Gott hatte ihm ein selten langes Leben geschenkt – 82 Jahre, von denen er eine lange Reihe dem städtischen Gemeindewohl widmete. Zunächst betraute ihn das Vertrauen der Bürgschaft mit dem Amt eines Stadtverordneten, und dann berief man ihn im Jahre 1868 zum Mitglied des Rates, dem er bis 1908 – also 40 Jahre lang angehörte; in diesem Jahre schied Herr Zeißig altershalber vorzeitig aus dem Amte. Seit 1874 war der Verstorbene Stellvertreter des Bürgermeisters. Nach 25jähriger Tätigkeit im Rate ward ihm das Ritterkreuz 2. Kl. Des Albrechtordens verliehen und ihm gleichzeitig die Ehrenbürgerschaft zuerkannt. Bei seinem 30jährigen Stadtrats-Jubiläum ehrte die Stadt sein Wirken – zumal auf dem Gebiete der Armenpflege – durch Benennung einer Straße nach seinem Namen. Am 1. Januar 1908 vierzig Jahre im Stadtratsamte, ward der nun Verstorbene auch Ritter des Verdienstordens 2. Klasse; die Stadt errichtete zu Ehren Zeißigs eine Stiftung in Höhe von 2000 Mk. für wohltätige Zwecke, über deren Erträgnisse der Verewigte das Verfügungsrecht besaß. Das Andenken an den Verblichenen wird für alle Zeiten in unserer Stadt wach bleiben.


3. Februar 1915
Als Vorsteher unseres Kaiserlichen Postamtes wurde Herr Polizeidirektor Michael vom Postamt Leipzig 8 nach hier versetzt und hat heute sein neues Amt übernommen. Herr Postdirektor Michael ist der neunte Vorsteher, seit unsere Post zum Postamt 1. Klasse erhoben wurde. Nachdem die frühere Postmeisterei*1 im Kunze-Gut in der Poststraße (jetzige Bismarckstraße*2) und im Vetterschen Hause am Altmarkt ihre Diensträume lange Jahre hindurch innegehabt hatte, siedelte Mitte der 60er Jahre die „alte sächsische Post“ unter Postmeister Schulze ins Bahnhofsgebäude über. Als die Staatseisenbahnverwaltung die Räume im Bahnhofsgebäude selbst benötigte und der sich steigernde postalische Verkehr von selbst und ein eigenes Heim erforderte, ging man 1886 an die Errichtung des Postgebäudes in der Schubertstraße, das im Oktober 1887 bezogen werden konnte. Ursprünglich sollte das Postgebäude in dem Baumgärtelschen Grundstück da, wo das alte „Trockenhaus“ stand, seinen Platz finden. Die Verhandlungen mit dem damaligen Besitzer führten zu keinem Ergebnis und so übernahm eine Gesellschaft den Postneubau auf eigene Rechnung, nachdem die Platzfrage eine befriedigende Lösung gefunden hatte. Seit dem Jahre 1901 ist das Postgebäude vom Reiche übernommen worden. Die Posthalterei besteht seit 1887, die Herr Gotthilf Richter übernahm, später von Herrn Paul Männel und jetzt durch Wilhelm Piper ausgeübt wird. Dem Postamt im Bahnhofsgebäude standen vor die Direktoren Ruppel (†) und Buchheim (†). Diesen folgten im Postamt auf der Schubertstraße die Direktoren Reichert (†), Rabis (†), Knoblauch (†), Rascher (†), Kießig (†), Seidel (†) und der nunmehrige Vorsteher Herr Polizeidirektor Michael, den unsere besten Wünsche in seinen neuen Wirkungskreis begleiten.

11. Februar 1915
Einem gesegneten Lebenslauf hat der Altbezwinger Tod abermals seinen Abschluß gegeben: gestern starb der älteste Einwohner unserer Neustadt, Herr Ernst Ferdinand Koch, im Alter von 88 Jahren. Mit ihm ist ein schlichter, ruhiger Mann dahingegangen, dem das Wohl der Vaterstadt wie des Vaterlandes stets am Herzen gelegen hat. Als eifriger Anhänger und Verfechter Jahnscher Ideen erlebte auch er die unruhigen Tage des Jahres 1848 mit und half die deutsche Turnerschaft eifrig mit fördern. Ersprießlich war er eine lange Reihe von Jahren im Vorstand der hiesigen Weber-Innung tätig und das Vertrauen seiner Mitbürger berief ihn in die Bürgervertretung der damaligen Stadt Ernstthal; er übte dieses Amt auf die Dauer mehrere Wahlzeiten aus. Nun ruht er aus von einem langen und gesegneten Leben. Ein ehrendes Gedenken wird ihm sicher sein.

16. Februar 1915
Mit allerhöchster Genehmigung Sr. Majestät des Königs hat das Königliche Ministerium des Innern Herrn Privatmann Friedensrichter Bohne hier anlässlich seines Ende 1914 erfolgten Ausscheidens aus dem Ratskollegiums in Anerkennung seines langjährigen verdienstvollen Wirkens für die Stadt Hohenstein-Ernstthal den Titel „Stadtrat“ verliehen. Am vergangen Sonnabend fanden sich Herr Stadtrat Layritz in der Wohnung des Herrn Bohne ein. Herr Stadtrat Anger als stellv. Bürgermeister und Herr Stadtrat Layritz in der Wohnung des Herrn Bohne die ihm gewordene Auszeichnung und brachte ihm die herzlichen Glückwünsche des Stadtrates dar.

21. Februar 1915
Ein nachahmenswertes Beispiel von Nächstenliebe gab die Arbeiterschaft der Firma C. F. Jäckel (Inh. Herr Georg Layritz) hier. Die Arbeiterschaft dieser Webfirma hielt fast jedes Jahr aus den Erträgnissen der Strafgeldkasse ein kleines Vergnügen ab. Mit Rücksicht auf die ernste Zeit wurde dieses Jahr jedoch davon abgesehen und beschlossen, von diesem Gelde jedem im Felde stehenden Mitarbeiter vorläufig ein Liebesgabenpaket im Werte von 2 Mk. zu senden und den Angehörigen zweier im Kriege gefallener verheirateter Mitarbeiter ein annehmliches Geldgeschenk zu überweisen.

28. Februar 1915
Am 26. Februar feierten Herr privatis. Photograph Friedrich Lasch und Frau das seltene Fest der goldenen Hochzeit. Das Jubelpaar, welches diesen Ehrentag noch in voller Rüstigkeit im Kreise reichlich erschienener Familienmitglieder begehen konnte, wurde von Herrn Pfarrer Albrecht im Hause eingesegnet und es wurde ihm von diesem eine Prachtbibel überreicht. Reichliche Blumenspenden sowie sonstige Aufmerksamkeiten von nah und fern wurden dem Jubelpaar zuteil.


2. März 1915
In heimischer Erde zur letzten Ruhe gebettet wurde gestern nachmittag Herr Fleischermeister Bruno Ebersbach, der fern der Heimat in einem schlesischen Lazarett starb. Im besten Mannesalter raffte ihn, der mit des Vaterlands Verteidigung berufen war, eine Krankheit plötzlich und unerwartet dahin. Gestern nun wurde seine Leiche der heimischen Erde übergeben. Die Fleischer-Innung, der Königl. Sächs. Militärverein „Deutscher Kriegerverein“, zahlreiche zur Genesung hier aufhältliche Krieger und der „Turnerbund“ gaben ihm neben den Angehörigen wie einer großen Reihe von Freunden und Bekannten das letzte Geleit. Am Grabe sprach Herr Pastor Dybeck ehrende und tröstende Worte, die Gewehrabteilung des Kriegervereins feuerte die Ehrensalve übers Grab.

6. März 1915
Herrn Schmied Paul Wolf hier, der in der Landgraffstraße wohnt und den Feldzug auf dem westlichen Kriegsschauplatze als Unteroffizier bei der Maschinengewehrabteilung des 244. Regiments mitmacht, ist für besondere Tapferkeit während der Kämpfe um Zypern, wobei er schwer verwundet wurde, das Eiserne Kreuz 2. Klasse verliehen worden.

10. März 1915
Gestern abend konnte das Kirchenchor und die Liedertafel eine dreifache Jubilarfeier abhalten. Die Jubilare waren die Herren Emil Goldschmidt, Gustav Gläßer mit 50jähriger Mitgliedschaft der Liedertafel und Emil Stöß mit 25jähriger Mitgliedschaft. Der Erstgenannte war 30 Jahre Kassierer des Vereins, der andere 30 Jahre Archivar des Vereins. Nach dem Gesang einer Motette hielt Herr Kantor Merker eine herzliche Ansprache an die Jubilare, worauf Herr Vorsteher Adolf Winter denselben Urkunden überreichte, worin die beiden Erstgenannten zu Ehrenmitgliedern ernannt wurden. Herr Stöß bekam einen wertvollen Spazierstock. Herr Emil Lohse überreichte im Namen des Kirchenvorstandes unter anerkennenden Worten den Herren Goldschmidt und Gläßer ein schönes Diplom. Auch die Damen des Vereins hatten sichs nicht nehmen lassen, die beiden erstgenannten Herren zu beschenken.

17. März 1915
Durch den fortsetzenden Regen der letzen Tage ist der Hüttengrundbach stark angeschwollen, sodaß er an verschiedenen Stellen austrat und die Wiese überschwemmte. Dieser Umstand konnte nun am Sonntag gegen abend dort leicht ein Menschenleben fordern, indem ein im Bethlehemstift untergebrachter verwundeter Krieger, der sich auf dem Heimweg befand an der Talstraße infolge eines Krampfanfalles in den Bach stürzte. Zum Glück hatte ein Kamerad den Vorgang bemerkt. Er eilte schnell hinzu und brachte den fast Leblosen, mit Hilfe von gerufenen Personen, wieder in Sicherheit.

18. März 1915
Eine kurze, aber eindrucksvolle Feier fand gestern abend in der städtischen Webschule statt: vollendeten sich doch am 25. März fünfundzwanzig Jahre, daß der Weblehrer Herr Walther im Hause C. F. Jäckel an der Schule tätig ist. Im Beisein der übrigen praktischen Lehrer sowie der Lehrer der Gewerbeschule, der Herren Direktor Jähnig und Hauck, überreichte Herr Stadtrat Müller im Namen des Rates und des Ausschusses der Schulen zum Jubilar die städtische Ehrenurkunde, beglückwünschte ihn zu der erreichten langjährigen segensreichen Tätigkeit und sprach die Hoffnung aus, daß es ihm noch weitere Jahre vergönnt sein möge, der Schule sein Bestes zu geben. Im weiteren sprach noch Herr Direktor Jähnig die Glückwünsche der Kollegen aus, die Herrn Walther zum Andenken an den Tag einen Lehnstuhl stifteten. Gerührt von den Aufmerksamkeiten bedankte sich der Jubilar und versicherte auch seinerseits, daß er hoffe, seine Kräfte so Gott will, noch lange in der Schule widmen zu dürfen. Ein kurzes gemeinsames Beisammensein schloß die Feier.

27. März 1915
In russischer Zivilgefangenschaft befindet sich auch ein Neustädter, der 40 Jahre alte Herr Paul Bohne, Sohn des auf der Aue wohnenden Hausbesitzers Herrn Bohne, der seit einiger Zeit in Groschik bei Warschau als Werkführer in einer Tüllfabrik tätig war. Um demselben Los zu entgehen, ließ die Ehefrau Bohnes, die aus Pleißa bei Wüstenbrand stammt, ihre Habe dort in Stich und reiste mit ihren drei Kindern unter vielerlei Gefahren auf Umwegen nach hier, wo sie auch vor kurzem eintraf. Wie wir hören, soll Bohne über seine Behandlung in der Gefangenschaft keine schlechte Mitteilung gemacht haben.

30. März 1915
Nun liegt der erste besondere Gedenktag des Herzens hinter jenen, die in diesem Jahre die Schule verließen, der Tag, an dem sich feierliche Gelübde auf jedes Lippen drängten -  der Tag der Einsegnung. Unter feierlichem Glockengeläut und unter Führung der Lehrer bewegten sie sich gestern in geschlossenem Zuge von den Schulhäusern nach den Kirchen, um dort den Worten der Geistlichen zu lauschen, die ihnen den Segen eines praktischen Christentums eindringlich vor Augen führten. Viele von ihnen, die doch noch wirklich junge Kinder sind, ist der gegenwärtige Ernst der Zeit gewiß auch gerade gestern wieder zu erhöhtem Bewußtsein gekommen – fehlte doch so vielen bei dieser Feier der Vater, der Bruder, die in den Reihen der Verteidiger unseres schönen Vaterlandes stehen; mancher derselben hat schon den Heldentod erlitten. So ziehen sie denn nun hin und treten ein in den Lebens- und Wirkungskreis der Erwachsenen. Wohlauf denn, ihr lieben jungen Menschen: wir wünschen von Herzen Glück auf den Weg, Vertrauen in die Zukunft und Kraft für alle schweren Stunden, die ja nun einmal nicht ausbleiben.